Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

"Investigativer Journalismus ist ein Handwerk"

Hubertus Gärtner ist Regionalreporter bei der Neuen Westfälischen.

Hubertus Gärtner (52), Regionalreporter der Neuen Westfälischen in Bielefeld, deckt mit seinen investigativen Recherchen immer wieder Missstände in der lokalen oder regionalen Politik auf. Der Medien Monitor sprach mit ihm über die Schwierigkeiten von investigativem Journalismus im Lokalen.

Medien Monitor: Würden Sie sich selbst als investigativen Journalisten bezeichnen?

Hubertus Gärtner: Zu einem Drittel bin ich das vielleicht. Ein Drittel der Arbeitszeit beinhaltet ganz normale Recherche. Ein weiteres Drittel sind Terminjournalismus und Routinearbeiten.

Wo ziehen Sie denn die Grenze zwischen normaler und investigativer Recherche?

Gärtner: Investigative Recherche ist für mich etwas, das gegen Widerstände und meist länger recherchiert wird. Wenn Institutionen oder Personen Missstände unter der Decke halten wollen und man diesen hartnäckig auf der Spur bleibt. Nicht investigativ ist es aus meiner Sicht zum Beispiel, wenn der Journalist nach einer gewöhnlichen Pressemitteilung noch mal bei der jeweiligen Pressestelle anruft. Manchmal sind die Grenzen aber auch fließend.

"Man ist eine persona non grata"

Die Neue Westfälische ist die auflagenstärkste Zeitung in OWL.

Würden Sie meine Einschätzung teilen, dass es im Lokalen wenig investigativen Journalismus gibt?

Gärtner: Der investigative Journalismus hat in Deutschland grundsätzlich nicht so viel Bedeutung wie in den USA. Hier gibt es ihn meistens nur noch in einigen überregionalen Magazinen oder Zeitungen. Bei lokalen und regionalen Blättern sind die investigativen Journalisten eher Exoten. Das soll aber nicht heißen, dass es sie nicht gibt. Manche arbeiten ab und zu investigativ. Dass jemand im Lokalen ausschließlich investigativ arbeiten darf, hat leider Seltenheitswert.

Und was sehen Sie als Gründe dafür? Haben Lokalredakteure einfach keine Zeit oder ist es ihnen auch zu unbequem?

Gärtner: Die objektive Seite ist: Es gibt einen immer größeren wirtschaftlichen Druck. Verlage sind nicht mehr bereit, viel in die Redaktionen zu investieren. Außerdem ruft investigative Recherche natürlich auch oft Ärger und Protest hervor. Den wollen sich viele Redakteure, Verlage und Chefredakteure nicht aufhalsen. Denn es kann ja auch wirtschaftliche Konsequenzen geben, wenn zum Beispiel Anzeigenkunden abspringen.

Hat das in den letzten Jahren noch zugenommen?

Gärtner: Die Freiheitsgrade in den Redaktionen sind zunehmend beschränkt. Kaum jemand im Lokalen hat mehr die Möglichkeit, sich eine Woche lang nur um ein Thema zu kümmern. Die Budgets sind gerade im letzten Jahrzehnt kleiner geworden.

Zur Person

Hubertus Gärtner (52) studierte Sozialwissenschaften in Göttingen. Von 1983 bis 1985 volontierte er bei der Neuen Westfälischen (NW) in Bielefeld. Anschließend arbeitete er dort als Lokal- und Sportredakteur und Gerichtsreporter. 2001 bis 2003 war er Reporter bei der Süddeutschen Zeitung in Düsseldorf. Danach folgten drei Jahre als freier Journalist. Seit dem 1. Juli 2006 ist er wieder als Reporter in der Politikredaktion der NW tätig. 2004 war Gärtner für den Journalistenpreis "Goldener Apfel" des Bundesverbandes deutscher Pressesprecher (BdP) nominiert. Die Jury würdigte seine Artikelserie zum Verkehrsvergehen des damaligen Paderborner Landrats, "die eine landesweite Diskussion um die Verquickung von Amt und Privatem auslöste".

