Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Bezahljournalismus im Netz

Inhalt? Hinter der Mauer

Wie verlangt man Geld für etwas, das man selbst lange kostenlos angeboten hat? Wie verlangt man Geld für etwas, das andere weiterhin kostenlos anbieten? Am besten gar nicht! Schließlich wird dafür wohl kaum jemand etwas bezahlen - oder? Bezahljournalismus im Internet ist oft diskutiert worden und einige Lösungsansätze gibt es schon.

Die New York Times im Netz.

Werbung bringt vielen Verlagen auch im Internet ordentlich Geld. Trotzdem fehlen die Einnahmen, um mit Netzjournalismus schwarze Zahlen zu schreiben. "Metered paywall" - eine Variante, um neben der klassischen Werbung im Internet Geld zu verdienen. Im letzten Jahr fiel vor allem die New York Times auf, als sie diese Bezahlmauer errichtete. Mit einem Brief an seine Leserschaft erklärte der Verleger der New York Times, dass es nun Zeit für ein neues Bezahlsystem im Internet sei. Der Leser darf 20 Artikel im Monat frei lesen. Danach senkt sich die Bezahlschranke und er wird aufgefordert ein Abo abzuschließen, um weiter vollen Zugang zu den Seiten der Times zu bekommen. Zuvor hatte die New York Times (wie viele andere Zeitungsseiten im Netz) versucht, mit einem Abo-System für das Archiv Geld zu verdienen. Inzwischen ist das Archiv für Artikel, die nach 1980 veröffentlicht wurden, wieder frei zugänglich. Durch Werbung und die neue "metered paywall" können höhere Einnahmen erzielt werden.

"Metered paywall" - kann das funktionieren?

Bis jetzt hält die New York Times an ihrem Bezahlschranken-System fest. Es scheint als wäre man auf Verlagsseite mit Einnahmen und Leserbindung zufrieden. Nach eigenen Angaben hatte die New York Times rund neun Monate nach der Einführung des neuen Systems bereits 324.000 Online-Abonnenten überzeugt. Wichtig dabei: Insgesamt bleiben die Besucherzahlen der Seite im Durchschnitt gleich und (!) die Einnahmen durch Werbung im Onlinebereich stiegen in den ersten beiden Quartalen 2011 sogar an. Viele Leser waren also bereit, für etwas zu zahlen, das an vielen anderen Stellen im Netz noch nichts kostet. Darum sprechen die Zahlen erst recht dafür, dass das Modell zumindest in den Grundzügen funktioniert. Auch nach dem Motto: Wenigstens kleine Einnahmen als keine. So will zum Beispiel auch die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) dem Beispiel der New York Times noch in diesem Jahr folgen.

Deutsche Mauerbauer

Hamburger Abendblatt: Setzt seit 2009 auf "paid content".

Zugegeben: Ganz neu ist das Konzept der Paywall nicht. Auch in Deutschland gibt es und gab es schon länger Mauerbauer. Bereits Ende 2009 wurde beim Hamburger Abendblatt und der Berliner Morgenpost "paid content" eingeführt und verschiedene Inhalte hinter eine Paywall gepackt. Die beiden Springer-Blätter starteten ihre sogenannte "Premium-Initiative" und machten mit dem - wie es der Chefredakteur des Hamburger Abendblatts Iken bezeichnete - "Mutter-Teresa-Prinzip" im Online-Journalismus Schluss. Ab dem Zeitpunkt gab es viele regionale und lokale Nachrichten der beiden Zeitungen im Netz nur noch nach Abschluss eines Abos. Die ersten Mauern waren errichtet.

Beim Hamburger Abendblatt und der Berliner Morgenpost wurde dieses Konzept bis heute durchgehalten. Ob es sich lohnt? Schwer zu sagen. Der Springer-Konzern gibt immer wieder neue lobhudelnde Pressemitteilungen heraus, die nur positive Entwicklungen vermelden. So haben beide Zeitungen ihre Page Impressions und Unique Users auch laut ivw immer weiter steigern können. Wie viele dieser Nutzer jedoch auch die kostenpflichtigen Inhalte abrufen, bleibt unklar. Denn schließlich liegt bei weitem nicht alles hinter der Mauer.

Dass das System aber nicht ganz perfekt läuft, lässt sich durchaus vermuten. Springer-Boss Mathias Döpfner kündigte Ende 2011 an: 2012 werden Springer-Blätter aufs New York Times-System um- oder eingestellt. Also werden auch bei Welt, Bild, Berliner MoPo und Co. bald nach einigen Artikeln die Mauern hochgeklappt. Dann ist auch hier die "metered paywall" angesagt.

Bezahljournalismus für Gutmenschen

Ein erfolgreiches Konzept der ganz anderen Art scheint die taz für sich gefunden zu haben. Sie setzt ganz auf die vorbildlichen und gern-gebenden Leser. Bei taz-zahl-ich darf man nämlich selber entscheiden, für was wie viel gezahlt wird. Und es scheint sich zu lohnen! Das macht die taz auch gerne transparent. Von April bis Ende 2011 sind nach eigenen Angaben 31.000 Euro freiwillig für das Internetangebot gezahlt worden. Dabie hat die taz auf alle nur möglichen Bezahlwege gesetzt. Ob Überweisung, Lastschrift, PayPal, Kreditkarten- oder Handyzahlung - der Leser ist frei in der Entscheidung wie und wie viel er für die gelesenen Artikel bezahlen möchte ... oder auch nicht. Denn der Inhalt bleibt auch gratis zugänglich.

Nach dem gleichen Prinzip funktioniert das "soziale Mikrozahlsystem" Flattr. Auch die taz nutzt das System in seinem Rundumschlag der Bezahlweisen. Flattr bietet (neben anderen Systemen) eine Chance für Blogger und Co., bei ihren Lesern um freiwillige Finanzierung zu bitten. Jeder kann sich bei Flattr registrieren, auf seinen Account Geld einzahlen, ein Budget festlegen und per Klick auf den Flattr-Button auf der jeweiligen besuchten Internetseite einen Beitrag leisten. Freiwilligkeit wird groß geschrieben.

Darum dürften diese System auch nicht DIE Lösung für die Bezahlung von Journalismus im Netz sein. Solang es die Alternative gibt, nichts zu bezahlen, werden viele diese auch nutzen. Es wird kaum möglich sein, so genügend Mittel für die Finanzierung von gutem Internetjournalismus zu gewinnen. Aber das ist auch gar nicht nötig. Die Haupteinnahmequelle im Online-Journalismus ist und bleibt nämlich die Werbung. Und auch Apps, e-papers und Tablet-Inhalte geben Verlegern Hoffnung. Hier wurde frühzeitig (wenn auch nicht sofort) erkannt, dass es besser ist, für solche Leistungen auch Geld zu verlangen.

Text: Agnes Heitmann
Teaserbild: Rainer Sturm/pixelio.de
Bilder: nytimes.com, abendblatt.de

Veröffentlicht: 13.02.2012
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