Fundstück
HipHop + Kinder = tipptopp!

- Dieses Mal in der Schatzkiste: HipHop in der Werbung.
Die Sommerzeit stellt Journalisten oft vor große Probleme: Sie fallen ins berühmt-berüchtigte Sommerloch! Doch was des einen Leid, ist des anderen Freud. Die Werbetreibenden profitieren zu solchen Zeiten von erhöhter Aufmerksamkeit - und nutzen diese durch den Mix aus HipHop und Kindern teilweise überaus geschickt. Teilweise sind die Spots aber auch platt wie Platten, wie das heutige "Fundstück des Tages" in der dritten Folge beweist.
Dortmund. Damit ist dem französischen Mineralwasser-Hersteller Evian ein echter Coup gelungen: Die breakdancenden Babys waren in den vergangenen Wochen ein viel beachtetes Thema in den Medien, obwohl es sich um eine reine Werbekampagne handelt.
So hat beispielsweise Spiegel Online analysiert, dass ein solcher Spot besonders im World Wide Web gute Chancen hat, selbst zum Programm zu werden. Mit bislang mehr als 14 Millionen Klicks brechen die computeranimierten HipHop-Babys alle Rekorde im Werbe-Genre. Die "Roller Babies" wurden bereits nach einer Woche bei YouTube über 3,3 Millionen Mal geklickt - mit einem einfachen Rezept: Freshe Old-School-Mucke von den Rap-Veteranen der "Sugarhill Gang", große Baby-Kulleraugen plus ein paar Tropfen aus dem Flakon "witzig und ungewöhnlich" - fertig. Netzwerbung wie diese folgt laut Rheinischer Post einem anderen Prinzip als "normale" Werbung und hat im Hinblick auf die Reichweite weitaus besser gemischte Karten. Letzteres leuchtet durchaus ein, da der Spot den Usern im Gegensatz zur Radio- und Printwerbung zeitlich und räumlich nahezu unbegrenzt zur Verfügung steht. Allerdings hat die Werbeabteilung von Evian keinesfalls das alleinige Patent auf innovative Werbung. Sie setzt lediglich einen Trend fort, der in jüngster Zeit zu beobachten ist: HipHop + Kinder = tipptopp!
Ein prominentes Beispiel aus dem HipHop-Kinderzimmer ist der mit tonnenschweren Goldketten behängte "voll FETTE" Rama-Junge. Die Strategie ist auch hier denkbar einfach: Ein niedliches Kind schlüpft in die Rolle des neuesten Ghetto-Rappers aus der Bronx und erheitert dadurch die Erwachsenenwelt, weil von ihm so viel reale Bedrohung wie von einem Feuchtigkeitstuch ausgeht. Allerdings bleibt an dieser Stelle - ebenso wie bei den "Roller Babies" - fraglich, ob durch den hohen Unterhaltungswert der "Story" das eigentlich beworbene Produkt nicht völlig untergeht. Denn ob sich die Kombination aus der FETTreduzierten Rama und dem aus dem HipHop-Jargon stammenden "FETT" (frei übersetzt: geile Scheiße) wirklich im Unterbewusstsein der Konsumenten FEsTsetzt, bleibt Spekulation. Letzteres trifft auch auf ein anderes Produkt aus der werblichen HipHop-Ghetto-Scheinwelt zu:
Im Spot von "Kinder Maxi King" werden die Kinder zwar durch muskelbepackte, prollige und fies wie Gargamel dreinguckende Möchtegern-Rapper ersetzt, aber auch hier wird das Produkt über das Gangster-Image vom HipHop zum Konsumenten transportiert. Die Kulisse in diesem Spot ist glamouröser und aufwendiger nach dem für HipHop klischeehaft besetzten Motto "Bass, Bitches - Bingo!" arrangiert, aber die Parallelen sind unübersehbar. HipHop gilt vor allem in den jüngeren Generationen als "cool" und "hart" - Eigenschaften, denen sie bereitwillig nacheifern. Und ähnlich will auch die Werbung ihre Produkte verkaufen: Naschkram, der von einem solch geilen Typ angepriesen wird, muss einfach geil sein. Billiger geht es kaum - aber es scheint zu funktionieren. Die Etablierung dieses Genres schlägt nicht erst seit Bushido und seinen wöchentlichen Visiten bei Pocher und Co. hohe Wellen. Es ist die Form der Sprache und vor allem die des Reimens, die es den Werbetreibenden angetan hat:
Gut, in diesem Fall wird das Rad nicht gerade neu erfunden. Von einer Evolution des Wortes kann hier nur sehr bedingt die Rede sein, aber dennoch ist es eines der ersten Beispiele für den schleichenden Zugang der HipHop- in die Werbewelt gewesen. Der letzte Spot aus dieser Ecke stammt ebenfalls aus den Reihen der Produkte von kinder-Schokolade:
Bei diesem Spot wird die weltberühmte Single "Ice, Ice, Baby" vom ersten weißen Rapper Vanilla Ice in "leicht" verändeter Variante in den Spot eingebaut. Was selbstverständlich niemals fehlen darf, ist ein cooles "yeah, yeah" in den Texten - das lockert jede Kommunikation ungemein auf und sorgt dafür, dass sich eventuell auch der letzte Scheiß noch verkaufen lässt. Besonders die Firma "kinder" setzt also HipHop als verkaufsfördernde Strategie ein, um ein jüngeres Publikum anzulocken - und Evian hat diese Strategie nun überaus erfolgreich übernommen. Den armen Journalisten im Sommerloch indes kann das völlig schnuppe sein, solange sie über irgendeinen Mist berichten können. Getreu nach dem Motto: Alles, was im Sommerloch passiert, bleibt im Sommerloch. Und das gilt hoffentlich auch für den Medien Monitor...
Text: Stefan Burkard
Teaserfoto: Evgenij Haperskij
Videos: YouTube, Clipfish
