Kampf gegen Windmühlen
Der afghanische Journalistik-Student Pervez Kambaksch Ibrahimi wurde zum Tode verurteilt. Er verließ sich auf die Meinungsfreiheit und verbreitete einen islamkritischen Text. Um die Medien in der instabilen Region ist es auch insgesamt schlecht bestellt, die Probleme sind vielfältig. Deutsche Projekte zu Sender-Reformen und in der Journalistenausbildung stoßen an ihre Grenzen.
Bonn. Pervez Kambaksch Ibrahimi war ein unbekannter Journalistik-Student in Masar-i-Scharif, Afghanistan. Bis er auf einer iranischen Internetseite auf einen Text stieß, der sein Leben verändern sollte. Der Text, den Ibrahimi bearbeitete und an der Balkh-Universität der nordafghanischen Stadt verteilte, geißelte den Propheten Mohammed und den Islam als frauenfeindlich. Rasant verbreitete sich die Schrift in der Universität, die Staatssicherheit bekam Wind von der Sache und der Journalistik-Student wurde zum Gefangenen. Ende Januar schließlich wurde Ibrahimi zum Tode verurteilt – wegen Gotteslästerung. Die Richter urteilten nach der Scharia, der junge Mann glaubte an die in der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit in Afghanistan: vergebens.
Sogar US-Außenministerin setzt sich ein
Sein Fall erregte internationales Aufsehen, selbst US-Außenministerin Condoleezza Rice sprach bei Präsident Hamid Karsai für Ibrahimis Freilassung vor. Die britische Independent startete eine Unterschriftenaktion und sein Bruder Yaqub Ibrahimi reist durch die Welt, um für Unterstützung zu werben. Bis heute sitzt Pervez Kambaksch Ibrahimi im Gefängnis am Rande Kabuls. Der Ausgang des Verfahrens ist offen.
Unklare Gesetzeslage
Das, was dem 24-Jährigen passierte, verdeutlicht nicht nur die Gegensätze zwischen westlichem und islamischem Rechtsverständnis. Es zeigt vor allem die Probleme auf, die Journalisten in einem Staat wie Afghanistan haben, wo sich in punkto Medien noch keine einheitliche Meinung herausgebildet hat. Die Gesetzeslage ist oft unklar. Eine unabhängige Berichterstattung ist so kaum möglich. Und diejenigen, die die Verhältnisse ändern wollen, haben es schwer.
So wie Ibrahimi an die Meinungsfreiheit glaubte, glaubte Eberhard Sucker an einen unabhängigen afghanischen Sender in staatlicher Hand. Seit Anfang 2006 ist Sucker, Mitarbeiter der Deutschen Welle-Akademie, als Projektleiter eines EU-Projekts in Afghanistan im Einsatz. Ziel des Projekts war der Umbau des Staatssenders Radio Television Afghanistan (RTA) zu einem öffentlich-rechtlichen Sender. War, denn der afghanische Informationsminister hat das Projekt vorerst blockiert. "Er ist strikt dagegen, sein Spielzeug, den staatlichen Rundfunk, aus der Hand zu geben", sagt Sucker enttäuscht.
Neues Mediengesetz ausgearbeitet
Die Grundlage für das neue, unabhängige öffentlich-rechtliche Programm sollte ein Mediengesetz bilden, das vom EU-Projekt mit ausgearbeitet wurde. "Der Informationsminister hat das Mediengesetz torpediert und den Präsidenten dazu gebracht, es nicht zu unterschreiben", ärgert sich Sucker. Radio Television Afghanistan zu reformieren und fit zu machen für eine unabhängige Berichterstattung ist so unmöglich geworden. Die über zweijährige Arbeit kann derzeit nicht mehr fortgesetzt werden.
Eberhard Sucker, Projektleiter der Deutschen Welle, berichtet über die Blockade des Mediengesetzes. (0:33 Min.).
Größere Erfolge in der Ausbildung
Größere Erfolge als beim Umbau des Staatssenders sind bisher allerdings bei der Journalisten-Ausbildung erzielt worden. In einer 18-monatigen Schulung wurden junge Afghanen in die Lage versetzt, "eine internationale Berichterstattung zu betreiben". "Wir mussten den Leuten erst einmal die Weltkarte erklären, ihnen fehlten alle Kenntnisse", berichtet Sucker. Ältere Journalisten gab es zwar, diese hatten aber, wenn überhaupt, eine unzureichende journalistische Ausbildung vor 30 Jahren in Moskau oder Leipzig bekommen und waren zudem nicht ausreichend motiviert. "Sie sind bei RTA zwar Beamte, verdienen aber nur 50 Dollar im Monat und haben zwei, drei Jobs nebenbei", erklärt Sucker die Schwierigkeiten. Den Jungjournalisten in Ausbildung konnte die Deutsche Welle durch Fördergelder mehr bieten.
