"Journalisten reden viel und laut – aber nie über eigene Fehler"
Kuno Haberbusch, Redaktionsleiter des NDR-Medienmagazins Zapp, macht sich bei Kollegen unbeliebt. Im Interview beschreibt er seine Zunft als unkritisch, verbeamtet und anfällig für die Verlockungen der Privatwirtschaft. Journalisten, die nebenher in der PR-Branche jobben, empfiehlt er: Geht doch kellnern!
Medien Monitor: Herr Haberbusch, in jungen Jahren haben Sie als SPD-Mitglied Berichte über Parteitreffen geschrieben, die dann unredigiert in der Lokalzeitung veröffentlicht wurden. War das nicht auch eine Form von PR?
Haberbusch: Das war reinste PR. Ich habe damals unter dem Kürzel "ha" geschrieben. Viele Lokalzeitungen machen das so: Schriftführer von Parteien berichten über Parteiversammlungen, und dann erscheint das in der Zeitung. Die Leser merken gar nicht, dass es sich bei dem Artikel, den sie gerade lesen, eigentlich um einen reinen Parteitext handelt. Damals hatte ich noch nicht das Bewusstsein dafür. Ich fand es nur gut, dass immer positiv über uns berichtet wurde.
Auch während seiner späteren Laufbahn als Redaktionsleiter sind Haberbusch Zweifel an der eigenen Berichterstattung gekommen. Ein Beispiel: Die Kokain-Affäre um den ehemaligen Hamburger Innensenator Ronald Schill (54 Sekunden, 633 KB):
Kommerz und Journalismus liegen in den Zeitungen eng beieinander. In den meisten Fällen lässt sich ohne Werbeanzeigen kein Journalismus machen. Ein Problem?
Haberbusch: Ja. Gerade in kleinen Lokalzeitungen, die von Werbeanzeigen abhängig sind, werden bestimmte Themen überhaupt nicht mehr journalistisch behandelt. Es finden sich beispielsweise kaum noch kritische Berichte über Discounter wie Aldi oder Lidl, weil diese großen Werbekunden immer mit einem Anzeigenboykott drohen können, wenn ihnen die Berichterstattung einer Zeitung nicht passt.
Kuno Haberbusch volontierte 1976 beim Badischen Tageblatt, studierte anschließend Rechtswissenschaften in Tübingen und Berlin. Von 1979 bis 1981 war er Herausgeber des Süd-Ost-Kuriers, arbeitete dann als freier Mitarbeiter für verschiedene ARD-Politmagazine. 1985 wurde er Redakteur bei der NDR-Sendung Panorama, übernahm dort 1997 die Leitung der Redaktion sowie die Leitung der Satire-Sendung extra3. 2004 wechselte er von Panorama zum Medienmagazin Zapp. Im Juli 2009 wird Haberbusch in den Bereich "Kultur und Dokumentation" des NDR wechseln, um sich um investigative Dokumentationen und Reportagen zu kümmern. Haberbusch ist Gründungsmitglied des Journalistenvereins "netzwerk recherche" und erhielt 2002 den Adolf-Grimme-Preis für seine Dokumentation "Die Todespiloten".
Überforderte Journalisten gegen versierte PR-Profis
Auch in den Artikeln schleichen sich mehr und mehr Werbebotschaften ein. Woher kommt diese Entwicklung?
Haberbusch: Wegen des großen Stellenabbaus gibt es immer weniger Journalisten. Gleichzeitig steigt die Zahl der PR-Leute. Die formulieren ihre Werbetexte so schön, dass Zeitungen sie übernehmen, ohne sie journalistisch zu bearbeiten. Eine Gefahr besteht außerdem im Selbstverständnis vieler Journalisten, die ihren Job nicht mehr ernst nehmen.
Der Medien-Kritiker erklärt, was er damit meint (9 Sekunden, 111 KB):
Journalisten sind selten völlig frei. Meistens sind sie den Richtlinien und Zwängen von Redaktionen und Verlagen ausgesetzt. Können Reporter und Redakteure einen unabhängigen Arbeitsstil überhaupt durchhalten?
