Kapitel II: Wo soll die Reise hingehen?
Sie will nur mal schauen. Ausprobieren. Nichts weiter. Erstellt sich einen Avatar und wird zu Valentina Bechir. Die ersten Schritte sind mühsam, aber spannend: Valentina lernt einen Spanier kennen, erfährt, dass man in Second Life fürs bloße Rumhängen Geld verdienen kann und steigt zur Spielhallen-Queen auf.
Die Frau sitzt noch lange in dem abgedunkelten Raum. Vor dem Rechner. Sie wird noch über eine Stunde dort sitzen. Alleine. Ihr Partner wird dann längst zu Bett gegangen sein.
Doch wie kam es dazu? Drehen wir die Zeit weiter zurück. Um genau vier Monate.
Samstag, 17. März 2007. Eine Frau. 35 Jahre alt. Projektleiterin in der Baubranche. Steht mit beiden Beinen fest im Leben. Trägt Verantwortung für Projekte, Geld und Menschen. Realistin durch und durch. Fern jeder Anwandlung von Realitätsflucht. Bis auf Tagträume und gelegentliches Vertiefen in Chats oder Spielen am Computer.
Heute Abend, so hat sie entschieden, wird sie ihrer Neugierde nachgeben und einmal dieses SecondLife-Spiel ausprobieren, wovon die Medien berichten und das alle insidermäßig mit SL abkürzen. Es soll eine stetig wachsende Gemeinde sein. Weltweit, so hat sie dieser Tage gelesen, über vier Millionen Menschen. Menschen jedes Alters, jeden Glaubens und jeder Nationalität. Helden und Versager. Glückliche und Klagende. Reiche und Arme. Ein Querschnitt der Weltbevölkerung. Wenn man Inuit und einzelne versprengte Bergvölker einmal nicht mitzählt.
Am Abend installiert sie das Programm. Ihr Freund zuhause schüttelt den Kopf. Er hat schon so viel Negatives über SL gehört. Für ihn eine klare Sache: Sex und die ewige Verlockung nach dem großen Geld stehen im Vordergrund. Doch seine Freundin will nur mal schauen. Vermutlich, so denkt sie, wird sie sich ein paar Tage köstlich amüsieren oder zu Tode langweilen und dann das Spiel einfach wieder deinstallieren.
Der erste Weg in die Welt ist beschwerlich. Um sie herum: alles Newbies. Neulinge. Keiner hat Ahnung. Wildes Chatten in allen Sprachen. Aber zumindest hat ihre Spielfigur nun schon einmal einen Namen: Valentina Bechir. Geboren am 17. März 2007.
Stunde Null: Valentinas erste Schritte
Den Parcours der ersten Schritte habe ich hinter mich gebracht. Ich kann fliegen. Aber Auto fahren kann ich nicht. Ich kann gehen. Und mit anderen reden. Ich kann sogar teleportieren, mich also an einen anderen Ort beamen. Wenn ich nur wüsste, wohin!
Die Übersichtskarte hilft mir weiter. Jedenfalls sollte sie das. Die Welt ist ein Hyper-Schachbrett. Alles ist in Quadrate aufgeteilt, die zusammen das Grid, das Gitter, ergeben. Die Karte zeigt Ortsnamen, Diskotheken, Einkaufsmeilen, Landstücke, die zum Verkauf stehen. Und Tausende grüne Punkte. Jeder steht für einen Avatar, der sich gerade dort aufhält. Laut Anzeige sollen im Moment 40.000 Spieler zeitgleich mit mir online sein. Die Welt muss riesige Ausmaße haben. Denn an keinem Ort sieht man mehr als ein paar Dutzend Punkte.
Ich entschließe mich, eine Disco in der Nähe meines Standortes aufzusuchen. Den Club Crobar. Dort sind viele grüne Punkte, also viele Menschen. Vielleicht finde ich dort ja jemanden, der mir mal erklärt, um was es hier eigentlich geht!?
Ich treffe auf einen Spanier. Fernando!
