Journalisten? Völlig überflüssig
Wozu noch Zeitungen? Dieser Frage gehen Experten seit dem Vormarsch des Internets nach. Klar ist: Die neuesten technischen Entwicklungen in der Medienbranche könnten dafür sorgen, dass sich Printjournalisten bald ein neues Zuhause suchen müssen. Und nicht nur sie: Eine ganze Berufssparte könnte laut einem Pilotprojekt bald der Vergangenheit angehören. Denn Journalisten sind ersetzbar.
Der Printmarkt kriselt mehr als jeder andere Bereich der Medienbranche. Die Finanzkrise gilt häufig als Ursachenherd, da das täglich Brot an Anzeigenkunden immer mehr bröckelt und auch das Internet sich in Bereiche des Zeitungsmonopols einschleicht. Jedoch gibt es auch überzeugte Vertreter der "selbst Schuld"-Variante: Der Medienvisionär Jeff Jarvis verleiht der Regionalzeitungsindustrie das Prädikat des "kriminellen Mangels an Innovation". Man sei durch die jahrzehntelange Monopolstellung fett und faul geworden und versuche lediglich, die bereits bestehenden Produkte zu schützen.
Das Buch "Wozu noch Zeitungen? Wie das Internet die Presse revolutioniert" nimmt diese Thematik genauer unter die Lupe. Ein Beitrag vom Deutschlandradio befasst sich mit dem Nutzwert dieser Interviewsammlung (Laufzeit 6:32 Minuten):
Klar bei all den Argumentationswegen ist für die Experten demnach: dass die Presse ein gesellschaftliches Gut darstellt und dass sie nicht, wie in den USA üblich, ein börsennotiertes und damit ausschließlich gewinnorientiertes Unternehmen sein dürfe. Daher die allgemeine Forderung, die Gesellschaft am finanziellen Erhalt der Presselandschaft zu beteiligen. Denn kostenlos wird es die Informationen weder auf Papier noch auf elektronischem Weg in vergleichbarer Qualität geben. Zugangsgebühren zum Internet über die Provider sind nur ein Vorschlag in der Finanzierungsdebatte, auch Stiftungsmodelle kommen zur Sprache. Dass sich der Zeitungsmarkt der Zukunft in deutlich abgespeckter Version präsentieren wird, scheint jedoch unausweichlich. Dass Qualität aber auch die Zukunft des Onlinemediums ist, betont Jochen Wegner, Focus Online-Chefredakteur: "Ich denke, es wird langfristig vier bis fünf große deutsche Onlinemedien geben, die sich mit Qualität im Netz finanzieren können. Journalistische Inhalte werden einen großen Aufschwung nehmen."
GEZ für Zeitungen

- Der Weg zum Erfolg könnte über Gebühren führen.
Nach Meinung des Netzwelt-Redakteurs Christian Stöcker existiert das zukünftige Finanzkonzept des Zeitungsmarktes bereits, es wird bislang nur in einem anderen Bereich eingesetzt: "Könnte ein Blatt wie die New York Times sich nicht auf ähnliche Weise finanzieren, wie das Mobilfunkbetreiber heute schon tun? Indem sie ein subventioniertes Gerät fast oder ganz verschenkt, dann aber für die Lieferung der Inhalte eine Gebühr verlangt?" In der Zukunftsdebatte um die Zeitung prognostiziert Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communication an der Universität St. Gallen, die Variante der "zwei Gesichter". Nach dieser Theorie wäre eine Koexistenz des Internets und des Zeitungswesens möglich, indem die Aufgabenfelder klar abgesteckt werden und so eine möglichst geringe Konkurrenz besteht. Das Netz sollten Verlage demnach für "Aktualität, journalistische Vernetztheit bzw. Kooperation im Newsroom und den aktiven Dialog" nutzen. Der Printbereich dagegen zeichne sich durch sein "episches Gesicht" aus. Geschichten, die also im Sekundentakt im Netz erscheinen und häufig nur Häppchen der aktuellen Entwicklung darstellen, soll die Zeitung durch Artikel ergänzen, "die recherchiert, korrigiert, gegengelesen und überarbeitet werden, also weiterhin in einem aufwendigen Prozess entstehen". Sie beschreibt diesen Prozess als evolutionär gewachsen und ist der Überzeugung, dass alte Gewohnheiten, die sich jahrhundertelang mit der Zeitung weiter entwickelt haben, nicht aussterben: "Sie [die Zeitung] orientiert im Strom der Nachrichten, der durchs Netz fließt. In ihn klicken wir uns immer wieder hinein, um up to date zu bleiben. Aber dann klinken wir uns aus, um in die Welt einzutauchen, die uns erzählt wird von Menschen, die das gelernt haben."
Kein Geld für Qualität
Ein Gedanke, der nachvollziehbar erscheint, einzelne Zeitungssegmente wie Tageszeitungen jedoch außer Acht lässt und nur in der Theorie Sinn macht. Denn bei tendenziell zunehmenden Sparmaßnahmen und Entlassungen ist die Konzentration auf qualitativ hochwertige Zeitungsprodukte eher unrealistisch bzw. nicht umsetzbar. Zumindest nicht, solange die Verlage nicht die Erfahrung machen, dass qualifizierte, recherchefreudige Journalisten trotz aktuell beliebten Entwicklungen wie Twitter, Blogs und Social Networks gebraucht und auch von den Rezipienten gewünscht werden.
