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Identitätskrise: Meine ersten Tage als Slytherin

Lord Voldemort war ein Slytherin - das macht mir zu schaffen.

"In Slytherin weiß man noch List und Tücke zu verbinden, doch dafür wirst du hier noch echte Freunde finden." So besingt der Sprechende Hut die Charakterzüge der Mitglieder des Hauses Slytherin - und eines davon bin nun ich, alias Tita Skeeter. Das ist ein Gedanke, an den ich mich noch gewöhnen muss. Und ich frage mich, was ich falsch gemacht habe.

War ich denn so listig und tückisch auf meinem Streifzug durch die Winkelgasse? Lag es etwa daran, dass ich die Jugendbande abgelenkt habe, um an ihnen vorbei zu rennen oder daran, dass ich Geld gespart habe, anstatt Schokoladen zu kaufen? Aber ein echter Slytherin hätte den im Abteil schluchzenden Jungen doch bestimmt mitgepiesackt. Ich dagegen bat ihm meine Hilfe an – sehr Gryffindor-typisch das Verhalten, finde ich. Aber das ist es wohl gerade: Ich habe taktiert. Und taktieren ist unbestreitbar listig, vielleicht auch ein wenig tückisch und der virtuelle Sprechende Hut hat mich durchschaut. Also habe ich es wohl verdient, nach Slytherin zu kommen.

Trotzdem verweigere ich mich der Tatsache, dass ich nun zu den in der Potter-Welt als böse verschrienen Slytherins gehöre, indem ich meine neue virtuelle Schule einfach nicht betrete. Und das ausgerechnet während der ersten Schultage! Zu meinem Glück gibt es keine Anwesenheitspflicht, ausgeschlossen wird erst, wer sich monatelang nicht angemeldet hat. Und die Unterrichtsstunden besucht jeder, wann er möchte und schickt die Hausaufgaben per E-Mail, nein Eulenpost, an seinen Lehrer, wie ich bei einem schnellen Klick-Rundgang herausgefunden habe. Ich entscheide meine Mails Doch an Unterricht ist nicht zu denken, so lange ich mir den Kopf darüber zerbreche, wie ich Teil eines Hauses sein kann, dem alle bösen Magier des Jahrhunderts entsprangen.

Gehen oder durchhalten?

Der Slytherin-Gemeinschaftsraum. Klassenkameraden trifft man hier allerdings nicht.

Einen kurzen Moment lang ziehe ich in Erwägung, mir unter einem anderen Namen noch mal den Sprechenden Hut überzustülpen. Aber gerade davor werde ich in der Schulordnung gewarnt. Wer sich zweimal anmeldet, der fliegt – und meine Eulenpost-Adresse würde mich sofort verraten. Es hilft alles nichts, ich muss mich zusammenreißen und lernen, mich mit der Entscheidung des Sprechenden Hutes abzufinden, ja noch mehr, mich mit ihr anzufreunden. Denn ich will nicht nur ein passive, alles ertragende Erstklässerin, sondern stolz auf mein Haus sein.

Eines Abends, es ist schon spät, überwinde ich mich, rufe die Seite auf und entschließe mich dazu, den Gemeinschaftsraum Slytherins zu besuchen. In der Rubrik Gemeinschaftsräume steht "Slytherin" ganz unten, "Gryffindor" ganz oben. Ich frage mich, ob das als Wertigkeit gemeint ist… Aber ich verdränge den Gedanken so schnell es geht und klicke auf das Slytherin-Wappen, in dem sich eine Schlange zu einem "S" windet, damit ich in den Gemeinschaftsraum gelange. Klassenkameraden trifft man nicht in diesem kleinen virtuellen Raum mit Sitzecken und Billardtisch, sondern nur im Hausforum, das ich auch von hier erreichen kann – wie mir ein Text erklärt. Hinter den verschiedenen Einrichtungsgegenständen warteten außerdem viele Überraschungen, so der Text weiter.

Also gehe ich mit dem Mauszeiger auf Entdeckungstour: In der braunen Holztruhe sind Zaubertränke und Rezepte für magische Salben verborgen, darüber thront ein Foto von Professor Snape, dem Hauslehrer Slytherins. Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich hasse diesen aalglatten Fiesling, vor allem seit er am Ende des sechsten Bandes den weisen und gutmütigen Schulleiter Dumbledore umgebracht hat. Das zu lesen hat mir auch beim dritten Mal noch Tränen in die Augen getrieben. Und was ich nun im Popup-Fenster lese, das lässt ihn und Slytherin nicht in besserem Licht erscheinen. Da steht zum Beispiel etwas über das Gift "Conium maculatum", das angeblich schon Sokrates’ Ende gewesen sein soll sowie über das ebenfalls giftige "Aconitum Napellus", den blauen Eisenhut, der einen "qualvoll verenden lässt", wie ich lesen muss. Soll ich lernen wie ich meine Mitschüler vergifte – oder muss ich als Slytherin etwa auf der Hut sein, um nicht selbst Anschlagsopfer zu werden? Aber vielleicht wirkt das Gift ja auch bei Snape selbst.

"Hier zählt Freundschaft"

Doch die große Axt, die an einem Holzpfosten in der Raummitte, hängt sieht auch nicht gerade einladend aus. Ich klicke darauf und es erscheint der Text der Hymne des Slytherin-Gründers Salazaar, unter anderem diese beiden Strophen.

Glücklich sei der Hut gepriesen,
der mir vor so langer Zeit,
meinen Schicksalsweg gewiesen
zu listiger Gerissenheit!

Hier find ich noch echte Freunde,
hier ist nichts, was mir noch fehlt.
Nicht der Mut, der Fleiß, die Klugheit -
Freundschaft ist es, die hier zählt!
© redox, 2002

Tom Riddle - der junge Lord Voldemort.

Mut, Fleiß und Klugheit: Die in der Hymne aufgezählten und dort als nicht wichtig bezeichneten Eigenschaften stehen für die anderen Häuser Gryffindor, Hufflepuff und Rawenclaw. Bleibt zu hoffen, dass man wirklich so gute Freunde findet in diesem Haus. Aber mit jedem Klick werde ich skeptischer: Hinter einem blauen Kelch verbirgt sich die Biographie des ehemaligen Slytherin-Schülers Tom Riddle. Jetzt reicht’s mir aber: Tom Riddle ist niemand anderes als der junge Lord Voldemort! Wieso huldigen Harry Potter-Liebhaber dessen größtem Feind, einem Mann, der Harrys ganze Familie tötete?
Mir wird klar, dass ich das Dilemma, in dem ich mich befinde nicht alleine lösen kann. Es müssen sich schon andere Slytherins diese Sinnfrage gestellt haben und ich möchte erfahren wie und ob sie dieses Problem gelöst haben. Ich klicke mich in das Slytherin-Forum des HP-FC ein, logge mich als Schülerin Tita Skeeter dort ein und schreibe ein paar Eulen an andere Slytherins, in denen ich meine Nöte schildere.

Text: Mareike Aden; Fotos: hp-fc, Warner Brothers

Veröffentlicht: 27.08.2007
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