Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

"Ich konnte das wirkliche Leben und Second Life nie trennen. Doch zum Schluss drohte ich, genau daran zu zerbrechen!" Vier Monate verbrachte Valentina Bechir in der virtuellen Welt. Je intensiver sie es lebte, desto freimütiger handelte sie. Bis zu echter Liebe. Bei Medien Monitor erzählt die 35-Jährige ganz offen ihre Geschichte. Sie zeigt, wie wunderschön Second Life sein kann. Und wie gefährlich. Und was passiert, wenn man die Kontrolle über sein Doppelleben verliert.
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Kapitel I: Das Ende

600 Meter über der Stadt nehmen Valentina und Sienna Abschied voneinander.

16. Juli 2007. Eine Frau, 35 Jahre alt, sitzt an einem Rechner. Irgendwo in Köln. Auf dem Monitor starrt sie ein Bild an, das zwei Spielfiguren aus der virtuellen Welt Second Life zeigt. Sie stehen auf einer Plattform, umringt von Feuersäulen, 600 Meter über der Stadt. Zwei Avatarinnen unter einem Sternenhimmel. Darunter – zwei Textzeilen nur. Mehr nicht.

Das Zimmer ist abgedunkelt. Ein Gast würde zwei Dinge feststellen: Der Frau laufen Tränen herunter – und ein unterdrücktes Schluchzen ist zu vernehmen, das lauter wird, je mehr diese Frau versucht, es zu unterdrücken. Nicht mehr lange, dann würde das Schluchzen zu einem lauten Weinkrampf werden.

Sie greift zur Zigarette. Zittert. Das Anzünden fällt ihr schwer. Ein leises "Ich liebe dich" hängt im Raum. Kaum gesprochen. Kaum ein Flüstern.

Was war passiert? Drehen wir die Uhr eine Stunde zurück.

Auf dem Monitor erscheint wieder das Bild von eben. Zwei Frauen stehen umschlungen hintereinander und bewegen ihre Körper zur Musik, die durch die Lautsprecher rauscht. Auf dem Bildschirm erscheinen Textzeilen.

Von Liebesschwüren ist die Rede. Davon, die andere niemals zu vergessen. Nicht loszulassen. Dein. Wir. Uns. Es wird viel von Tränen und vergangenen Zeiten geschrieben. Von RL (RealLife), das einen eingeholt hat. Dass es nicht ewig unbemerkt bleiben würde.

Denn die Textzeilen künden auch von Trennung und Streit. Aber nicht zwischen den beiden Frauen. Sondern mit einem Partner, der auf keinem Bildschirm zu sehen sein wird. Der nämlich in der gleichen Wohnung sitzt, eine Etage tiefer. Vermutlich trinkt er ein Bier. Und raucht dabei. Er hat vor Tagen erfahren, dass seine Freundin ihn betrügt. Mit einer anderen Frau. Allerdings ohne echte, körperliche Begegnung. In einer virtuellen Welt, die er nur vom Hörensagen kennt. Die Frau ist stets Hunderte Kilometer von der Wohnung entfernt. Doch seit Wochen dort zuhause. In Gestalt der Avatarin Sienna.

Sie existiert in der Welt von Valentina nur im Kopf. Gesehen haben sie sich noch nie. Aber gespürt. Auch ihr Freund kann Siennas Geist spüren. Und seine Ratlosigkeit. Er merkt, dass eine Etage über ihm etwas im Gange ist, gegen das er sich nicht wehren kann. Er will nicht wissen, was die beiden Frauen dort oben treiben. Er will nur, dass es aufhört.

Die letzte Station einer Beziehung, die virtuell stattfand und doch Wirklichkeit war...

