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"Ich bin stolz, Bergmann zu sein"

Von Katharina Bons

Bottrop. Sie gehören zu den letzten Bergmännern im Ruhrgebiet: Dirk Smolnikar und Jörg Müller sorgen dafür, dass der Kohleabbau im Revier so effizient wie möglich abläuft. Die beiden Kumpel berichten, was sie vom Marketing rund um ihren Beruf halten, was das Ruhrgebiet für sie bedeutet und was sie sich von der Kulturhauptstadt erhoffen.

Frage: 1960 gab es noch 146 Bergwerke in Deutschland, heute sind es noch sechs. Auch ihr arbeitet nicht mehr in den Betrieben, in denen ihr angefangen habt.

Jörg Müller: Ich habe mittlerweile zwei Schließungen mitgemacht. Und es ist ein komisches Gefühl, wenn man an dem Förderturm vorbeikommt, wo man lange angefahren ist und wo man jeden Tag hingegangen ist und da ist jetzt auf einmal eine Blumenausstellung. Das ist wirklich ganz komisch. Wenn ich da jetzt vorbeilaufe, hab ich so einen Moment, da könnte ich nichts essen. Irgendwo würde das gar nicht im Magen ankommen.

Schicht im Schacht: Statt einst über 100 gibt es heute nur noch sechs Steinkohle-Bergwerke in Deutschland. Foto: © Gerd Kluge/www.gerd-kluge.de

Dirk Smolnikar: Weltkulturerbe Zollverein zum Beispiel, ist ja alles ganz schön geworden, aber wenn man mal bedenkt, wie viel Leute da mal gearbeitet haben. Was mich auch so ein bisschen betroffen macht, ist das Denken, der Leute, die wissen gar nicht, wo wir eigentlich herkommen. Montanindustrie, Stahl, Kohle - dem hat Deutschland den Aufstieg zu verdanken – heute will keiner mehr was davon wissen.

Dass leere Industrieanlagen zu Veranstaltungsorten und Freizeitzielen werden, ist euch gar nicht so recht?

Müller: Man identifiziert sich mit seinem Pütt. Wenn ich an einem anderen Pütt vorbei komme, habe ich das nicht. Mein eigener Pütt, das ist das worum es geht. Das heißt auch nicht, dass ich das nicht gut find', dass man da so etwas mit macht, das ist ok. Wenn jetzt nun mal beschlossen ist, dass es zu ist. Da jetzt eine Mauer drumherum zu machen, damit es keiner mehr sieht, finde ich auch nicht ok. Es ist schon gut, wenn man da solche Sachen mit macht.

Smolnikar: Man hat sich jahrelang damit identifiziert. Das ist der Brötchengeber gewesen, alles, was man sich leisten konnte, hat man sich da verdient und erarbeitet. Und dann wird das zugemacht, obwohl es noch gar nicht nötig wäre.

Mit Spitzhacke und Schaufel wird nur noch in Ausnahmefällen gearbeitet. Heute tragen riesige Maschinen die Kohle ab. Foto: © RAG

Über Tage wird der Beruf des Bergmanns vermarktet. Es gibt Tassen mit Grubenmännchen, schicke Mode aus alter Bergmannskleidung. Wie steht ihr zu solchen Projekten?

Müller: Ich hab eine Krawattennadel mit einem Förderturm drauf. Ich find' das gut.

Smolnikar: Ich finde es gut, wenn es nicht ins Lächerliche gezogen wird. Wenn ich Postkarten sehe, wo der Kumpel da sitzt mit einer Banane quer im Gesicht, das finde ich ein bisschen blöd. Ansonsten wenn da ein bisschen Nostalgie ins Spiel kommt, dann ist das schon ganz in Ordnung. Ich habe ein Bild zu Hause, da ist ein Bergmann drauf mit Helm und daneben steht: Ich bin Bergmann, wer ist mehr? Das fand ich immer ganz gut. Ich bin immer stolz gewesen, Bergmann zu sein.

Müsst ihr denn oft mit Vorurteilen kämpfen, und darüber aufklären, wie euer Beruf heute aussieht?

