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Interview

"Ich will die digitale Welt verbessern"

Er ist nicht zu übersehen: Sascha Lobo - der Blogger aus Berlin mit dem pinkfarbenen Irokesen. Und nicht zu überhören. Sein Tenor auf einer Podiumsdiskussion anlässlich des 18. Forums für Lokaljournalismus in Dortmund: Das Leitmedium der Zukunft ist nicht mehr auf eine Region begrenzt, sondern auf eine Person heruntergebrochen.

Nicht zu übersehen, nicht zu überhören: Sascha Lobo.

Medien Monitor: Herr Lobo, dank Ihres "Location-Tools" (Anm. der Redaktion: Google Latitude) weiß wahrscheinlich heute jeder, der auf Ihre Homepage schaut, wo Sie sind. Ein Tweet von heute lautet: "Wow, jemand, der verblüffend wie Sascha Lobo aussieht, steht in Dortmund vorm Hauptbahnhof rum."

Sascha Lobo: Das habe ich auch gelesen.

Gibt es auch irgendwelche Lokalitäten oder Themen, die Sie nicht preisgeben beziehungsweise nicht gleich online stellen?

Lobo: Ja, natürlich. Ich wähle sehr genau aus, welche Information von mir ins Netz kommt und welche nicht. Die Dinge von außen kann ich allerdings nicht zu 100 Prozent kontrollieren. Die Zeiten sind vorbei. Wenn mich jemand irgendwo sieht und das dann ins Netz stellt, kann ich das nicht kontrollieren. Ich bin ja auch mit Absicht leicht zu erkennen. Aber wenn ich etwas von mir veröffentliche, kontrolliere ich das genau. Durch Google Latitude kann jeder sehen, wo ich gerade bin. Das funktioniert sogar bis auf wenige Meter genau. Mal besser, in Gebäuden in der Regel etwas schlechter. Über GPS kann ich dieses Tool feinjustieren, wie ich möchte. Das heißt: Ich kann mit einem Klick auf mein Handy so tun, als sei ich in Honolulu. Ob das die wirkliche Position ist, an der ich mich befinde, oder eine, die ich mir ausgedacht habe - all das kann ich einstellen. Insofern veröffentliche ich schon, wo ich bin, aber gebe nur so viel preis, wie ich möchte.

Das grauenerregende Kontaktformular

In der vorangegangenen Podiumsdiskussion betonten Sie, dass es wichtig sei, immer mit dem User in Kontakt zu stehen. Braucht der Kontakt mit den Usern eine Grenze?

Lobo: Es gibt auf jeden Fall eine Grenze. Und diese Grenze ist mir auch sehr wichtig. Es wird zum Beispiel den allermeisten Leuten nicht möglich sein, im Internet herauszufinden, wie meine Freundin heißt. Welche Daten ich von mir preisgebe, kontrolliere ich und würde das auch jedem anderen empfehlen. Das heißt aber nicht, dass man nicht mit den Nutzern in Kontakt steht. Auf sehr vielen Lokalseiten von Zeitungen steht keine Mailadresse, an die man sich wenden kann, sondern man findet ein grauenerregendes Kontaktformular. Und dieses Kontaktformular bedeutet zwischen den Zeilen soviel wie "Lasst uns um Gottes Willen in Ruhe". Das ist eine Haltung, die ich nicht nachvollziehen kann. Wenn man Kommunikator und Multiplikator ist, wie es die meisten Journalisten sein sollten, dann muss man immer ein im wahrsten Sinne des Wortes digitales Ohr für den User haben, um zu erfahren, was die Leute einem sagen wollen. Es geht darum, die geeigneten Rückkanäle zu haben und auch zu nutzen.

Die User wissen mehr, als man glaubt

Immer auffindbar: Blogger Sascha Lobo.

Ihre These ist, dass auch normale Bürger zum Journalisten werden können.

Lobo: Professionelle Journalisten sind nötig und werden auch nötig bleiben. Sie werden sogar nötiger als je zuvor sein, weil es unendlich viele Informationen gibt, die sortiert, geordnet und bewertet gehören. Aber dass Bürger mit eingebunden werden sollten, dass die Masse dort draußen eine Qualität hat, die ein einzelner Journalist manchmal nicht abbilden kann, muss man einfach anerkennen. Es kommt darauf an, wie man die Qualität der Nutzer in seine journalistische Arbeit integriert. Ob das ein Foto ist von einem Ort, wo sich der User nun mal gerade befindet, wo aber niemand von der Redaktion ist, oder ob das eine Nachfrage in einem Spezialgebiet ist. Dieses Wissen rauszukitzeln - das ist die Aufgabe, die die Technologie hat und die die Redaktionen benutzen. Es muss also die richtige Technologie zur Verfügung gestellt werden.

Also bedeutet das für Journalisten eine verstärkte Orientierung am Bürger beziehungsweise am User, der diese Technologien nutzt?