Neu hier? Valentina wird mit Geschenken überhäuft
Fernando wird mit Valentina an diesem Abend nicht nur tanzen, sondern ihr auch viel über SL erzählen. Sie darauf hinweisen, dass ihre Klamotten eine Katastrophe sind und sie mit Freebies überschütten. Das sind kostenlose Waren, für die man nicht wie sonst üblich Lindendollar bezahlen muss – die Währung der virtuellen Welt. Fernando wird ihr Kleidung, Autos, Häuser, einen fliegenden Teppich und einen Fahrradzeppelin schenken. Mit beiden letzteren wird man Valentina noch häufig über die Ländereien von Second Life schweben sehen. Meist, bevor sie in den nächsten Nächten entscheidet, endlich das Spiel zu beenden.
Sie ist kontaktfreudig. Aber als Frau muss man sich in dieser virtuellen Welt nicht anstrengen, jemanden kennen zu lernen. Eher anstrengen, alle eindeutigen Angebote von den ewig Geilen abzuwimmeln. Sie wird viele Inseln besuchen in den kommenden Tagen und Nächten. Sie wird merken, dass man zwar in SL kein Geld benötigt. Aber wenn man sich ein wenig sexy herausputzen will, sich eine Kleinigkeit leisten will, dann braucht man ein bisschen Geld. Und das hat sie nicht. Ihre Kreditkarte zu zücken ist sie nicht bereit. Das muss bitteschön auch anders gehen.
Nichts tun und dafür Geld einsacken
Am Anfang jage ich den Money-Trees hinterher. Orte, an denen spendable Menschen eine kleinere Summe Geldes hinterlegen, die Newbies wie reife Früchte vom Baum pflücken können. Dann entdecke ich das Campen: Man kann, insofern man einen der heiß umkämpften Plätze ergattert, in Stühlen sitzen oder auf Dancepads tanzen. Oder so tun, als würde man Fenster putzen. Dafür gibt es im Schnitt drei Lindendollar pro Viertelstunde. 300 Lindendollar entsprechen etwa einem Euro.
Ich parke meine Avatarin dort und mache währenddessen Wäsche, etwas zu Essen oder sehe dabei fern. Andere, wie ich herausfand, lassen einen oder mehrere Rechner mit mehreren Avataren nächtelang laufen, um am nächsten Tag ein paar Hundert Lindendollar ihr Eigen nennen zu können. Ein solides Kostüm oder eine Perücke sind für 200 bis 300 Lindendollar zu haben.
Und dann sitzt man mit dem neu erworbenen Outfit wieder in irgend welchen Sesseln und erwirbt neuen bescheidenen Reichtum.
Auf die Dauer ist mir das aber zu langweilig. Also halte ich Ausschau nach einem Job. Ich werde Anwerberin für eine neue Slingo-Oase. Slingo, ein Glücksspiel, das in SL entstand, ist eine Art Bingo-Maschine. Die Oase gehört einem Pärchen aus Kalifornien. Ihr Auftrag: Ich soll Menschen überall auf diesen Ort aufmerksam machen. Dafür gibt es zwar wenig Geld, aber ich kann gleichzeitig mehr reisen und Kontakte knüpfen. Dass ich für Anwerbeversuche von Sims gebannt werde, ist selten. Kommt aber vor.
Wenn der Highscore eine neue Haut ermöglicht
Und wenn ich schon Werbung für ein Vergnügen mache, muss ich es auch selbst ausprobieren. Ein Autoverkäufer muss schließlich auch wissen, wie sich ein Fahrzeug fährt. Sollte er jedenfalls. Slingo ist Trend in Second Life und gar nicht so schwer: Die Maschine enthält ein Zahlengitter und am unteren Rand ein Laufband mit Zahlen, Jokern und Bonusfeldern. Wenn die Zahlen auf dem Laufband mit den Zahlen im Gitter übereinstimmen, klickt man sie an und kann Punkte bekommen. Wer um Mitternacht den Highscore hält, gewinnt. Ohne finanziellen Einsatz kann man an den Automaten bis zu 75 Lindendollar gewinnen.