Journalisten sind überflüssig
Die Meinung, dass Journalisten bald überflüssig sein können, vertritt ein amerikanisches Pilotprojekt, das Ende August 2009 startete. Es handelt sich dabei um die Online-Zeitung Tewspaper. Auf der Homepage sollen lediglich Beiträge aus dem Web 2.0 stehen, alles vollautomatisch. Die Nachrichten müssen hierbei durch einen speziellen Algorithmus gefiltert werden. Diese Berechnung soll auch die Selektion nach Relevanz ermöglichen. Momentan befindet sich das Projekt noch in der Betaphase und wird lediglich in fünf amerikanischen Regionen angewandt: Baltimore, Chicago, Dallas, Los Angeles und natürlich New York City. Deren Bewohner sollen die Macher nun regelmäßig mit Nachrichten versorgen. Sollte sich der Vorstoß als geglückt herausstellen, ist eine Ausweitung auf weitere US-Staaten geplant.
Ein weiterer Trend des Online-Geschäfts, der ebenfalls im Ausland entstand, ist die News-Plattform Malaysiakini. Sie hat geschafft, wovon deutsche Verlage tagtäglich träumen: eine Online-Zeitung, die seit vier Jahren schwarze Zahlen schreibt, trotz 100-prozentiger Gebührenpflicht. Kostenfrei zu sehen sind lediglich die Überschrift und der Teaser. In diesem Jahr feiert die Zeitung ihren 10. Geburtstag. Angefangen hatte alles mit einer Notsituation: Die Regierung erteilte damals die Lizenzen für Zeitungsgründungen, dementsprechend unglaubwürdig und abhängig war auch die Berichterstattung. Da die heutigen Geschäftsführer des Unternehmens, Steven Gan und Premesh Chandran, keine Genehmigung erhielten, wichen sie auf das zugangs- und zensurfreie Internet aus.
Einige Eindrücke aus dem Redaktionsalltag dieser wirtschaftlich lohnenden Web-Zeitung vermittelt NZZ Online (Laufzeit 9:18 Minuten):
Mit derzeit 20.000 Lesern und einem monatlichen Abopreis von 3,41 Euro erzielt die Firma mit ihren 25 Journalisten allein durch die Gebühren einen Umsatz von 68.220 Euro. Anzeigen-Erlöse nicht mit inbegriffen. Dass äußere Bedingungen und die starke Zensur-Tradition, die die Pressefreiheit unmöglich machen, wichtige Faktoren für den Erfolg der Online-Zeitung sind, muss berücksichtigt werden. Möglicherweise wird die Pionierarbeit weitergehen: Und die Geschäftsführer werden vom Online- auf den Printmarkt vorstoßen. Vielleicht kann man dadurch trotz allem einen Trend und ein Vorbild für die deutsche Online-Landschaft ausmachen. Das Konzept der Bezahlung für alle Artikel der Website hält Marissa Mayer, Leiterin des Produktmanagements bei Google, in Hinsicht auf den deutschen Markt jedoch für fragwürdig. Die Gebührenerhebung für einzelne Artikel sei dagegen realistisch: "Die atomare Konsumeinheit verändert sich durch die neuen Medien, früher war es ein Album, jetzt ist es, dank iTunes, ein Song. Früher war es eine ganze Zeitung, heute ist es ein einzelner Artikel." Diese Form des "Micropayments" findet allgemein großen Anklang. Nach dem Motto: Was in einem Medienbereich funktioniert, kann auch für einen anderen nicht verkehrt sein.
"Der mobile Reporter"
Klar ist: Das Aufbereiten von journalistischem Material kann und darf sich zukünftig nicht mehr nur auf einen Verbreitungsweg konzentrieren. Das wäre vergleichbar mit einem Unternehmen, das lediglich auf dem Postweg für seine Produkte wirbt. Wenn die Möglichkeiten da sind, eine größere Spannbreite an Menschen zu erreichen, sollte man sie nutzen. Nach diesem Leitsatz verfährt auch eine technische Neuerung, die auf der diesjährigen CeBit vorgestellt wurde. Denn "Der mobile Reporter" von T-Systems Multimedia Solutions soll künftig eine interessante Investition für Verlage sein. Das System macht es möglich, Videostreams live vom Handy auf eine Website zu transferieren. Im Kern nichts Neues, diese Möglichkeit bot auch schon Qik. Jedoch ist die Professionalität deutlich angestiegen. Garantiert wird eine "hochwertige Streamqualität". Der Zielkonsument sind Medienunternehmen, die ihre Berichterstattung beispielsweise von Print auf Videomaterial erweitern möchten. Dass derartige Synergien erfolgsversprechend sind, zeigt das Portal der Nordwest-Zeitung. Unter NWZ-TV bietet die Regionalzeitung Interessenten regionales Videomaterial, wie beispielsweise Hintergrundreportagen, an. Auch mit Audioergänzungen arbeiten viele Verlage seit langem.
Der Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer spricht mit Thomas Wolf in einem vierminütigen Video über diese Entwicklung - natürlich per Mobilfon aufgenommen (Laufzeit 3:49 Minuten):
Die Idee, die dahinter steckt, ist also, verschiedene Verbreitungswege und Darstellungsformen eines Pressetermins aufzugreifen und gegebenenfalls veröffentlichen zu können. Kein Grund zur Panik: Denn wie man sieht, werden Printjournalisten sich kein neues Zuhause suchen müssen, aber sie sollten mit vielen Untermietern kooperieren.
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Externe Links:
Wirtschaftlicher Erfolg einer Online-Zeitung: Malaysiakinis Aufstieg zum führenden alternativen News-Portal - nzz.ch
Die Zukunft der Zeitung - dradio.de
Mobiler Reporter: Regionale Videoinhalte für Verlage - zeitungsperspektiven.de
Text: Raphaela Spranz
Teaserfoto: pixelio.de/Stephanie Hofschlaeger
Fotos: pixelio.de/Ernst Rose, pixelio.de/Michael Andre May
Screenshot: Raphaela Spranz
Audio: dradio.de
Videos: nzz.ch, zeitungsperspektiven.de