Mit dem Ende des Deutsche Welle-Projekts Ende 2006 begannen allerdings auch bei RTA die Probleme. Das Geld kam nicht mehr regelmäßig bei den Nachwuchs-Berichterstattern an. Sucker: "Die Afghanen haben die Verantwortung nicht voll übernommen." Und so wanderten die frisch Ausgebildeten ab zu privaten TV-Stationen.
Eberhard Sucker erläutert die schwierige Journalisten-Ausbildung in Afghanistan (0:48 Min.).
Privat-TV passt dem Minister nicht
Diese gibt es in Afghanistan erst seit dem Sturz der Taliban 2001, sie erleben seitdem aber einen Boom. Dennoch: Auch die Privaten haben ein Problem – dasselbe wie das EU-Projekt unter Sucker. Das Problem ist die Person des Informationsministers. "Sie nehmen sich aber auch Freiheiten heraus, teilweise aus Provokation", wundert sich Sucker nicht. Vor allem Bollywood-Seifenopern passen dem Minister nicht, der eine extrem konservative Haltung vertritt. Er wolle deshalb "den privaten Stationen das Leben schwer machen."
Eberhard Sucker zu den Problemen der privaten TV-Stationen (0:26 Min.).
Seit 2003: 125 tote Journalisten im Irak
Erschwerte Bedingungen finden auch Journalisten im benachbarten Irak vor. Seit 2003 hat Anja Wollenberg "125 tote Journalisten, von denen etwa 80 gezielt getötet wurden", gezählt. Dafür verantwortlich seien vor allem bewaffnete Gruppen wie Al-Kaida. Aber auch Regierung und Politiker verhinderten eine unabhängige Berichterstattung. Senderschließungen und Klagen wegen Verleumdung seien keine Seltenheit. Wollenberg, die 2004 die unabhängige Organisation Media in Cooperation and Transition (MICT) gegründet hat, beklagt ebenfalls eine unklare Gesetzeslage. Dennoch gäbe es eine "extrem hohe Produktivität in der Medienlandschaft", aber durch die Angst vor bewaffneten Übergriffen auch eine "Zensur von unten". Dazu komme die Parteinahme durch Geldzuwendungen. Und natürlich eine mangelnde Ausbildung der Journalisten.
Anja Wollenberg von der MICT über die Lage der Journalisten im Irak (0:42 Min.).
Media in Cooperation and Transition wurde 2004 als unabhängige Organisation in Berlin von Anja Wollenberg und Klaas Glenewinkel gegründet. Der Fokus der MICT liegt auf der Ausbildung irakischer Journalisten. Gesteuert vom Büro in der jordanischen Hauptstadt Amman wurden in den letzten beiden Jahren Journalisten geschult. "Unsere Qualifizierungsarbeit verknüpft dabei die Lernarbeit mit der Produktion", erklärt Wollenberg. Die Praxis ist also wichtig, weshalb auch mit Radiostationen zusammengearbeitet wird. Finanziert wird die MICT vom Auswärtigen Amt und zusätzlich aus Fördermitteln der UN.
Journalisten-Training in Bagdad: unmöglich!
Gerade diesem Thema nahm sich Wollenberg mit der MICT an, zwei Jahre bildete sie Journalisten im jordanischen Amman aus. "Ein Journalisten-Training in Bagdad kann ich natürlich nicht machen. Das würde niemand versichern." Inzwischen würde sich die Lage im Irak aber verbessern, vor kurzem schulte Wollenberg auch im kurdischen Nord-Irak.
Eine Verbesserung der Lage – die wünscht sich auch der zum Tode verurteilte Pervez Kambaksch Ibrahimi. Aber es sind noch einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Für einen freien Ibrahimi und für freie Medien in Afghanistan und dem Irak.
Afghanistan-Dossier der Deutschen Welle
Globale journalistische Verunsicherung:
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Kultur der Angst und Ignoranz stoppen
Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters
Text: Tobias Döring
Fotos: Deutsche Welle / T. Rehermann (3), Deutsche Welle / E. Sucker, MICT





