"Ich bin kein Kampfsänger mehr"
Von Ulrike Sommerfeld
Rheinpreußensiedlung in Duisburg-Homberg. Dort - in der einstigen Arbeitersiedlung der Schachtanlage "Rheinpreußen" - lebt ein Mann, der nicht nur zum Erhalt der Häuser in der Siedlung beigetragen, sondern sich auch als "Pottpoet" und "Ruhrgebietsbarde" einen Namen gemacht hat: Frank Baier.
Er ist Sänger, Musiker, Autor, Liedermacher und Sammler historischer und zeitgenössischer Arbeiterlieder zugleich. Hin und wieder wird er auch "Mr. Ruhrgebiet" genannt. Dabei wollte er diesen Namen nie haben. "Ich bin nicht Mr. Ruhrgebiet. Hömma, ich war doch noch nie inne Mucki-Bude", sagt der 66-Jährige und fängt an zu lachen.
Dass die Geschichte des Ruhrgebiets und deren Musik einmal sein Leben bestimmen würde, hätte der geborene Braunschweiger nie gedacht. Denn eigentlich ist Frank Baier Ingenieur. "Opa bei Krupp, Vatter bei Krupp und ich war auch bei Krupp inne Lehre, in der Gießerei", sagt der Liedermacher. Später machte er dann auf dem zweiten Bildungsweg seinen Ingenieur. "Das mit der Musik lief irgendwie parallel. Ich war immer beides - Musiker und Ingenieur."
Mit Skiffle fing alles an
In den 60er Jahren legte Frank Baier den Grundstein für das, was er heute ist. "Mit elf Jahren war ich zum ersten Mal auf der Burg Waldeck." Auf den späteren, legendären Waldeck-Festivals, die zwischen 1964 und 1969 stattfanden, lernte er Liedermacher wie Hannes Wader und F. J. Degenhardt kennen. Doch bereits Anfang der 60er Jahre war er Frontsänger der "Saints Rambler Skifflegroup", die in Essen-Frohnhausen (seinem damaligen Wohnort) entstand. Skiffle war die erste deutschsprachige Protestbewegung bei den Ostermärschen im Ruhrgebiet. Nach dem Ende der Waldeck-Festivals war er Mitglied der Gruppe "Kattong", die sich für Gefängnisinsassen engagierte und im Knast sang. Später taten sich Walter Westrupp und Frank Baier zusammen und gründeten das Duo "BaierWestrupp". Danach, inzwischen Mitte der 70er Jahre, trat er in der Skiffle-Band "Walter h.c. Meier Pumpe" (den Spitznamen "Pumpe" bekam Frank Baier bereits mit elf Jahren) auf, die er später verließ weil ihm die Musik zu kommerziell wurde.
Später - Mitte der 70er Jahre in der AKW- und Hausbesetzerbewegung - produzierte Baier mit der Szene gemeinsam Platten, um mit deren Erlös Rechtsanwälte für den "Bauer Maas" oder die inhaftierten Hausbesetzer zu unterstützen. Kommerzielle Musik war nicht "sein Ding". Schließlich hatte er ja seinen Beruf als Werkstoffprüfer und eine Familie.
Rettet Rheinpreußen
Als ein Bauspekulant die Rheinpreußensiedlung Ende der 60er Jahre aufkaufte und die ersten Häuser abriss, gründeten die Bewohner eine Bürgerinitiative, in der auch Frank Baier aktiv wurde. Sie besetzten Häuser, machten Demonstration, Mahnwachen und Hungerstreiks. In diesen Jahren entstanden seine ersten Lieder - "Rheinpreußen ruft Alarm", "Das Hochhaus", "Genossenschafts-Lied" und "Opa Weber" für die Sesamstraße. "Früher war die Protestbewegung noch groß", sagt der Liedermacher, "heute is da kaum noch wat da. Den Leuten gehtet noch nich schlecht genuch". Früher habe sich der Eine noch um den Anderen gekümmert. Solidarität war das Stichwort. "Wenn Dieter Bohlen heute sagt: 'Du singst, als hättest du einen Tampon im Arsch', was sollen denn dann die Menschen von Solidarität halten?" Den Kindern hier im Ruhrgebiet gehe es scheiße, sie seien die Schwächsten. Und genau das zeige doch, dass die Gemeinschaft nicht funktioniert.
