"Kandidaten versuchen zum Mythos zu werden"
Welche Kandidaten bei Big Brother (BB) mitmachen dürfen, entscheidet nicht die Produktionsfirma allein. Unterstützt wird sie auch von Psychologen, die prüfen, ob die einzelnen Kandidaten der Belastung der Sendung gewachsen sind. Schon seit der ersten Staffel von BB ist der Psychologe Ulrich Schmitz an der Auswahl neuer Kanidaten beteiligt. Mit über 500 Bewerbern hat er bisher gesprochen – und über 150 Teilnehmer während der Sendung betreut. Im Interview spricht er über die Auswahl, die Motive der Kandidaten und über den Versuch, medial einen Mythos zu erschaffen.

- Medienpsychologe Ulrich M. Schmitz
Christiane Meister: Nach welchen Kriterien gehen Sie bei der Auswahl von Big Brother Kandidaten vor?
Ulrich Schmitz: Stichworte wie Stabilität, Flexibilität und Wandelbarkeit spielen dabei eine Rolle. Wir fragen uns aber auch wie der einzelne seine Stabilität herstellt. Ist dieser Mensch dabei unabhängig? Oder stützt sich seine Sicherheit auf Menschen, die in der Sendung fehlen werden. Häufig sind Bewerber in ihrem persönlichen Umfeld die Alphatiere, sind es gewohnt, angehimmelt zu werden. Wenn das während ihres Aufenthalts im Container fehlt, kann das leicht zu Konflikten führen. Ich muss also versuchen vorauszusehen, ob der Kandidat in dieser extremen Situationen nicht Schaden nimmt.
Gibt es Differenzen zwischen Ihnen und dem Sender, der gerade nach schwachen Personen sucht, um emotionale Szenen senden zu können?
Das Spannungsverhältnis gibt es mit Sicherheit. Es ist ja so: Der Skandal macht die Schlagzeile. Er sorgt für die Einschaltquoten. Und die möchte der Sender haben. Ich als Psychologe stehe dabei natürlich mehr auf der Seite der Kanidaten. Da gibt es natürlich Diskussionen. Der Sender kann uns aber auch nicht sagen: ‚Sucht uns ein Schneewittchen‘. Solche trivialen Charaktere gibt es nicht.
Was für Menschen bewerben sich bei Big Brother?
Meistens sind es junge Erwachsene, die nie an ihrem Sessel geklebt haben und die sich weiterentwickeln wollen. Niemals würden sie nur wegen des Geldes einen Arbeitsplatz behalten. Gerade im Vergleich zu einer mit Angst besessenen Zeit ist das ein mutige und beneidenswerte Lebensweise.
Welche Motive haben die Kandidaten geäußert, bei Big Brother mitzumachen?
Die meisten der Kandidaten suchen durch die Sendungen größtmögliche Anerkennung – vielen geht es auch darum, sich zu prüfen. Manche, die in ihrem eigenen Umfeld stark und sicher sind, fragen sich, wie sie in einem fremden, zufälligen Umfeld wirken. ‚Wenn es dem Esel zu gut geht, dann geht er aufs Eis` - kommt dem sicherlich schon ganz schön nahe. Das ist ähnlich wie mit den Extremsportarten. Endemol hat mit BB ein reales Phantasialand geschaffen – vielleicht könnte man von psychischem Extremsport sprechen.
Ich habe mit Leuten gesprochen, denen ihr Leben zu langweilig war, und die sich deshalb bei Castingshows bewerben wollten. Sind das typische Motive?
Diese Erklärungen hört man oft. Aber meisten liegen die Gründe noch viel tiefer. In Gesprächen mit den Bewebern schimmern noch ganz andere Dinge hindurch. Oftmals haben sie ein einschneidendes Ereignis hinter sich, das sie aufgerüttelt hat. Die Trennung der Eltern, der frühe Tod eines Freundes. Sie spüren: ‚Wenn ich nicht aufpasse, ist das Leben schneller vorbei, als ich mir vorstellen kann.` Diese Menschen wollen dann das Leben auskosten und es in seiner Tiefe ergründen. BB erscheint ihnen als guter Weg dafür.
Was könnte die Fasziniation, die BB oder auch Castingshows für viele haben, ausmachen?
Die Sender haben versucht, durch Real-Life-Soaps aktiv einen Mythos zu schaffen. Kandidaten versuchen darüber zum Mythos zu werden. Sonst war es anders: man wird zum Mythos ohne es zu wollen. Darum ist auch das Scheitern in den Sendungen so wichtig. Personen wie Marilyn Monroe waren ja immer auch gebrochene Persönlichkeiten. Sie wäre auch ohne ihren frühen Tod, niemals zum Mythos geworden.
Interview: Christiane Meister, Foto: Ulrich M. Schmitz