Lobo: Ja. Die Mediennutzung verwandelt sich natürlich. Ich glaube - ohne es beschwören zu wollen -, dass die Zeitung auf Papier keine glänzende Zukunft hat. Ich würde sagen, in zehn Jahren spielt sie eine marginale Rolle. Das ist aber nur der eine Teil der Diskussion. Der andere Teil bezieht sich auf die Haltung, die ganz eng daran geknüpft ist: Lese ich eine Zeitung oder identifiziere ich mich damit? Um diese Identifikation der Menschen mit einem Medium zu erreichen, so dass die Wahl nicht nur Zufall ist, das ist ein Prozess, der im Social-Media-Bereich, also im "Mitmach-Internet", eine ganz entscheidende Rolle spielt. Und der noch von viel zu wenigen Redaktionen eingesetzt wird.

"Mein Lieblingskanal momentan ist Twitter"

Lobos liebstes Medium: Twitter

Was ist denn Ihr Medium? Sie sind ja auch überall und nirgends unterwegs.

Lobo: Dass ich nirgends unterwegs bin, ist mir nicht aufgefallen, überall schon eher. Es ist tatsächlich so, dass ich relativ verschiedene Kanäle bespiele und das auch absichtlich mache, um herauszufinden, wie sie wirken und was da genau passiert. Mein Lieblingskanal momentan ist vor allem Twitter, weil das ein sehr schnelles Medium ist. Man verwechselt es leicht mit einem oberflächlichen Medium, das es aber nicht ist. Es ist vor allem ein Medium, dass eine sehr große Wirkmacht hat. Ein ganz simples Beispiel: Wenn ich irgendeinen Link veröffentliche, dann klicken da zwischen drei- und fünftausend Menschen drauf, und das alleine in den ersten Stunden. Das sind nicht irgendwelche Menschen, sondern vor allen Dingen Online-Multiplikatoren, wenn man dieses grauenvolle Wort mal benutzen darf. Denn das alles sind Menschen, die selbst twittern, die bloggen, die Informationen weiter verbreiten. Ich benutze mittlerweile meinen Twitter-Account wie eine Mikro-Presse-Abteilung.

Sascha Lobo auf seiner Internetseite über sich selbst:

"Mein Name ist Sascha Lobo. Ich bin Autor, Blogger, Microblogger und Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und Markenkommunikation. Ab und zu halte ich Vorträge oder nehme an Podiumsdiskussionen teil. Außerdem engagiere ich mich politisch in verschiedenen Gremien, etwa dem Online-Beirat der SPD und der Initiative D21."

Wenn Sie sagen, dass Sie Twitter als Mikro-Presseverteiler nutzen, mag das ja seine Berechtigung haben. Aber wie ist das für den normalen User? Oft sind das doch auch Kanäle, die mit nutzlosen Informationen geflutet werden.

Lobo: Ich warne davor, Twitter misszuverstehen. Twitter ist eine mediale Plattform mit unendlich vielen Anwendungsmöglichkeiten. Der wichtige Punkt ist: Was macht man damit wie. Ich kann auch nicht in eine Müllaufbereitungsanlage gehen, wo ich Tonnen von Papier sehe und sage: Auf dem ganzen Papier steht nur Unsinn. Nein, es gibt auch Papier, auf dem kein Unsinn steht. Genauso gibt es Twitter-Kanäle, wo wichtige und interessante Dinge passieren. Dass der "Otto-Normal-Twitterer" die anders benutzt als ich und dass jeder Twitterer die Angebote auf seine Art und Weise benutzt, ist eine Sache. Eine zweite Sache ist, dass da eine persönlich bespielbare Plattform entsteht, die Aufmerksamkeiten lenkt. Unabhängig davon, ob man den ganzen Tag eigentlich nur twittert nach dem Motto "Ich möchte gerne Kaffee trinken."

Journalistische Standards bleiben erhalten

In der Diskussion: Sascha Lobo mit Professoren und Chefredakteuren auf der Journalisten-Tagung in Dortmund.

Wie sieht es aus mit der tatsächlichen Informationsbeschaffung für den Journalisten?

Lobo: Ich kann als Journalist nichts als verlässliche Quelle benutzen, das ich nicht kenne. Diese Regel ändert sich nicht. Das ist ein starkes Argument dafür, dass ich mich als Journalist auch mit Twitter beschäftigen sollte. Denn irgendwann kommt es tatsächlich dazu, dass die Information, die ich brauche, nur über den Kanal Twitter zu bekommen ist. Wenn ich dann nicht direkt bewerten kann, ob etwas falsch oder richtig ist, dann habe ich ein Problem. Das heißt: Recherche stirbt nicht aus, sondern wird immer wichtiger. Gerade weil ich relativ viele Sachen im Netz leicht fälschen kann, wenn ich will.

Wie eignet sich der Journalist "Twitter-Know-how" an und wie selektiert er zwischen den vielen Twitter-Anbietern?

