Horst sieht rot
Von Christine Veenstra
Eine alte Siedlung, ein Hydrierwerk und ein ehemaliges Bullenkloster bilden im Gelsenkirchener Stadtteil Horst ein eigentümliches Konglomerat. Hier trifft Marx auf Schalke und Stillstand auf Bewegung, hier wird gekämpft für den Erhalt des Status Quo und für Veränderung.
Gelsenkirchen. Am Ende der Johannastraße im Gelsenkirchener Stadtteil Horst brütet eine alte Zechensiedlung in sommerlicher Hitze. Doppelhäuser stehen rechts und links der Straße. Vor kohlschwarzen Fassaden blühen die Vorgärten, und zwischen verwitterten Fensterläden luken bunte Porzellanfiguren hervor. Ein alter Mann steht vor einem der Häuser und blickt die Straße entlang. Nichts rührt sich. Stillstand ist die erste Assoziation. Das Schlagwort Arbeiterbewegung passt nicht hierher. Und doch: Gleich um die Ecke weht ein revolutionärer Wind. Im ehemaligen Lehrlingsheim, dem sogenannten ‚Bullenkloster‘ der Zeche Nordstern, ist seit 1986 das Arbeiterbildungszentrum "Schacht III" untergebracht. Marxistisch-leninistisches Gedankengut wird hier gepflegt - von Menschen, die das Ruhrgebiet in den 70er Jahren zu ihrer Wirkungsstätte auserkoren haben.
Beste Lage für die Bildung
Klaus Arnecke, ein gemütlicher Mann um die 60, wartet im ersten Stock des ehemaligen Lehrlingsheims. Er geht voran in einen kargen Besprechungsraum und lässt sich schnaufend auf einen Stuhl plumpsen. Eine breite Fensterfront hinter ihm gibt den Blick frei auf das Werksgelände der Ruhr Oel GmbH. Beste Lage für sein Anliegen, die Arbeiterbildung, sollte man meinen. Arnecke ist Vorsitzender des Vereins Arbeiterbildungszentrum (ABZ) und macht keinen Hehl aus seiner kommunistischen Gesinnung. Aber er betont, das ABZ sei eine parteiunabhängige Einrichtung. Der Mann ist Idealist, und Interesse an seinen Idealen bedient er gern. Es dauert nicht lange und er entblättert nach und nach Kapitel seiner Lebensgeschichte.
Arnecke hat studiert, Architektur in Stuttgart, zu einer Zeit, da die Mao-Bibel unter Studenten verbreitete Lektüre war. Anfang der 70er Jahre, in der ausgehenden Phase der Studentenbewegung, entdeckt er die Schriften von Karl Marx: "Ich habe gemerkt, dass ich damit in der Lage war vieles zu erklären. Von da an hab ich Boden unter den Füßen gehabt." Arnecke wollte etwas machen, was der Gesellschaft nützt, wie viele zu dieser Zeit: "Es gab da einen Boom an Parteigründungen und alle hatten den Anspruch, die Vorhut der Arbeiter zu sein", erinnert er sich.
Die rote Insel wird gemieden
Klaus Arnecke machte sich ans Werk: Mitte der Siebziger verließ er Stuttgart, zog in die Industrieregion Ruhr und begann eine Ausbildung zum Schlosser. Seinem Chef in einer Firma für Behälter und Apparatebau in Essen offenbarte er nicht, was ihn zu diesem Schritt antrieb. Er machte seinen Job und die Jahre vergingen, bis ein Kreis von Linken den verkommenen alten Backsteinbau am ehemaligen Schacht III der Zeche Nordstern kaufte. Ihr Ziel: Der Arbeiterschaft alle fortschrittlichen Erkenntnisse zu eigen machen.
"Anfangs waren wir für die Leute hier die Bombenleger", erinnert sich der Vorsitzende des ABZ. Auch der Empfang seitens der Stadt sei alles andere als freundlich gewesen: Ein Transparent mit einem Willkommensgruß, das die Nachbarschaft ins ABZ locken sollte, musste auf Geheiß des Bürgermeisters sogleich wieder entfernt werden. Und an Besuche im Schacht III dachten die Nachbarn ohnehin noch nicht. "Die Menschen im Ruhrgebiet sind sehr zurückhaltend, wenn jemand kommt und sagt: Ich hab die Wahrheit", hat Arnecke festgestellt.