Um der "neuen" Generation ein Gefühl dafür zu geben, was Solidarität früher einmal gewesen ist, geht der 66-Jährige in Schulen, machte Rap-Musik mit den "Sons of Gastarbeita". Oft wird er auch als "Mittler zwischen den Generationen und Kulturen" bezeichnet, was er Projekten mit der madegassischen Band "Rossy" und dem Türken Mesut Cobancaoglu verdankt. Früher, in den 60er,70er und 80er Jahren war Frank Baier auf Protest gebürstet. Seine Musik war eben politisch, für viele, wie den WDR, zu politisch. "Heute singe ich nicht mehr um eine Veränderung zu erreichen, sondern um den Menschen eine Chance zu geben nachzudenken. Ich bin kein Kampfsänger mehr", sagt er.
Über unsern Kohlenpott
Schluss ist, wenn ich umfalle
Im Jahr 1996 wurden die Weichen neu gestellt. Frank Baier wurde sehr krank und dann, ein Jahr später, "in die Frührente geschossen". "Ich dachte mir: Hömma, du bekommst jetzt zehn Jahre geschenkt, da musst du noch wat sinnvolles tun. Also arbeitete ich bis zu 12 Stunden am Tag." Heraus kam schließlich die Platte "Lieder der Märzrevolution 1920" mit der er den "Preis der deutschen Schallplattenkritik" bekam. Das war Motivation genug weiterzumachen.
Die Probleme von damals bestehen auch heute noch. Und weil die Musik und Texte von damals auch heute noch funktionieren, möbelt er die alten Arbeiterlieder und Klassiker einfach auf. Er arrangiert sie neu und schreibt hin und wieder ein paar Zeilen dazu. Den Klassiker "Schritt für Schritt ins Paradies" von Rio Reiser aus dem Jahr 1972 hat er beispielsweise mit einer Harfe, die er selbst gebaut hat, neu arrangiert. "Verrückt", sagt er, "aber ey, das funktioniert tatsächlich". Das Repertoire des Liedermachers ist riesig. Wieviele Texte er selber und wieviele er umgeschrieben hat, weiß er nicht. Wieviele Instrumente er besitzt und spielt, weiß er auch nicht so genau. Sein persönliches Archiv ist beeindruckend. Das, was er auf seine Website gestellt hat, ist nur ein Bruchteil dessen, was Frank Baier besitzt. Unzählige Ordner mit Songtexten, Platten, CD's und sogar Kassetten füllen mehrere Regalwände. "Die Kassetten müssten eigentlich digitalisiert werden, aber ich komme einfach nicht dazu". Zeit ist übrigens ein knappes Gut, auch für den Frührentner. Aktuell steht ein Liederbuch mit Texten an. "Der Pott singt" soll es heißen. Darin enthalten sein sollen Lieder mit Text und Noten aus dem Ruhrgebiet, auch populäre. Und da Frank Baier auch leidenschaftlicher Sammler ist, findet man bei ihm alles, was Arbeiterlieder und Arbeiterdichtung angeht. "2010 soll es fertig werden. Aber danach will ich noch ein Textbuch mit meinen eigenen Liedern und eine Biografie schreiben. Ich habe noch eine Menge zu tun." Auf die Frage, wann er aufhören will, antwortet er: "Die alten Ikonen des amerikanischen Blues sind auf der Bühne einfach umgefallen, jau."
An der "Kulturhauptstadt 2010" nimmt Frank Baier übrigens nicht teil. Keiner seiner Liedermacher-Kollegen wird irgendwo auf einer Bühne stehen. Nicht weil sie nicht wollen, im Gegenteil: "Wir haben mehrere Anträge gestellt, auf die sie einfach nicht reagiert haben", erzählt er. "Alle, die sich mit Musik und dem Ruhrgebiet beschäftigen, sind nicht dabei. Die holen sich lieber ausländische Künstler für viel Geld. Erst wenn wir nicht mehr sind, werden die wach."




