"Im Labor der Affenmörder"
Die Affen schreien aus ihren Käfigen, überall um ihn herum. Er spielt die rechte Hand des Teufels. Die Tiere sind nervös, sie haben Angst. Angst vor so genannten "Tierpflegern". Einer von ihnen ist der Journalist Friedrich Mülln.
Die Tierpfleger eifern darum, wer am schnellsten 200 Vaginalabstriche nehmen kann, um zu prüfen, wann die Muttertiere wieder neues Embryo-Material produzieren können. Alles nur, damit in den Mägen, auf der Haut und in den Augen der neugeborenen Affenbabys Substanzen getestet werden können. Die Affen leiden, damit unsere Medikamente funktionieren.
Friedrich Mülln arbeitet für vier Monate in dem Tierversuchslabor der Firma Covance in Münster. Als Tierpfleger schleicht sich der Journalist ein und verbringt sogar seine Freizeit mit Menschen, die berufsmäßig Tiere quälen. Sie sagen: "Willkommen im Labor der Affenmörder".
Ein ewiger Kampf
Täglich filmt und fotografiert Friedrich Mülln tote Affenbabys in der Mülltonne oder Pfleger, die Tiere zur Belustigung schlagen und schikanieren. Er ist jetzt mitten unter ihnen, damit die Öffentlichkeit erfährt, was auf dem Gelände hinter dem Stacheldrahtzaun vor sich geht.
Seit er vierzehn ist, arbeitet Mülln als Journalist. Seine Motivation: Tierschutz. Seither hat er schon einhundert Mal verdeckt recherchiert, wie er selbst sagt. Er hat Küken sortiert und recherchierte bei illegalen Treibnetzfischern oder Stopfleberproduzenten. "Es ist ein ewiger Kampf", sagt Friedrich Mülln, seine Mission gegen die Tierquäler. Als Tierpfleger bei der Firma Covance ist Friedrich Mülln Teil des bösen Spiels. Wenn er durch den Hochsicherheitstrakt läuft, vorbei an Käfigreihen schreiender Affen, versucht er, sich in den Laboralltag zu integrieren. Zum Schutz, denn ist er zu zimperlich, zu zaghaft, gerät schnell in Verdacht.
Die Rolle leben
Seine Aufgabe ist es, unsichtbar zu werden, unscheinbar zwischen all den anderen Tierpflegern: "Ich wurde zum Vorzeige-Tierpfleger, weil ich mich so gut vorbereitet hatte". Zum Glück wird Friedrich Mülln von der Firma selbst für die Undercover-Recherche bezahlt, zwar nicht fürstlich, aber immerhin eine Basis, um sich vier Monate über Wasser zu halten.
Mülln wird von den Covance-Kollegen schnell akzeptiert: Wenn er ihnen das Foto zeigt, wie er auf der Pelztierfarm scheinbar stolz ein totes Kaninchen in die Kamera hält, gehört er dazu. Dabei ist das alles Kalkül, Teil seiner Legende. "Die Rolle leben" nennt er das. Dabei gibt es auch sehr knappe Momente: Während seiner verdeckten Recherche wird in Großbritannien ein anderer Skandal um ein Tierversuchslabor enthüllt. Ein Kollege sagt zu Mülln im Labor: "Ich glaube, du bist auch so ein Schläfer-Typ." Der Kommentar bleibt ohne Folgen. Am letzten Tag seiner Undercover-Aktion wird Mülln fast erwischt: "Ich habe in der Hektik zu viele Fotos gemacht und wurde unachtsam." Er ist wie berauscht, so dass ein Kollege seine Kamera sieht. Mülln: "Ich will nur noch Fotos für meine Familie machen." Damit war die Sache zum Glück vergessen.
Man stumpft ab
Manch einer wirft Friedrich Mülln vor, er sei selbst ein Tierquäler. Schließlich mache er mit. Dazu sagt er: "Ich würde keine Straftaten begehen. Ich habe auch mal zu den anderen gesagt: "Lasst das!" Doch Mülln sagt von sich selbst: "Man stumpft schnell ab. Ich habe auch vorher viele krasse Sachen gesehen." Doch das Leid der Tiere ist für ihn ein Unrecht, die Gräueltaten der Verantwortlichen will er ans Licht der Öffentlichkeit bringen.
Allein gegen den Pharmariesen
Mülln dachte, das Veröffentlichen wäre der leichtere Part. "Doch es war der schwierigere", sagt er. Die Redaktionen scheuen das rechtliche Risiko von verdeckten Recherchen. Dabei hat Friedrich Mülln seine gesamte Recherche gut dokumentiert, mit Fotos und Filmaufnahmen. Und die Öffentlichkeit hat schließlich ein Interesse daran, zu erfahren, was in solch einem Großunternehmen vor sich geht. Mülln zeigt die Tierquälerei im Versuchslabor in einem Beitrag im ZDF-Magazin "Frontal 21" (laut Selbstbeschreibung "kritisch, investigativ, unerschrocken"). Prompt klagt die Firma Covance, das Material sei "manipulativ geschnitten worden." Von da an ist Friedrich Mülln auf sich allein gestellt. "Das ZDF hat sich tot gestellt", wirft er dem Sender vor. Frontal 21 nimmt seinen Beitrag von der Webseite und bricht den Kontakt ab, bis heute. Covance startet eine millionenschwere PR-Kampagne.
Sieg für die Pressefreiheit
Letztendlich beschließt das Oberlandesgericht Hamm, orientiert am Wallraff-Urteil: Es herrsche ein überragendes öffentliches Interesse an Tierversuchen und der Pharmaindustrie, obwohl keine Straftaten begangen worden seien. "Ein Sieg für die Pressefreiheit," jubelt ironischerweise das ZDF auf seiner Webseite. Die Folge des Urteils ist eine politische Diskussion ohne Ergebnis. Und die Firma Covance baut mittlerweile eines der größten Tierversuchslabore, allerdings in den USA. In Münster geht der Betrieb weiter.
Abschied vom Journalismus
"Es ging um meine Existenz", sagt Friedrich Mülln jetzt und ist erschrocken über die deutschen Medien. Kaum eine Redaktion wagte sich an seine Story. Begründung: Die Bilder seien "zu hart, zu brutal, zu traurig." Friedrich Mülln ist entsetzt: "Ich vermisse die Honorierung für diese Aufnahmen, denn die Sender zahlen dafür genauso viel wie für einen Supermarktdreh." Dabei stehe dabei die Pressefreiheit auf dem Spiel. Nur die Bildzeitung kaufe regelmäßig seine Geschichten, der Axel Springer Verlag habe keine Angst vor Repressalien. Mittlerweile hat Friedrich Mülln dem Journalismus weitgehend abgeschworen und arbeitet als "undercover investigator" für Nichtregierungsorganisationen und wohlhabende Einzelpersonen. Von seinem Gehalt als Journalist kann er schließlich nicht leben. Dennoch bleibt die Gewissheit, etwas Wichtiges, etwas Gutes getan zu haben.
Das Covance-Tagebuch von Friedrich Mülln
ZDF Online: "Sieg für die Pressefreiheit — Oberlandesgericht gibt Aufnahmen aus Tierversuchslabor frei"
Die Informationsseite "Investigativer Journalismus"
Aktuelle und weiterführende Informationen zu Tierrechten
Text: Katharina Kruppa
Teaserfoto: Friedrich Mülln
Fotos: Friedrich Mülln, sxc.hu/gul791, Friedrich Mülln, sxc.hu/voidx





Hallo
,bitte bräuchte Kontakt mit Herrn Friedrich Mülln!