Online-Radio
Hintergrund statt Mainstream
Mit Journalismus ist kein Geld mehr zu verdienen? Doch, dachten sich drei Leipziger und gründeten detektor.fm. Ihr ehrgeiziges Ziel: Ein Online-Radio zu etablieren, das mehr als nur Musik bietet. Einen ersten Erfolg können die Gründer schon jetzt verbuchen: Ihre Website ist gerade mit dem NEG Website Award 2010 ausgezeichnet worden.
Leipzig. Mehr als 4000 - dies gibt die Überblicksseite radio.de an, wenn man wissen möchte, wie viele Radiosender, Internet-Radiostationen und Podcasts live es im Internet gibt. Eine ganze Menge. Wie will sich ein neuer Sender dagegen durchsetzen?
Für Hans Bielefeld, kaufmännischer Geschäftsführer von detektor.fm, liegt die Antwort klar auf der Hand: "Von den mehr als 4000 Internetradiosendern, die bei radio.de gelistet sind, bietet fast kein Sender anspruchsvollen Journalismus an. Die große Mehrheit der Sender ist eine Abspielstation für Musik und hat keinen Moderator im Studio sitzen."
Sein Sender will es anders machen und sich davon abgrenzen. Der Slogan "Zurück zum Thema" soll diese Einstellung unterstützen. Laut Bielefeld steht er für die hintergründige Berichterstattung, auf die sie sich konzentrieren möchten. Darum gäbe es auch keine Nachrichten, keine Wetter- oder Verkehrsmeldungen.
Hoher Anspruch an die eigene Arbeit
Keine Nachrichten, kein Wetter, keine Verkehrsmeldungen - und wer soll dann diesen Radiosender nutzen? Und vor allem: warum? "Die anspruchsvollen und gebildeten Hörer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren werden in Deutschland von den bisherigen Angeboten kaum angesprochen", meint Bielefeld. Sein Sender hingegen würde seinen Hörern hintergründige Informationen und moderne Popmusik abseits des Mainstream bieten. Allerdings senden auch sie bisher jeden Tag nur drei Stunden live, von 16 bis 19 Uhr. Den Rest der Zeit laufen unterschiedliche Musikstreams.
Ein hoher und idealistischer Anspruch an die eigene Arbeit. Doch wie finanziert sich das Ganze eigentlich? Immerhin wird auch keine Werbung gesendet. "Detektor.fm ist eine Mischung zwischen Audio-Agentur und Werbeplattform. Der Sender produziert für öffentlich-rechtliche Hörfunksender Beiträge und Reportagen und bietet Unternehmen die Möglichkeit, Rubriken, wie beispielsweise die Kinorubrik, im Programm und auf der Homepage zu präsentieren", sagt Hans Bielefeld.
Sender ist ein halbes Jahr online
Ganz ohne Unterstützung funktioniert es also doch nicht. Und auch beim Start haben die drei Macher Hilfe in Anspruch genommen. Zur Gründung bekamen sie einen einmaligen Zuschuss, der in ganz Ostdeutschland für neue Projekte vergeben wird, und eine Investitionszulage. Zusätzlich werden die drei Initiatoren von detektor.fm ein Jahr lang durch ein Gründerstipendium des Freistaates Sachsen unterstützt und die Stelle einer Mitarbeiterin wurde teilweise gefördert.
Der Sender ist jetzt etwas mehr als ein halbes Jahr online - die Gründerfinanzierung also noch nicht ausgelaufen. Trotzdem ist Bielefeld davon überzeugt, dass sich detektor.fm durchsetzen wird. Bis 2012 soll es sich in ganz Deutschland als Hörfunkmedium etabliert haben. Ebenfalls in diesem Jahr soll es kostendeckend arbeiten. Und 2015 schließlich "hat detektor.fm den Sprung ins Auto geschafft und ist flächendeckend zu empfangen". Ein zu ehrgeiziges Ziel? "Ziele muss man sich stecken und sie müssen ehrgeizig sein", meint Bielefeld. "Es ist eher die Frage, ob der technische Standard da ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Radio immer stärker ins Internet abwandert." Auf eine Frequenz im "richtigen" Radio würden sie jedenfalls nicht schielen.
Text: Birte Penshorn
Fotos: detektor.fm
Teaserfoto: detektor.fm


