Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus


Special-Interest-Zeitschriften

Journalismus in der Nische

Die einen schreiben über Wohnwagen, die anderen über Zierfische, wieder andere über Modelleisenbahnen. Eins haben jedoch alle Redakteure von Special-Interest-Zeitschriften gemeinsam: Sie sind extrem spezialisiert, beschäftigen sich jeden Tag mit demselben Thema. Furchtbar eintönig oder gerade spannend? Ein Blick in die Nische.

Wenn Friedrich Bitter von seinen Recherchereisen erzählt, klingt das in manchen Momenten wie ein Ausschnitt aus einem Abenteuerfilm: Seine Arbeit beginnt dort, wo normale Touristen gar nicht erst hinkommen, mitten im Regenwald, am Fuße eines Berges. Vor Bitter liegt ein mühsamer Aufstieg, manchmal bis zu drei Stunden, vorbei an Wasserfällen und Berghängen, dann endlich wird er sein Ziel erreichen: kleine Flüsse oder Seen, in denen exotische Fische leben. "Geschichten über neue Arten oder über die natürlichen Lebensräume sind für unsere Leser immer interessant", sagt der 55-Jährige.

Hält sich häufig am Wasser auf: Friedrich Bitter, Chefredakteur der Zeitschrift Aquaristik

Bitter ist Chefredakteur der Zeitschrift Aquaristik. Seit seiner Jugend interessiert er sich für Fische und Aquarien; heute schreibt er für Leser, denen es genauso geht. Es ist eine extrem spezialisierte Form des Journalismus, eine Nische, wie es sie auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt zu Hunderten gibt: Kaum ein Hobby, zu dem sich nicht eine passende Special-Interest-Zeitschrift finden lässt - egal ob Bogenschießen, Yoga oder Modelleisenbahnen.

Der Bezug zur Freizeit ist wichtig, denn das unterscheidet Special-Interest-Zeitschriften von Fachmagazinen, die sich an spezielle Berufsgruppen richten. Special-Interest-Titel setzen sich zwar ebenfalls mit bestimmten Fachgebieten auseinander, sprechen die Leser jedoch als Privatpersonen an und gehören damit zur Gruppe der Publikumszeitschriften.

Special Interest oder
Very Special Interest?


Zum besseren Verständnis wird gelegentlich zwischen Special-Interest- und Very-Special-Interest-Zeitschriften unterschieden. Wie der Name schon andeutet, hängt die Zuordnung mit dem Grad der Spezialisierung zusammen: Ein Magazin wie autor motor sport gilt demnach als Special-Interest-Zeitschrift, während ein noch spezialisierteres Heft wie Porsche Fahrer als Very-Special-Interst-Zeitschrift einzustufen wäre.

Wie viele Titel insgesamt erhältlich sind, ist kaum zu sagen: Gezielte Untersuchungen zur Zahl der Special-Interest-Magazine gibt es nicht. Für allgemeine Statistiken zum deutschen Zeitschriftenmarkt werden in der Regel die Erhebungen der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) herangezogen. Unter dem Sammelbegriff Publikumszeitschriften werden dort gut 300 Magazine erfasst, die die Merkmale von Special-Interest-Titeln erfüllen. Allerdings nehmen gerade kleine Verlage häufig nicht am IVW-Kontrollverfahren teil, sodass viele der hochspezialisierten Zeitschriften gar nicht erst in der Statistik auftauchen.

40 Aquarien im Büro

Die Aquaristik gehört mit einer Druckauflage von knapp 30.000 Exemplaren noch zu den größeren Magazinen am Markt. "Sie ist Deutschlands meistverkaufte Aquarienzeitschrift und erscheint sechs Mal pro Jahr", sagt Bitter, der das Magazin seit mittlerweile 15 Jahren leitet. Etwa 20 Prozent der Artikel schreibe er selbst, den Rest übernehmen ein weiterer Redakteur und zahlreiche freie Mitarbeiter. Themenideen bekommen die Autoren zum einen durch neue Produkte im Zoohandel, vor allem aber durch die Pflege und Zucht eigener Fische.

Informiert seit 1994 über Zierfische und Aquarien: die Zeit- schrift Aquaristik

"Allein in meinem Büro habe ich rund 40 Aquarien", berichtet Bitter. Viele der Tiere, die ihn bei der Arbeit umgeben, hat er auf seinen Fernreisen selbst gefangen. "Im Schnitt bin ich etwa viermal pro Jahr unterwegs, in letzter Zeit vor allem in Vietnam und China, früher auch häufiger in Afrika oder Südamerika", erzählt der Aquarien-Experte.

