Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Jeder Bürger ein Journalist

"All people are journalists!" Unter diesem Motto gründete der Verlag Polskapresse vor drei Jahren das Internetportal Wiadomosci24.pl. Insgesamt 16.000 Internet-Nutzer haben sich seitdem registriert, schreiben Geschichten und machen Fotos und Videos. Ein Erfolg, der zeigt, dass der Bürger als Journalist auch in Polen keine Zukunftsvision mehr ist.

Pawel Nowacki

Um ein guter Reporter zu sein, braucht man nach Ansicht von Pawel Nowacki nicht viel: Computer, Internetanschluss, Handy und Kamera. Diesen technischen Möglichkeiten hat es der Chefredakteur und Entwickler von Wiadomosci24 zu verdanken, dass sein Redaktionspostfach einem Dauerkollaps ausgesetzt ist. Bis zu einhundert Texte landen an nur einem Tag in der Redaktion des Internetportals virtuell auf dem Schreibtisch. Die Autoren sind keine ausgebildeten Journalisten, sondern Schüler, Studenten, Handwerker, Lehrer, Rentner und Tausende andere journalistische Laien zwischen 16 und 70 Jahren. Ihre Themen: Kultur, Gesellschaft, Aktuelles und Lokales. Nicht nur Texte treffen in der Redaktion ein. Zugesandte Videos landen häufig im eigenen YouTube-Channel der Website.

Als Bürgerjournalist berühmt werden?

Die Motivation der Schreiber ist unterschiedlich. Viele wollen einfach nur berühmt werden oder zumindest ihre Namen im Internet lesen. Andere erhoffen sich davon einen Einstieg in den Profi-Journalismus. Tatsächlich wurden bereits einige der besten Schreiber zu festen Redakteuren bei den Regionalausgaben von Polskapresse.

"Das Interesse, für unser Nachrichtenportal zu schreiben, ist groß", sagt Nowacki. "Das zeigt, dass sich viele Polen heute aktiv in die Gesellschaft einbringen wollen." Bisher kann man mit dem Schreiben jedoch kein Geld verdienen. Nur einmal pro Woche vergibt das Portal einen Preis für den besten Artikel. Der Sieger bekommt 150 Zloty (knapp 35 Euro). Den Nachplatzierten winken Sachpreise wie Bücher oder CDs.

Für die Begutachtung der Texte bleibt meist mehr Zeit als in anderen Redaktionen: Über Online-Messenger-Systeme, wie das polnische Gadu-Gadu oder Skype, kommunizieren die Autoren mit der Redaktion. Einer der zuständigen Redakteure korrigiert die Texte und schickt Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge zurück. Erst nach Rücksprache gehen die Texte online. Rund zwei Drittel der eingeschickten Texte schaffen so den Weg zur Veröffentlichung. "Die direkte Kommunikation zwischen den Journalisten und der Redaktion ist uns sehr wichtig", sagt Nowacki.

Vom "Anfänger" zum "Senior Editor"

Wiadomości24.pl
(27. Juli 2009)

Themenkonferenzen gibt es nicht. "Jeder schreibt über das, was ihn bewegt", erklärt Nowacki. Der anfängliche Versuch der Redaktion, den zivilen Reportern Themen an die Hand zu geben, schlug fehl. "Wir hatten uns extra gezielt an den persönlichen Interessen aus den Profilen orientiert. Doch die Leute suchen sich ihre Themen lieber selbst. Meist sind es die Dinge, die gerade um sie herum passieren, die sie selbst direkt betreffen", erzählt Nowacki. Das seien vor allem gesellschaftliche Anlässe wie Kulturveranstaltungen oder Sportevents. Politik fände lediglich am Rande statt, doch dafür gibt es eine Rubrik "Meine Meinung".