Die beiden Frauen, Valentina und Sienna, tanzen noch immer. Kurz darauf senkt sich die Plattform ab. Wie ein Aufzug. Bis sie auf dem Balkon eines Hauses steht. Vollverglast. Ein Bett, ein Sofa, zwei Sessel. Viele Bilder hängen an den Wänden - mit Momenten aus unbeschwerten Tagen. In einer digitalen Welt mit gezeichneten Figuren - aber echtem Glück von zwei erwachsenen Menschen.

Valentina und Sienna umarmen sich mehrfach. Stockend. Nicht mehr anmutig, wie es beim Tanzen der Fall war. Viel Text fließt über den Bildschirm. Eine neue Zeile. Eine andere verblasst. Als wäre sie nie getippt worden. Im Datenstrom fremder Server wird sie noch etwas aufbewahrt und dann gelöscht werden. Und in Vergessenheit geraten.

Ein Programm wird beendet. "Quit Second Life." Das bunte Bild verlöscht.

Einmal gegoogelt - und aufgeflogen (Interview I)

Martin Gehr: Darf ich kurz unterbrechen?

Valentina Bechir: Ja, bitte.

M: Entspricht deine Schilderung dem, was wirklich durch Second Life passiert ist?

V: Absolut. Ich war verliebt. Sehr sogar. Aber diese Liebe drohte an der Realität zu scheitern.

Über eine Avatarin kann Valentina Persönlichkeit ausdrücken und doch anonym bleiben.

M: Was war geschehen?

V: Mein Freund ist mir auf die Schliche gekommen. Mein Freund im wirklichen Leben. Der sich daraufhin von mir getrennt hat. Er hatte mir oft beim Gang durch SL über die Schulter geschaut und kannte daher meinen Avatarnamen. Mein Freund hat den Namen gegoogelt und ist dadurch auf das Forum von SLinside gestoßen. Naja, Sienna und ich hatten nach einer Zeit der gemeinsamen Verwirrung weder ingame noch im Forum ein Problem damit, offen zu schreiben, was mit uns passiert war.

M: Und wie hat dein Freund darauf reagiert?

V: Er hat mich bei einer kleinen Familienfeier zur Rede gestellt - mit meinem Bruder und dessen Freundin. Mein Bruder war zu dem Zeitpunkt selbst gerade in SL angekommen. Er hat zwar versucht, die Situation zu entschärfen, als er merkte, dass ich in echten Schwierigkeiten steckte. Er wollte das abschwächen, also dass SL nicht richtiges Leben sei, und dass die Menschen mit ihren Avataren dort nur so tun als ob. Aber das galt für mich längst nicht mehr. Im Laufe des Abends wurde der Streit immer lauter. Und kurz nach Mitternacht waren dann nur noch mein Freund und ich übrig.

M: War es ein Fehler, dass du dich mit der Zeit in SL und im Forum immer mehr geöffnet hast?

V: Ich glaube, jeder Mensch hat ein Bedürfnis, sich anderen mitzuteilen. Second Life bietet eine sehr gute Möglichkeit dazu. Ich bin immer schon extrovertierter gewesen und habe auch im Forum von SLinside wochenlang intensiv gepostet. Über alle möglichen Themen. Auch sehr persönliche. Im Schutze einer gewissen Anonymität schreibt es sich nun mal leichter und offener. Nur wenige dort kennen meinen wirklichen Namen oder wissen, wie ich aussehe. Ansonsten kennt jeder nur die Avatarin. Denn je länger ich in SL dabei war, desto wichtiger wurde mir diese Anonymität. Ich hatte schließlich Geheimnisse.

M: Aber letztendlich konnte dir diese Anonymität nicht die gewünschte Sicherheit geben.

V: Eben. Und deshalb habe ich mein richtiges Leben nun auch zu schützen. Nach der Erfahrung mit Sienna mehr denn je.

Echte Emotionen, wenn man sich einlässt: "Der Geist ist fähig, Momente in Erleben umzusetzen"

Die Vermischung der Welten machte Valentina letztlich zu schaffen. Ihr Ziel: klare Grenzen ziehen.