Maulwurf auf dem Bolzplatz
Die Roten am Ende der Siedlung stießen auf Ablehnung. Abschrecken ließen sie sich davon nicht. Mit etwas Glück gelang Arnecke auf dem Bolzplatz des Wohngebiets ein spektakulärer Sieg über das Misstrauen der Nachbarschaft: "Die Duschen vom Sportplatz konnten irgendwann nicht mehr benutzt werden. Da hab ich die Leute für 50 Pfennig zum Duschen auf Schacht III mitgenommen", erzählt er. Die Freizeitfußballer hatten ihre Scheu überwunden, und auch andere Horster waren neugierig, was die neuen Hausherren aus dem alten Lehrlingsheim gemacht hatten. Schließlich war die Zeche Nordstern im Gelsenkirchener Stadtteil Horst mehr als ein Jahrhundert lang wichtiger Arbeitgeber.
Schacht III ist auch blau-weiß
Das Arbeiterbildungszentrum ist heute Gästehaus und Tagungsstätte mit fünf Tagungsräumen und einem neugebauten Saal für bis zu 200 Personen. Es gibt eine Sauna und eine neue, moderne Küche, in der für 800 Personen gekocht werden kann. Für die Menschen in der Zechensiedlung ist Schacht III vor allem Kneipe – die einzige in der Nähe. Auf schmalen Regalbrettern prangen Symbole des Arbeiterkampfs, über dem Fernseher hängt ein Schalke-Schal. Nachbarn haben zueinander gefunden, und auch gekämpft haben sie schon zusammen: Als die Veba AG, ehemals Eigentümerin des Hydrierwerks und der Zechensiedlung, die Häuser in der Johannastraße sanieren und die Mieten anheben wollte, wurde Seite an Seite protestiert. Auch ein Netzwerk aus Bergleuten namens "Kumpel für AUF" hat sich im Umfeld von Schacht III gegründet und bildet seit 1999 ein überparteiliches Wahlbündnis. Außerdem sind aus der offenen Akademie, einer Vortragsreihe, die jährlich angeboten wird, unterschiedliche Arbeitskreise hervorgegangen. Schüler, Hausfrauen, Rentner und Arbeiter kommen dort zusammen. Die einen gehen der Frage nach wie gefährlich Feinstaub für die Menschen ist, andere haben einen Verein für Kreislaufwirtschaft gegründet.
Logistisches Glanzstück
"Der Kampf für eine fortschrittliche Welt, ist nicht allein Sache der Politik", meint Klaus Arnecke und freut sich über jedweden Aktionismus. Der größte Erfolg des ABZ war für ihn aber ein internationales Bergarbeiterseminar, das im Frühjahr dieses Jahres stattfand. Etwa 800 Bergleute aus 18 Ländern waren zu Gast, um über die Entwicklungen im Bergbau zu sprechen. "Es gab Länderberichte zum Beispiel aus Polen, Bolivien und Venezuela. Dann wurde beraten und beschlossen, dass die Bergarbeiter künftig regelmäßig eine internationale Konferenz abhalten werden."
Um Großveranstaltungen wie das Bergabeiterseminar stemmen zu können, hat das ABZ im gastronomischen Bereich professionelle Kräfte eingestellt. Weil das Bildungsangebot aber günstig bleiben soll, wird nach wie vor viel ehrenamtliche Unterstützung mobilisiert. Menschen mit wenig Geld, die Angebote des ABZ nutzen wollen, können Türen streichen oder Gartenarbeit machen und dafür bis zu 50 Prozent der Kursgebühren erstattet bekommen. Spüldienste müssen die Kursteilnehmer ohnehin selbst organisieren. "So entwickelt sich das Gefühl, das man Anteil nimmt", sagt Arnecke.
Teilnahme und Anteilnahme, Teil haben und Teil werden – dass das funktioniert haben die Linken im Arbeiterbildungszentrum und die Menschen in der Siedlung bewiesen. Klaus Arnecke schaut aus dem Fenster aufs Hydrierwerk. "Tschüss", sagt er und verlässt den Konferenzraum im ersten Stock mit einem leisen Lächeln. In wenigen Minuten öffnet die Kneipe auf Schacht III. Die Nachbarn werden kommen.
Kontakt:
Verein Arbeiterbildungszentrum e.V.
Klaus Arnecke
Koststrasse 8
45899 Gelsenkirchen
Tel.: 0209/5084129