Für ihre Geschichten werden die Schreiber bewertet - sowohl von den Redakteuren selbst als auch von den Usern, die alle Beiträge uneingeschränkt kommentieren können. Je professioneller die Arbeit, umso mehr "Stifte" hat der Laienjournalist in seinem Profil vermerkt. Der Anfänger startet mit einem Stift, mit zwei Stiften darf er sich dann Reporter nennen, die dritthöchste Stufe erreicht er als Journalist. Das höchste Niveau hat erreicht, wer fünf Stifte gesammelt hat. Derjenige genießt als "Senior Editor" ähnliche Privilegien wie die Redaktionsmitglieder. Ohne Kontrolle durch die Redakteure kann er Geschichten einstellen und Artikel anderer Bürgerjournalisten redigieren. Dass so unkontrolliert diffamierende oder politisch fragwürdige Inhalte im Netz landen können, fürchtet Nowacki nicht: "Leute, die dieses Niveau haben, schreiben bei uns nicht", betont er mit Nachdruck.

"Mit Google findet man alles"

Die fehlende Ausbildung birgt auch so schon genug juristische Gefahren: Nicht selten verletzen die Autoren Copyrights oder geben Quellen nicht an. "Auch die Darstellungsformen werden nicht sauber getrennt. Nachricht und Kommentar sind oftmals eins", sagt Nowacki. Manchmal setzen die Laienjournalisten auch schlicht auf das Copy-and-Paste-Verfahren und stellen lediglich geistiges Eigentum aus anderen Internetquellen neu zusammen. Nowacki aber sieht das gelassen: "Über Google findet man heutzutage alles. Notfalls rufen wir bei den Gesprächspartnern an, um die Fakten zu prüfen."

Für inhaltliche Fehler und Urheberrechtsverletzungen könnten Redaktion und Schreiber gleichermaßen belangt werden. Wirkliche Probleme habe es bislang allerdings nicht gegeben. Einer der vielen Nutzer habe stets die Fehler schnell entdeckt, so Nowacki. Die betroffenen Texte verschwinden in diesen Fällen sofort vom Server. Der Verlag hat mittlerweile eigens Nachhilfe in rechtlichen Fragen und richtigem Schreiben organisiert: Die eifrigsten Bürgerjournalisten können sich in einem mehrtägigen Lehrgang in den Redaktionsräumen von Polskapresse in Warschau ausbilden lassen.

Bürgerjournalismus ist die Zukunft!

Wiadosmosci24 in Zahlen
- Gegründet 2006
- 16.500 registrierte Nutzer
- 20 neue Nutzer pro Tag
- 2800 regelmäßige Autoren
- 1 Mio. Besucher pro Monat

Trotz aller Unzulänglichkeiten ist sich Nowacki sicher: "Bürgerjournalismus ist die Zukunft!" Und der Erfolg von Wiadosmoci24.pl gibt ihm Recht. Schon wenige Monate nach ihrer Gründung gehörte die Seite zu den Top 20 aller Nachrichten-Websites in Polen. Die Eigenfinanzierung durch Werbung soll in Zukunft noch größere Gewinne einfahren. "Vielleicht hätten wir weniger Erfolg gehabt, wenn wir nicht an ein solch großes Haus geknüpft wären", sagt Pawel Nowacki.

Die große Beliebtheit des Internets bei den Polen spielt Online-Journalismus ohnehin in die Hände. Vor allem die jungen Polen in der Werbezielgruppe zwischen 15 und 19 Jahren orientieren sich stark am World Wide Web: 95 Prozent von ihnen klicken sich regelmäßig durch die Datenautobahn. Zu ihren Top-Ten-Adressen gehören neben Google und YouTube ebenso fünf Nachrichten-Seiten. Auch sämtliche andere Großzeitungen wie Gazeta Wyborcza betreiben daher inzwischen Internet-Redaktionen, die eigenständige Inhalte erzeugen und nicht nur die Artikel des Printprodukts online stellen.

Ein Studium der Journalistik hat Nowacki übrigens selbst nicht absolviert. Knapp 20 Jahre lang hat der studierte Filmemacher bei einer Regionalzeitung und beim Radio verbracht. Die journalistischen Grundlagen hat er sich selbst erarbeitet. Alles andere würde dem Motto von Wiadosmosci24.pl auch widersprechen.

Seine Meinung zur zukünftigen Beziehung zwischen Bürgerjournalismus und Profischreibern äußert Nowacki in einem Interview mit den Autoren.

Text: Christine Kirchhoff, Caroline Lindekamp, Antonia Röder
Bild: Christoph Schmidt

Veröffentlicht: 15.08.2009
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