Dafür kann man sich allerdings kaum etwas Anständiges kaufen. Ein paar neue Augen vielleicht – die kosten zwischen 20 und 50 Lindendollar. Aber einen vernünftigen Skin, also neue Haut, gibt es hier erst ab 1.000 Lindendollar. Natürlich, ich könnte mich auch rundum weiter mit kostenlosen Freebies ausstatten. Das sieht dann aber meistens auch so aus. Schnell habe ich bemerkt: Wer hier was auf sich hält, pflegt das Outfit seines Avatars. Klamotten und Körper. Ansprechend und sexy. Es gibt zwar auch Tier-Avatare. Oder Zombies und Vampire. Fantasiegestalten. Aber was die hier machen, weiß ich nicht.
Automaten-Wahn im Minutentakt
Und deshalb reizt mich dieses Slingo: Ich möchte auch Charisma ausstrahlen und attraktiv durch diese Welt laufen! Statt nur noch Werbung dafür zu machen, hocke ich mich also selbst vor den Automaten und setze Geld ein, um höhere Gewinne zu erzielen.
Ich habe eine Menge Glück: In wenigen Tagen, an denen ich nichts anderes mache als zu spielen, verdiene ich ein paar Tausend Lindendollar. Ich sehe aber auch viele andere. An Roulette- oder Kartentischen. Da gehen Tausende Lindendollar im Minutentakt in alle Richtungen. Meist in Richtung Bank. Die Bank gewinnt fast immer. Okay, auch im wirklichen Leben spiele ich gerne. Privat. Aber nie um Geld. Spielbanken kenne ich nur von außen, und an Kneipenautomaten habe ich in meinem Leben vielleicht ein paar Euro verloren. Doch nun habe ich mir in Second Life ein kleines Vermögen erspielt, mit dem ich mich neu ausstatten werde. Wenn auch nur virtuell.
Knisternde Rollenspiele im Chat-Fenster (Interview II)
Martin Gehr: Du hattest Glück und Ausdauer. Viele andere müssen für solche Summen arbeiten oder sich das Geld direkt kaufen. Was hättest du getan, wenn du beim Slingo-Wahn leer ausgegangen wärst?
Valentina Bechir: Vermutlich wieder gejobbt. Geld ziehen finde ich so unsportlich.
M: Über welchen alternativen Job hättest du dir denn Gedanken gemacht?
V: Naja *schmunzelt*, viele Newbie-Frauen probieren sich in SL als Stripperin oder Escort. Und ich bin eigentlich eine erfahrene Chatterin. Ich kann also verbal gute "Überzeugungsarbeit" leisten. Dinge und Situationen beschreiben, so dass sie an Plastizität gewinnen. Seit der Chatroom erfunden wurde, bin ich dabei und hatte schon alle möglichen Kontakte. Auch erotischer Art. Für den Club Crobar, den ich am ersten Abend in Second Life besucht habe, habe ich immer noch meine ausgefüllte Jobanfrage in der Tasche. Ich war oft dort und habe schließlich auch die Besitzerin kennen gelernt. Aber abgegeben habe ich die Bewerbung nie. Und ich werde das auch nicht mehr tun.
M: Das klingt zuversichtlich. Aber wenn ich nachfragen darf: Was hat dich denn letztendlich davon abgebracht, es doch nicht zu tun – neben der moralischen Komponente, die sicher auch eine Rolle spielt?
V: Die Jobs, meist in leeren Clubs, sind zu schlecht bezahlt. In Privatclubs oder außerordentlich gut besuchten Läden kann man zwar ab 200 Lindendollar je Viertelstunde verdienen. Aber: Du musst immer Lust haben oder eine hervorragende Rollenspielbegabung! Sex auf Kommando ist nicht leicht. Manchmal kommen auch noch Sprachbarrieren hinzu. Erkläre als Deutsche mit durchschnittlichem Englisch einmal einem Italiener mit lausigem Englisch, wie du es ihm besorgst. Da geht die Erotik schnell abhanden. Das ist schon im gleichen Sprachraum nicht immer leicht. Immerhin musst du dich ganz auf die Situation und den Menschen einlassen.
M: Hattest du Sex in SL?
V: Klar! *lacht* Ich bin neugierig. Auf alles!
Kapitel I: Das Ende
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Text: Valentina Bechir; Interview: Martin Gehr; Fotos: Valentina Bechir/Second Life









