Im Vorstand nichts Neues
Die Krise, ja, sie trifft die Verlage besonders stark. So stark, dass sie ein Schiller-Zitat rechtfertigt: "Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach, es wankt der Grund, auf dem wir bauten." Nie wieder, prophezeit Bernd Buchholz, Verlagsleiter von Gruner + Jahr, würden die Werbeerlöse so reichlich sprudeln wie in der Vergangenheit. Nie wieder, vermutet er, wird das Geld der Anzeigenkunden reichen, um die Medien zu finanzieren. Nicht im Print-Bereich, erst recht nicht im Online-Bereich. Was her muss, sind alternative Finanzierungmethoden.
Patentrezepte habe er auch nicht, das sagt er gleich zu Beginn. Aber dann zaubert er doch einige Modelle aus dem (alten) Hut.
Ansatz No. 1 - Der Leser muss zahlen
Qualität hat ihren Preis. Den soll zukünftig zahlen, wer von ihr profitiert: Der Nutzer. Dieses Modell praktiziert beispielsweise Geo, ganzer Stolz von Gruner + Jahr. 15,80 Euro koste ein Geo Epoche Heft, erzählt Buchholz, und diesen Preis seien die Leser auch zu zahlen bereit. Damit sei die Zeitschriftenfamilie weitgehend unabhängig von Anzeigenerlösen. Was er nicht sagt: Die wenigsten Leser sind bereit, für alle Zeitschriften zu zahlen, die sie lesen, soviel auszugeben. Auch im Wissenschaftsjournalismus haben preiswerte Produkte Erfolg. "Welt der Wunder" beispielsweise, ein Bauer-Produkt, verbucht im dritten Quartal 2009 eine Auflagesteigerung von 65 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 300.000 Exemplare gehen im Durchschnitt monatlich über die Ladentheke. Ein Exemplar kostet 3,50 Euro. "Das Billigsegment boomt.", gibt Buchholz auf Nachfrage freimütig zu. Das setze den Verlag unter Zugzwang, Stellenstreichungen und andere Arten der Kosteneinsparung seien da unvermeidbar. Wie er es mit weniger Leuten und weniger Geld schaffen will, Geschichten zu produzieren, für die Leser an die 20 Euro zahlen, bleibt unbeantwortet.
Ansatz No. 2 - Professional Publishing
Über einen Copy-Preis von 15,80 Euro kann ein Marktforschungsinstitut nur lachen. Studien zu bestimmten Marktsegmenten kosten einige tausend Euro pro Stück. Die Wirtschaft zahlt gern - Wissen ist Macht. Auch Gruner + Jahr will seine Finger in den Geldbörsen informationshungriger Unternehmen versenken. Dabei geht es nicht darum Fachzeitschriften herauszubringen - Professional Publishing bezieht sich vielmehr auf den Aufbau von Datenbanken und den Verkauf von Fachinformationen. Ein krisensicheres Geschäft mit hohen Wachstumsraten. Bereits seit Anfang des Jahres betreibt Buchholz Werbung für diese Strategie. Was das mit Wissenschaftsjournalismus zu tun hat? Eine Datenbank mit Informationen zu füttern und diese schmackhaft aufzubereiten sei doch ein wunderbares Betätigungsfeld für Wissenschaftsjournalisten, findet Buchholz. Kann halt nicht jeder Qualitätsjournalismus für das geneigte Publikum liefern.
Ansatz No. 3 - Bei Google mitverdienen
Zu gern würden die Verlage den Suchmaschinen und anderen "Content Aggregatoren" in die Tasche greifen. Die verdienten mit den Online-Inhalten der Medien gutes Geld, empört sich Buchholz. Ganz im Gegensatz zu den Verlagen, die der Kostenlos-Mentalität im virtuellen Raum nichts entgegenzusetzen haben. Nun sollen die Vermittler von Nachrichten diejenigen an ihrem Gewinn beteiligen, die die Informationen liefern. Dafür muss allerdings ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden. Die "Hamburger Erklärung", die Anfang Juni von sechs Hamburger Verlagen ausgeheckt wurde, soll der Forderung bei den Politikern Gehör verschaffen. Inzwischen wurde das Papier von 166 europäischen Verlagen unterzeichnet. Ein freier Journalist weist am Ende von Buchholz Vortrag darauf hin, dass auch er keinen Bonus erhalte, wenn eine Zeitung seine Texte zusätzlich im Internet veröffentliche. Wo nichts eingenommen werde, da sei eben auch nichts zu verteilen, kontert Buchholz. Im Publikum murrt es leise: "Unverschämtheit."
Text + Foto: Nora Schlüter
Teaserbild: huntz / flickr

