Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Ich werde gelesen, also bin ich

Millionen tummeln sich mittlerweile in der Blogosphäre, jener bunten und chaotischen Welt, die von den Internet-Nutzern selbst geschaffen und mitgestaltet wird. Ob Andy63 ("Hallo, hier möchte ich Euch mal von meinem ersten Bungeesprung erzählen.") oder WhiteWolf ("Der Opa stellt mich wieder als oberdoof dar und belehrt mich, Gerste und Weizen zu unterscheiden!"): Die Bewohner des Universums verbindet ein Wunsch, beachtet und anerkannt zu werden. Dafür schaffen sie eine Online-Version des realen Ichs. Einer von ihnen ist Daniel Kerres, ein 18-jähriger Schüler, der von seinem Blogger-Alltag erzählt.

Dank Internet ersetzt das Weblog das klassische Tagebuch.

Die Schöpfung im Internet-Zeitalter beginnt damit, dass man in der Adressleiste eine einfache Zeichenkombination eingibt: zum Beispiel www.blog.de. "Hier kostenloses Blog erstellen", lädt ein grünes Banner ein. Nach der obligatorischen Registrierung – Benutzername, Kennwort und E-Mail werden abgefragt – fordert die unsichtbare Macht auf, "das persönliche Profil zu vervollständigen". Dazu gehören Vor- und Nachname, Geburtsdatum, Geschlecht und Land. Die Angaben sind zum Teil freiwillig, überprüft werden sie nicht. Peter darf sich Anna nennen, Frau in den besten Jahren kann sich mit dem Geburtsjahr 1989 schmücken und ein Hintertupfinger endlich mal in Brasilien, dem Land seiner Träume, wohnen. "Willkommen!", frohlockt die unsichtbare Macht, nachdem die Daten gespeichert sind. Jetzt nur noch schnell ein Bild hochladen, und noch ein Benutzerprofil erblickt das Licht der virtuellen Welt.

Das reale Leben dient als Vorlage fürs virtuelle

Daniel Kerres ist in der Blogosphäre als anavrin07 unterwegs.

Das Geburtsdatum von anavrin07 nennt Daniel Kerres auf Anhieb. "Das war am 28. März 2007", da schuf der 18-Jährige sein Alter Ego. Über den Namen hat er nicht lange nachgedacht: Er entsteht, wenn man das Wort Nirvana rückwärts liest. Schon mit zwölf Jahren hatte Daniel seinen eigenen Computer mit Internet-Zugang. Die große, weite Online-Welt schien ihm anfangs fremd und kompliziert. "Ohne die richtigen Seiten zu kennen ist das Internet ziemlich nutzlos", sagt der 18-Jährige.

Zufällig ist er auf blog.de gestoßen. "Ich habe die Einträge gelesen und mir gedacht: Das kannst du auch." Seitdem bloggt Daniel täglich. Es gibt Tage, an denen er nach Hause eilt, weil ihn das reale Leben mit Geschehnissen konfrontiert hat, die sofort ins Netz müssen. Die seltenen Augenblicke, die Gedanken, die Wut müssen fixiert, gezähmt werden. Das reale Leben dient als Vorlage für das virtuelle. Häufig inspiriert den Gymnasiasten sein Schulalltag. In einem seiner Einträge beschreibt Daniel zum Beispiel eine Situation aus dem Englischunterricht. Es ist ein Rollenspiel, die Klasse ist in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine besteht aus Menschen, die in einer Gesellschaft leben, in der es keine Gefühle gibt. Die Mitglieder der anderen Gruppe leben in unserer Gesellschaft. Beide Teams sollen den Lehrer von den Vorteilen des jeweiligen Lebensstils überzeugen. Ein Auszug aus dem Blog von anavrin07:

Hören Sie diesen Blogeintrag auch als Audiofile, eingesprochen von Martin Gehr (0:46 min., 730 kb).

"Lehrerin: Ja, wenn ich mir diese Seite anhör (die aus der GEFÜHLLOSEN Gesellschaft), dann finde ich, dass sie ein glückliches Leben führen.

Ich: Halt, das kann nicht sein. Sie können nicht glücklich sein, weil Glück ein Gefühl ist.

Lehrerin: Hä?

Ich: Glück ist ein Gefühl, und da sie keine Gefühle empfinden, können sie nicht glücklich sein.

Lehrerin: Das ist nicht die Aufgabenstellung.

Schwere Diskussion, wobei ich beinah, Tisch umwerfend, den Klassenraum verlassen hätte. Zitternde Hand. Was ist so schwer an der Logik. Ich verstehe es nicht. Dabei lässt sich mit nichts so gut argumentieren als mit Logik. Aber in der Schule geht es ja nicht wirklich um diskutieren. Schule ist hohles Gelaber, wie eine Talk-Show bei Sabine Christiansen."

Intimes Tagebuch im Internet

Für sein Profil wählte Daniel das CD-Cover seiner Lieblingsband Fugazi.