M: Du hoffst also, dass es dir gelingt, in SL neu anzufangen und es nicht mehr so intensiv zu leben wie in den vergangenen Wochen?

V: Ich muss klare Grenzen ziehen. Vor allem zeitliche und emotionale. SL ist echtes Leben. Es gibt Teilnehmer, die es als Spiel begreifen. Das ist in Ordnung. Sie werden jedoch niemals erfahren, was alles möglich ist, wenn du es zulässt.

M: Tiefe Gefühle?

V: Die intensivsten, die ich je hatte. Und ich halte mich nicht für einen "betäubten" Menschen. Ich nehme im RL alles um mich herum wahr. Aber in SL kann ich küssen, ohne dass ich mich über nicht rasierte Männer mit Mundgeruch aufregen muss.

M: Moment mal, das kannst du doch nicht ernst meinen. Ein echter Kuss ist an Sinnlichkeit nicht zu übertreffen. Und den spürst du nicht in SL.

V: Ich meine auch nicht die banalen Animationen der Figuren, sondern ich meine die Beschreibung. Und wenn du gut bist - und das waren Sienna und ich - beschreibe ich dir einen Kuss, den du spürst! Über Hunderte Kilometer. Sienna und ich waren in unseren Beschreibungen so detailliert, dass wir einmal von etwa 10 Uhr abends bis morgens um 5 Uhr gebraucht hatten, um beide zum Höhepunkt zu kommen. Das sind sieben Stunden Text! Ich sage dir: Es geht! Du musst dich darauf einlassen, dann spürst du den Text.

M: Aber du kannst in SL nicht all deine Sinne einsetzen – und das nicht nur auf die Liebe bezogen. Was auch immer du tust: Ein virtuelles Erlebnis wird niemals so vollkommen sein wie es im wirklichen Leben möglich ist.

V: Ich spreche nicht von ALLEN Sinnen. Aber die, die es gilt anzusprechen, sind voll aktiviert. Es gibt hier keine taktilen Momente und auch keinen Geruch. Es gibt nur einen Sinn: das Auge. Aber es gibt den GEIST, und der ist fähig, Momente in Erleben umzusetzen. Das ist unglaublich - auch für mich - aber wahr.

"Eine Welt, die schwer zu begreifen ist ..."

Valentina wird in den kommenden Wochen ihre Erlebnisse offenlegen - und doch geschützt bleiben.

M: Valentina, du wirst für den Medien Monitor von den vier Monaten erzählen, die du in SL verbracht hast. Wie vereinbarst du dieses Bedürfnis mit dem Wunsch, unerkannt zu bleiben?

V: Ich kann mein Leben darstellen, ohne den Schutz meiner Anonymität verlassen zu müssen. Ich möchte über diese virtuelle Welt berichten, die schwer zu begreifen ist und die auch ich immer noch nicht verstanden habe. Aber ich habe verstanden, was passieren kann, wenn man nicht aufpasst und es einem gleichsam den Boden in SL und RL unter den Füßen wegzieht. Wie schön SL sein kann, wenn man es lebt. Und wie gefährlich.

Außerdem soll es auch eine Abrechnung mit mir sein. Ich möchte sehen, was aus mir nach vier Monaten SL geworden ist. Dabei werden auch Menschen vorkommen, die mein Leben ein paar Wochen sehr bereichert haben. Ich weiß nicht, ob ich Namen nennen werde. Einige darf ich nicht nennen, weil ich zu viel über sie weiß. Aber wenn ich schon mein Privatleben schlecht schütze, muss ich ihres nicht auch noch verraten.

Kapitel II: "Wo soll die Reise hingehen?" Begleiten Sie Valentina durch ihr Leben in Second Life, das mit einem feurigen Spanier beginnt.

Text: Valentina Bechir; Interview: Martin Gehr; Fotos: Valentina Bechir/Second Life.

Veröffentlicht: 02.08.2007
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