Smolnikar: Es wird oft gefragt von Außenstehenden: Ist das denn so, dass ihr da mit einem dicken Hammer und einer Schüppe rumlauft und die Kohle von Hand löst mit einem Abbauhammer? Dass wir auch unter Tage in der Lage sind, Computer hinzustellen und E-Mails nach über Tage zu verschicken, das können sich viele gar nicht vorstellen. Oder dass eine riesige Gewinnungsmaschine, die zig Tonnen wiegt und die Kohlen rauslöst, mit einer Fernbedienung bedient wird und dass da sehr viel Elektronik und Technik im Spiel ist.

Müller: Die Leute interessieren sich nicht dafür, die haben keine Information darüber. Ich bin letztens in Oberhausen in einem Geschäft gewesen, da wollte eine Frau von mir beraten werden, weil ich wohl wie ein Verkäufer aussah. Ich sag: Ich bin im Bergbau beschäftigt. Sie: Wie im Bergbau? Ich: Kohle unter Tage. Sie: Wie das gibt es noch?

Also, um mit all' den falschen Bildern aufzuräumen: Gibt es da unten im Stollen noch irgendwen, der mit Spitzhacke und Schaufel arbeitet?

Smolnikar: Der das jeden Tag macht? Ich kenne keinen. In außergewöhnlichen Situationen, zum Beispiel wenn die Maschine nicht mehr vorwärts kommt, dann muss man auch schon mal zur Spitzhacke und zur Schüppe greifen, und sich dann vorbuddeln ein paar Meter. Aber das ist eine Aktion von ein, zwei Tagen, dann ist das erledigt. Wir nennen das vorkohlen. Ansonsten machen das die Maschinen.

Eines der modernsten Bergwerke der Welt: Der RAG-Standort Prosper-Haniel. © RAG

Was ist Ruhrgebiet für euch?

Smolnikar: Ruhrgebiet ist multikulti. Wenn man sieht, wie viel Nationen hier vertreten sind, die früher auch im Bergbau mit dabei waren. Unsere türkischen Kollegen, die zum größten Teil hier verblieben sind. Früher waren es die Italiener, selbst die Koreaner waren in den 60er-Jahren mit dabei. Hier ist ein Ballungsgebiet von ganz, ganz vielen verschiedenen Kulturen, die alle in einem Beruf gearbeitet haben damals.

Müller: Ich fühle mich hier wohl. Und wenn man dieses "wat" und "dat" hört – dann ist das einer von uns. Ich glaube, es gibt hier wenige Leute, die richtig abgehoben, spießig und angeberisch sind. Was fehlt, ist die Vielzahl der Arbeitsplätze auf kleinem Raum. So ein Bergwerk ist ja über Tage nicht so sehr viel, aber das sind 4500 Leute, die da beschäftigt sind. Es ist also eine große Menge. Wenn ich jetzt 4500 Leute in einem Einkaufszentrum beschäftigen will, dann muss das so groß wie ganz Oberhausen sein.

Smolnikar: Das kulturelle Angebot ist hier ziemlich groß. Langeweile kommt hier auch nicht auf. In alle Richtungen hat man Abwechslung.

Im Bergwerk Prosper-Haniel werden jährlich 3,2 Millionen Tonnen Kohle gefördert. Foto: Katharina Bons

Ihr gehört ja quasi zu den letzten Vertretern des "alten Ruhrgebiets". Was sollen die Kulturhauptstadt-Besucher im nächsten Jahr von eurem Revier mitnehmen?

Smolnikar: Ich wünsche mir, dass unsere eigene Bevölkerung den Bergmannsberuf als wichtig ansieht. Und dass wir vor allem unsere Energiereserven nicht einfach so wegschmeißen. Wenn man so eine Zeche zuschüttet, dann ist das Ding weg. Und jeder weiß, wenn wir uns irgendwo abhängig machen, was dann mit den Preisen passiert. Oder wenn mal die Russen Gas nach Deutschland liefern und irgendeiner bezahlt die Gebühren nicht, dann drehen die den Hahn ab, dann gucken wir erstmal in die Röhre.

Müller: Ich würde mir wünschen, dass die Leute, wo auch immer sie herkommen, unser Ruhrgebiet erleben und wenn sie wieder nach Hause kommen, erzählen: Das ist klasse. Da musst du mal hin.

Veröffentlicht: 08.07.2009
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