Es gibt aber auch Momente, da bleibt das Leben stehen, tagelang passiert nichts, worüber man schreiben könnte. "Dann hat man ein Problem", sagt Daniel. "Aber irgendetwas fällt einem schon ein, notfalls ein Lied oder Zitat." Dann lesen seine Freunde Einträge wie: ",Ich habe schon viele kluge Köpfe getroffen, die eine bemerkenswert große Flut an Informationen aufnehmen konnten und trotzdem nicht eine Spur Weisheit haben oder Leidenschaft zu schätzen wissen.‘ Kurt Cobain. Was für Worte…".

Gefühle, Gedanken, Alltag und Familienleben werden auf Seiten wie blog.de offen präsentiert. Und es ist kein Zufall, dass die Nutzer ihre intimsten Gemütsbewegungen nicht etwa einem herkömmlichen Tagebuch anvertrauen möchten, das sie unter dem Bett verstecken. Die Einträge dürfen nämlich nicht ungehört, nicht ungelesen bleiben, sie brauchen ein Publikum, das sie im Idealfall kommentieren soll. "Mein Blog ist für mich eine Plattform, um Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen - für Sachen, für die man draußen in der realen Welt oft wohl eher blöd angeguckt wird", bringt es Daniel auf den Punkt.

Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit ist laut Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz in allen Menschen sehr stark. Gleichzeitig sei sie aber "die knappste aller Ressourcen". Immer mehr Jugendliche würden den Schauplatz wechseln und den Kampf um Aufmerksamkeit nicht mehr auf den Straßen, sondern im Internet führen. "Dort fallen die letzten Schamgrenzen der Selbstdarstellung weg", so Bolz. Menschen, die viel zu schüchtern seien, um in der realen Öffentlichkeit aufzutreten, nutzten den Schutz des Mediums für eine Art Exhibitionismus.

Gefühle formulieren, bis sie passen

Daniels Freunde lesen nicht nur seinen Blog, mit ihm chatten sie auch über Gott und die Welt.

Das kennt auch Daniel Kerres alias anavrin07 aus seinem Blogger-Alltag. Seine Leser seien offener als die Menschen aus der realen Umgebung. Sie können schließlich "die sein, die sie sein wollen". Auch bei ihm sei es nicht anders. "Ich fixiere vielleicht eine Teilpersönlichkeit von mir mehr und lasse dabei alles andere erst gar nicht rüberkommen", erklärt der 18-Jährige. Sein Verstand spiele dabei die herausragende Rolle. Die Emotionen könne man zwar nicht ganz außen vor lassen, aber man könne sie leiten. "Du kannst deine Gefühle ja so formulieren, bis sie irgendwie passen, und in der realen Welt kommen sie einfach: Wenn du weinst, dann weinst du." Sein Profil sei zum Beispiel nicht so schüchtern wie Daniel im realen Leben, oder nicht so introvertiert, wie es der Gymnasiast lieber formulieren mag.

Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum Menschen im Internet viel einfacher Kontakte knüpfen können als im echten Leben. Aus manchen Blog-Bekanntschaften werden sogar richtige Freundschaften. Zwar hat Daniel nur sieben Freunde – eine nach den Regeln der Blogosphäre sehr geringe Zahl - dafür aber pflegt der Jugendliche regen Kontakt zu den meisten von ihnen. "Mit einem verbringe ich momentan die meiste Zeit", sagt Daniel. Gemeinsame Aktivitäten? Chatten über Gott und die Welt, manchmal einen ganzen Tag lang.

Momente mit der Handy-Kamera

Die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden, ist auch laut Vasco Sommer, Betreiber der Seite www.blog.de, genau das, was die Faszination seines Forums ausmacht. "Die Nutzer können über die Inhalte und die Sprache Verbindungen aufbauen", sagt der 32-Jährige. "Wenn man das Bloggen lange genug durchhält, wundert man sich, von welchen Menschen man gelesen wird." Bloggen heiße außerdem Dokumentieren. Auch der Geschäftsmann selbst versucht, flüchtige Momente des Lebens mit Hilfe einer Handy-Kamera festzuhalten, um die Bilder schließlich in seinem Blog zu veröffentlichen, einem sogenannten Moblog.

Seit 2005 betreibt Sommer gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Florian Wilken in einer Berliner Fabriketage mit blog.de eines der größten deutschen Bloggerforen. Etwa 200.000 Mitglieder im deutschen Netzwerk zählt zurzeit die Seite. Mittlerweile hat das Team ihr Bloggergeschäft bis nach Spanien und Schweden ausgedehnt. "Wir haben damit eine Nische besetzt", sagt Sommer. "So kann man ganz schnell Feedback bekommen, Personen finden, mit denen man diskutieren kann oder die einem helfen." Die Nutzer bauen auf diese Weise soziale Netzwerke auf und kommen sich dabei "extrem mächtig" vor.

Wie Götter eben.

Veröffentlicht: 10.10.2007
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