Was ist denn mit den jungen Redakteuren oder Volontären? Haben die noch den Idealismus und das Engagement, investigativ zu recherchieren?

Gärtner: Ich will jetzt auf keinen Fall die jungen Kolleginnen und Kollegen diskreditieren. Sie sind in einer schwierigeren Lage als meine Generation. Es schwebt ständig ein Damoklesschwert über ihnen. Ihr Job ist latent gefährdet. Es gibt kaum eine Chance auf eine Festanstellung. Das ist traurig und fatal. Und so arbeiten sie zwar sehr hart. Aber die Bereitschaft, sich anzulegen und gegen den Mainstream zu schwimmen, das vermisse ich bei ihnen schon ein bisschen.

Wie groß ist das psychologische Problem, wenn man ständig gegen den Mainstream schwimmt? Gerade im Lokalen gibt es ja viele Abhängigkeiten, jeder kennt jeden. Wenn man sich dort unbeliebt macht, ist das ja nicht besonders lustig.

Gärtner: Wir haben zum einen die objektive Seite, nämlich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme, von denen ich gerade sprach. Die subjektive Seite betrifft genau dieses psychologische Problem. Im Lokalen ist man als investigativer Journalist zumeist Außenseiter. Man kämpft ständig gegen Windmühlen, ist eine persona non grata. Man wird für investigativen Journalismus nicht geliebt, sondern gilt eher als Spielverderber. Der investigative Journalist wird für seine Recherchen auch selten gelobt. Im Gegenteil: Er wird eher beschimpft und muss sich eine dicke Haut zulegen. Man kann diese Außenseiterrolle durchbrechen, indem man Netzwerke zu anderen Kollegen aufbaut, die eine ähnliche Rolle ausüben, die einem ein Feedback geben und auch mal auf Themen aufmerksam machen. Und ganz praktisch: Man muss in der Chefredaktion oder beim Ressortchef Rückendeckung haben und wissen, dass sie zu einem stehen. Sonst kann man das Ganze auf Dauer nicht machen.

Sie haben drei Jahre als freier Journalist gearbeitet. Wie kommen Sie an Ihre Quellen, gerade wenn einem das Netzwerk der Redaktion fehlt?

Gärtner: Der investigative Journalismus lebt davon, Informanten zu finden und sie auch zu behalten. Das A und O ist, dass die Menschen einem vertrauen. Dann geben sie einem auch mal Tipps. Dieses Vertrauen muss man sich erarbeiten. Die Voraussetzung dafür ist der Informantenschutz. Darauf sollte man größte Sorgfalt verwenden. Das gilt auch und vor allem im Lokalen.

Muss man zum investigativen Journalisten geboren sein, eine Spürnase haben oder kann man das auch lernen?

Gärtner: Zunächst mal ist investigativer Journalismus ein Handwerk, das man erlernen kann. Es ist also keine Geheimwissenschaft. Man benötigt aber viel Energie und Frustrationstoleranz. Sicher ist es bequemer, Terminjournalismus zu machen. Bei der investigativen Recherche benötigt man Durchhaltewillen und manchmal auch eine Spürnase. Vergleichbar ist das vielleicht mit einem Detektiv, der bereit sein muss, sich eine Nacht um die Ohren zu schlagen. Von 50 Telefonanrufen sind 47 umsonst, beim 48. und 49. werde ich angelogen und erst der 50. bringt Erfolg. Man muss schon eine hohe Frustrationsgrenze haben. Aber dafür landet man auch manchmal einen Treffer.

Interview: Mareike Potjans; Fotos: NW

Veröffentlicht: 30.01.2007
2 Kommentare
answer #1) Christoph Ax - 18.05.2010 - 22:55

brauche im Rhein-Main-Gebiet einen investigativen Journalisten

answer #2) Christoph Ax - 30.10.2010 - 16:15

bisher keine Antwort ...

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