Haberbusch: Wir müssen in jedem Fall dafür kämpfen, dass er durchzuhalten ist! Denn die Presse, und damit unser Tun, ist im Grundgesetz geschützt. Wir müssen unserer Verantwortung und unseren Privilegien gerecht werden, indem wir unseren Job richtig ausführen. Deshalb müssen wir im eigenen Interesse einen guten Job machen. Dazu gehört nicht, sich zum Abladebecken von PR zu machen, sich von Anzeigenkunden unter Druck setzen zu lassen oder aus Faulheit auf eine gründliche Recherche zu verzichten.
Kuno Haberbusch erklärt, weshalb er nichts gegen PR, aber viel gegen die Nachlässigkeit seiner Kollegen hat (18 Sekunden, 214 KB):
Das Heer der PR-Berater hat den Journalisten auch sonst einiges voraus: Sie sind im Schnitt besser ausgebildet, arbeiten professioneller...
Haberbusch: ...und sie haben mehr Geld. Logisch, denn die Unternehmen lassen sich ihre Öffentlichkeitsarbeit viel Geld kosten, um Politik zu machen und gute Botschaften zu verkaufen. Diese Unternehmen treffen mit ihrer PR auf Verlage und Sender, in denen immer weniger Journalisten immer mehr Inhalte produzieren sollen. Das alles sind ideale Voraussetzungen für die PR-Industrie. Gleichzeitig ist es aber unser Versagen als Journalisten, dass wir darüber nicht oft und laut genug reden.
Die Journalisten sind selbst schuld
Reden wir mal darüber: Liegt das Kernproblem bei den Verlagen, die einen zu harten Sparkurs fahren und an der journalistischen Ausbildung sparen?
Haberbusch: Heute darf sich ja jeder Journalist nennen, ohne über eine entsprechende Ausbildung zu verfügen. Das allein ist eigentlich schon nicht hinnehmbar. Zwar sind Stellenabbau und Produktionsdruck ein Problem, aber die Journalisten sollten sich zunächst einmal an die eigene Nase fassen.
"Sensibilisieren durch Attackieren" lautet Haberbuschs Strategie als Medienjournalist (22 Sekunden, 262 KB):
Wir brauchen also eine Selbstheilung unseres Berufes?
Haberbusch: Wir brauchen in unserer Zunft eine selbstkritische Diskussion über Mindeststandards und darüber, wie wir mit der Bedrohung durch die PR umgehen. Aber diese Diskussion findet nur alle paar Monate mal auf irgendwelchen Kongressen statt. Zu konkreten Ergebnissen für die Praxis führt sie nicht. Journalisten sind sensible Menschen, sie reden viel und laut – aber niemals über eigene Fehler.
Wer ein kritischer Medienjournalist sein will, muss das Trommelfeuer seiner Kollegen ertragen. Haberbusch zieht eine durchwachsene Bilanz seiner Arbeit bei "Zapp" (19 Sekunden, 229 KB):
Wie soll sich ein Journalist denn konkret vor ungebetener PR schützen?
Haberbusch: Man muss immer prüfen, woher eine Information stammt und wer ein Interesse an ihrer Veröffentlichung haben könnte. Außerdem nährt sich der Journalismus immer aus mehreren Quellen. Wer sich nur auf eine Quelle verlässt, wird schnell zum Instrument von Interessenvertretern.
"Journalisten machen keine PR", steht im Medienkodex des "netzwerk recherche", dem Sie auch angehören. In der Theorie mag das schön klingen, aber viele Journalisten sind auf Nebeneinkünfte aus der PR-Branche angewiesen.
Haberbusch: Wo steht das denn bitte geschrieben?! Journalismus und PR schließen sich kategorisch aus – warum gehen diese Leute nicht kellnern, wenn sie sich etwas dazu verdienen wollen? Sicher ist dieser Paragraph vor allem ein Appell und kein Gesetz, aber ich verstehe nicht, warum wir darüber überhaupt diskutieren. Die Trennung von PR und Journalismus sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Journalistische Verantwortung lässt sich nicht auf Euro und Cent ausrechnen (30 Sekunden, 353 KB):
Aufsicht: Das Recherche-Fußvolk
Forscherblick: Selbstbeobachtungsfalle 2.0
Externe Links
NDR-Sendung "Zapp"
NDR-Sendung "extra3"
netzwerk recherche
Interview, Text und Audio: Nils Glück
Fotos: Julia Kneuse





"PR und Journalismus: Mischen impossible" find ich sehr stark. Aber sonst verallgemeinert der "Kollege" mir zuviel...