Lobo: Ich würde als Journalist einfach selber twittern. Alleine schon um zu überprüfen, wie gut zum Beispiel Überschriften ankommen. Das ist ein ganz schöner Mechanismus, um kurze Sätze auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Aber das selbst zu machen und sich da einzuarbeiten, ist nicht leicht, doch man muss sich immer in neue Dinge einarbeiten und auch eine gewisse Begeisterung dafür entwickeln. Es ist ein Missverständnis, dass alle neuen Entwicklungen total einfach zu bedienen sind und leicht verstanden werden. Man muss auch Arbeit investieren. Und die Arbeit, herauszufinden, welche Twitter-Kanäle für mich so wichtig sind, dass ich sie abonniere, kann ich niemandem abnehmen - das muss man selber machen.

Professioneller Journalismus ist absolut notwendig

Sascha Lobo:"Journalismus passiert im Großen und Kleinen."

Wenn wir jetzt in die Zukunft des Journalismus blicken - passiert Journalismus eher im Kleinen wie beim Lokaljournalismus oder im Großen wie beim überregionalen Journalismus?

Lobo: Es ist keine Oder-Frage. Journalismus wird im Kleinen und im Großen passieren und muss auch passieren - und zwar auch mit allen Schattierungen dazwischen. Lokalrelevante Medienangebote werden aber in der Zukunft nicht zwingend über Sachen, die auf der ganzen Welt passieren, berichten müssen. So eine klassische Nachrichtenaufteilung, dass zum Beispiel auch eine Lokalzeitung eine Nachricht über das World Economy Forum oder etwas aus Südostasien mit Bebilderung bringt - das wird abnehmen. Vielmehr wird es eine Konzentration auf das Lokale, vielmehr das Hyperlokale, also Nachbarschaftliche, geben.

Um noch einmal auf die Rolle des Users zurückzukommen: Was halten Sie von Plattformen wie Wikipedia, die jeder mitgestalten kann?

Lobo: Plattformen wie Wikipedia und ganz besonders Wikipedia sind von unschätzbarem Wert. Dass da auch falsche Sachen drin stehen, ist zum einen keine Überraschung. Zum anderen stehen da aber überhaupt nicht so viele falsche Sachen drin. Es gibt unendlich viele Studien, die zeigen, dass Wikipedia zum Teil weniger Fehler als professionelle Lexika enthält. Das ist aber gar nicht der Punkt. Der wichtigste Punkt für jeden einzelnen ist zu begreifen, dass in jedem Medium totaler Quatsch stehen kann. Wenn man die Zeitung aufschlägt, kann da auch grauenvoller Quatsch drin stehen. Zwar nicht viel, aber er steht drin. Und genauso ist das bei Wikipedia auch. Die Lehre, die wir daraus ziehen müssen, ist: Überall kann Unsinn stehen. Wir brauchen immer eine zweite oder dritte Quelle und müssen recherchieren, was davon wahr beziehungsweise nicht wahr ist.

Die Blogwurst

Nummer sieben der 100 peinlichsten Berliner: Sascha Lobo.

Was ist eine "Blogwurst"?

Lobo: Tip Berlin ist eine Zeitschrift, in der ich im Übrigen bis zum Ende letzten Jahres eine Kolumne mit anderen hatte. Aber als die Kolumne gekündigt worden ist, wurde ich unter die "100 peinlichsten Berliner" gewählt, worauf ich natürlich sehr stolz bin. Platz sieben ärgert mich ein bisschen, da hätte ich mich persönlich höher eingeschätzt. Die Macher versuchen natürlich immer einen schmissigen, gemeinen Text zu schreiben - bei mir ist er überschrieben mit "Blogwurst". Das Wortspiel lehnt sich wahrscheinlich an an Plockwurst, die man früher auf die Pizza gemacht hat. Damit kenne ich mich allerdings nicht so genau aus.

Tip Berlin stichelte ja auch nach dem Motto "Lobo ist auf allen Plattformen vertreten, ob als Werbe-Gallionsfigur (von Vodafone) oder als politisch Tätiger". Wie wichtig ist denn tatsächlich die politische Tätigkeit im Online-Bereich und wie wichtig ist es, darüber zu berichten?

Lobo: Ich möchte anderen Leuten nicht sagen, was sie für wichtig oder unwichtig halten sollen. Ob das jetzt Politik, Unterhaltung oder Kultur ist. Ich habe für mich beschlossen, dass ich die Welt mitgestalten möchte. Das ist sehr hochtrabend formuliert, aber Weltverbesserung ist für mich kein schlechtes, sondern ein sehr gutes Wort. Ich glaube, dass man dabei an der Politik nicht vorbeigucken kann. Sie ist das zentrale Mittel, um die Welt zu verbessern. Und wenn ich dazu beitragen kann, dann möchte ich das gerne versuchen. Auch wenn dabei noch nicht klar ist, ob ich es schaffe, eine Richtung einzuschlagen, die zumindest in meinen Augen die digitale Welt verbessert. Ob es klappt, steht auf einem anderen Blatt.

Interview: Maike Freund, Christin Otto & Nora Weis
Fotos: Maike Freund, Christin Otto & Nora Weis

Veröffentlicht: 31.01.2010
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