Neben Fischen beobachtet Bitter auf seinen Reisen inzwischen auch andere Tiere: Seit fünf Jahren betreut er zusätzlich zur Aquaristik eine weitere Zeitschrift namens Caridina, die sich ausschließlich mit wirbellosen Aquarienbewohnern wie Garnelen, Krebsen und Schnecken befasst.

Das Wissen über all die Tiere hat sich Bitter im Laufe der Jahre selbst angeeignet. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann machte er sich zunächst selbstständig und begann, mit Zierfischen zu handeln. Es folgten ein Praktikum bei einer Aquarienzeitschrift, einige Veröffentlichungen als freier Autor und schließlich die Stelle als Chefredakteur bei der Aquaristik. Ein Volontariat oder eine vergleichbare journalistische Ausbildung hat Bitter nicht.

"Wenn man einigermaßen die deutsche Sprache beherrscht, dann kann man auch eine solche Zeitschrift machen", sagt der 55-Jährige. Die entscheidende Qualifikation sei in diesem Beruf ohnehin das Fachwissen: "Ein ausgebildeter Journalist ohne Fachkenntnisse hätte in diesem Job große Probleme, man muss sich schließlich mit fast 4000 Arten auskennen und das kann man nicht einfach irgendwo nachschlagen."

Viele Quereinsteiger

Lebensläufe wie der von Friedrich Bitter sind bei Special-Interest-Zeitschriften kein Einzelfall: Häufig sind die Mitarbeiter Quereinsteiger, die über ihr Fachgebiet eher zufällig zum Journalismus kamen. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Redakteure, die zunächst eine allgemeine journalistische Ausbildung absolviert haben und sich dann später spezialisierten. Die dritte Variante schließlich sind Mitarbeiter, die direkt bei einer Special-Interest-Zeitschrift ausgebildet wurden.

Camping-Experte Raymond Eckl

Zu dieser Gruppe gehört beispielsweise Raymond Eckl, Chefredakteur der Wohnwagen-Zeitschrift Camping, Cars & Caravans: Bevor Eckl vor 17 Jahren zu seinem heutigen Arbeitgeber wechselte, hatte er bereits bei einem Magazin volontiert, das sich mit ähnlichen Themen beschäftigte. Auch bei ihm war das Hobby zum Beruf geworden. "Persönliches Interesse ist bei Redakteuren von Special-Interest-Zeitschriften sehr wichtig, schließlich muss man die Sprache der Zielgruppe sprechen", sagt der 50-Jährige. Dazu gehöre es auch, selbst nach vielen Berufsjahren immer wieder eigene Erfahrungen zu sammeln: "Meine Kollegen und ich sind alle jedes Jahr mit Wohnwagen oder Wohnmobilen unterwegs", so Eckl.

Erscheint jeden Monat mit einer Auflage 55.000 Exemplaren: Camping, Cars & Caravans

Neben Camping, Cars und Caravans produziert das 16-köpfige Team noch zwei weitere Zeitschriften, in denen das Thema Campingurlaub im Mittelpunkt steht: Reisemobil International und CampingImpulse. Eintönig finden sie diese extreme Spezialisierung nicht: Je tiefer man sich in ein Thema einarbeite, umso fundierter könne man schließlich darüber berichten, meint Eckl und betont: "Damit hat man ganz andere Einflussmöglichkeiten als bei Medien, die immer nur an der Oberfläche kratzen. Unser Heft lesen schließlich auch die Hersteller, das heißt, man kann wirklich konstruktiv zur Entwicklung der Branche beitragen."

Zudem sind die Artikel von Special-Interest-Zeitschriften laut Eckl häufig vielfältiger als es auf den ersten Blick scheint: "Das Thema ist vielleicht sehr speziell, das Anwendungsfeld aber sehr breit", sagt der Camping-Experte. So beschäftigten sich die Redakteure seiner Magazine beispielsweise nicht nur mit neuen Produkten und deren Technik, sondern auch mit Reisezielen, Campingplätzen und anderen touristischen Angeboten. Auch Porträts von Menschen aus der Camping-Branche und Produkttests werden in den Zeitschriften regelmäßig veröffentlicht.

Abhängigkeit von Anzeigenkunden

Doch wie kritisch können solche Tests überhaupt sein? In der Wissenschaft haftet Special-Interest-Titeln traditionell der Ruf an, dass es um ihre Unabhängigkeit häufig nicht gut bestellt ist. Das Problem: Die Anzeigenkunden der Magazine sind meist genauso speziell wie die Zeitschriften selbst. Sie hoffen auf ein Werbeumfeld, in dem sie mögliche Käufer besonders zielgerichtet ansprechen und somit Streuverluste minimieren können. Wer sich beispielsweise eine Zeitschrift über Orchideen kauft, interessiert sich mit ziemlicher Sicherheit auch für Orchideen-Dünger - so das Kalkül der Hersteller. Diese inhaltliche Nähe bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass im redaktionellen Teil der Zeitschriften häufig über Unternehmen berichtet wird, die gleichzeitig auch als Anzeigenkunden von Bedeutung sind. Kritische Artikel können daher stets mit dem Risiko verbunden sein, den Werbekunden zu verlieren.

Umfrage: Fast jeder
Zweite liest Special-
Interest-Zeitschriften


Spezialisierte Magazine stehen bei den deutschen Lesern offenbar hoch im Kurs: Wie eine Umfrage der TNS Emnid Mediaforschung aus dem Jahr 2006 ergab, lesen 44 Prozent der Deutschen Special-Interest-Zeitschriften. 17 Prozent der Befragten wurden als regelmäßige Nutzer eingestuft, da sie mindestens jede zweite Ausgabe einer oder mehrerer Zeitschriften lesen. Besonders beliebt sind die Magazine offenbar bei Männern: Bei ihnen lag der Anteil der Leser bei 49 Prozent, bei den Frauen waren es dagegen nur 40 Prozent. Auch bei Personen unter 30 Jahren zeigte sich mit 53 Prozent eine überdurchschnittliche Nutzung der Zeitschriften. Insgesamt befragte TNS Emnid für die Untersuchung 1357 Personen ab 14 Jahren.

"Dieses Spannungsfeld macht sich bei der Arbeit schon bemerkbar, da kann mir auch niemand was anderes erzählen", sagt Raymond Eckl. "Man muss sich ja nur mal vor Augen führen, dass Special-Interest-Zeitschriften ohne ihre Anzeigenkunden den fünf- bis zehnfachen Preis verlangen müssten und damit am Markt keine Chance mehr hätten."

Für den einzelnen Redakteur bedeutet das: immer wieder genau abwägen, Kompromisse finden, im Zweifelsfall das Gespräch suchen. "Es ist eine Gratwanderung, aber man muss damit so konstruktiv wie möglich umgehen", sagt Eckl. Im Fall der Produkttests könne eine Lösung beispielsweise so aussehen, dass die Hersteller vorab über extrem negative Ergebnisse informiert würden und dadurch Gelegenheit zur Stellungnahme hätten. "So könnten wir später in der Zeitschrift einerseits die Defizite erwähnen, gleichzeitig aber auch darauf hinweisen, dass das Unternehmen an diesem Problem arbeiten will", erklärt Eckl.

Auch Friedrich Bitter kennt solche Abwägungen: "Wenn man extrem kritisch rangehen würde, könnte man sicherlich viele technische Geräte, die für Aquarien angeboten werden, schlechtschreiben", meint der langjährige Chefredakteur der Aquaristik. Um dieses Problem zu umgehen, versuche er meist, die Tiere in den Mittelpunkt seiner Artikel zu rücken. "Ich beschreibe dann halt, welche Fische man unter den gegebenen technischen Voraussetzungen am besten kaufen sollte." Grundsätzlich hält Bitter kritischen Journalismus aber auch im Special-Interest-Bereich für möglich: "Wenn es wirklich etwas zu kritisieren gibt, dann tun wir das auch, allerdings sollte man dabei eben etwas diplomatisch sein und nicht mit dem Finger auf einen bestimmten Hersteller zeigen."

Von Orchideen bis zum historischen Traktor
- Beispiele für hochspezialisierte Zeitschriften

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Ein Markt in Bewegung
- Artikel über die Vielzahl von Neugründungen im Special-Interest-Segment

Text: Christina Peitz
Bilder: Rolf van Melis/ pixelio.de; Aquaristik; Camping, Cars & Caravans

Veröffentlicht: 30.04.2012
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