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Hinter Multikulti-Fassaden

Von Christine Veenstra

Türkische Gemüseläden, marokkanische Restaurants, Stoffhändler und Kaffeehäuser - das ist das Straßenbild der Münsterstraße im Norden Dortmunds. Sie gehört zum Stadtgebiet rund um den Nordmarkt, in dem der Anteil der Migranten an der Bevölkerung besonders hoch ist. Alle großen Ruhrgebietsstädte haben solche Quartiere, die den Mythos vom Ruhrgebiet als "Schmelztiegel der Kulturen" geprägt haben. Die kulturelle Vielfalt dieser Stadtteile ist allerdings nicht überall so groß, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Vielerorts sind ethnische Kolonien entstanden, in denen Migrantengruppen stark verdichtet leben.

Fotos: Christine Veenstra

Stadtteile mit multikulturellem Straßenbild gibt es im Ruhrgebiet viele. Sie wirken exotisch, sind aber häufig höchst problematisch - das räumliche Abbild dessen, was unter dem Schlagwort "Parallelgesellschaften" diskutiert wird. Wo der Ausländeranteil überdurchschnittlich hoch ist und Migranten ihre kulturellen Werte und Traditionen pflegen, droht der Kontakt mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu kurz zu kommen. Ethnische Segregation wird diese räumliche Abkopplung von Fachleuten genannt, und sie wird erst seit relativ kurzer Zeit wissenschaftlich untersucht.

"Die Kriminalität ist hoch. Im Kindergarten ist nur Multikulti. Die Kinder lernen fast nichts. Hier leben zu viele Migranten", sagt Inchi Sahin (39) über ihr Viertel in der Nähe des Dortmunder Nordmarkts. Sie ist im Alter von sechs Jahren aus der Türkei nach Dortmund gekommen und lebt seitdem in einer Gegend, in der nicht nur der Ausländeranteil überdurchschnittlich hoch, sondern auch der soziale Rang der Bevölkerung besonders niedrig ist. Im Auftrag der Enquette Kommission "Zukunft der Städte in Nordrhein-Westfalen" haben Wissenschaftler im Jahr 2003 erstmals flächendeckend erfasst, wie stark die ethnische Segregation in nordrhein-westfälischen Städten ist. Weil die Bildung von "Migrantenkolonien" meist in einzelnen Blocks und Straßenzügen stattfindet, wurden in einer Sozialraumanalyse Daten zu Migrantenanteilen und zur sozialen Situation der Bewohner einzelner Stadtgebiete verglichen. Das Ergebnis: Die Segregation ist innerhalb der Ruhrgebietsstädte erheblich. In fast allen Stadtteilen, in denen überdurchschnittlich viele Ausländer leben, ist die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung eher schlecht.

Wie sich das Leben in sogenannten ethnischen Kolonien auf die Integration auswirkt, ist umstritten. Nach Einschätzung des nordrhein-westfälischen Instituts für Landes- und Stadtentwicklung (ILS) hängen die Effekte von ethnischer Segregation von vielen Faktoren ab: Um absehen zu können, wie Segregation wirkt, muss man etwa wissen, ob Migranten kurzzeitig oder für viele Jahre in ethnischen Kolonien leben, ob sie freiwillig in diese Gebiete ziehen oder aus wirtschaftlichen Gründen dazu gezwungen sind, ob das Leben in solchen Gebieten tatsächlich gesellschaftliche Abschottung bedeutet oder außerhalb des eigenen Wohngebiets Kontakte zu Deutschen entstehen. Viele dieser Fragen lassen sich bisher nicht beantworten, weil die entsprechenden Daten fehlen. Auch das stellt das Institut für Landes- und Stadtentwicklung fest - in einer Untersuchung zur sozialen und räumlichen Mobilität von Migranten.

Die Wahl des Wohnraums wird vom Einkommen beeinflusst. Das schränkt Migranten ein, denn ihr Einkommen ist im Schnitt niedriger als das von Deutschen. Zudem kann Diskriminierung bei der Vergabe von Wohnraum eine Rolle spielen und Migranten in Viertel zwingen, in denen ohnehin schon viele Ausländer leben. Mohammed R. ist Marokkaner und betreibt in der Dortmunder Nordstadt ein kleines Restaurant. Gleich um die Ecke liegt die Ali Moschee, die er regelmäßig besucht. Viele marokkanische Freunde leben in dieser Gegend, und trotzdem hat Mohammed R. die Nordstadt vor kurzem verlassen. Er ist mit seiner Familie weggezogen, weil die Kinder unter deutschen Nachbarn aufwachsen sollen. Zum Viertel, in dem er sein Geschäft betreibt hat er ein gespaltenes Verhältnis: "Für uns Marokkaner ist das hier der Treffpunkt. Wir haben hier alles. Aber meine deutschen Freunde kommen nie hierher. Das ist schade."

Kontakt zu deutschen Nachbarn fehlt

Fakt ist, dass die Nachbarschaft für Menschen mit Migrationshintergrund ein wichtiger Berührungspunkt mit der deutschen Gesellschaft ist. Bei einer repräsentativen Umfrage des Zentrums für Türkeistudien, die im Jahr 2008 unter 1000 türkischstämmigen Migranten durchgeführt wurde, gaben 81 Prozent der Befragten an, Kontakt zu Deutschen vor allem in der Nachbarschaft aufzubauen. Im Freundes- und Bekanntenkreis und bei der Arbeit stellt dagegen ein weit kleinerer Personenkreis Kontakte zu Deutschen her, die über ein freundliches Grüßen hinausgehen. Sechs Prozent der Befragten haben keinerlei Kontakt zu Deutschen. Und dazu sagt die Mehrthemenbefragung: Die gesellschaftliche Isolation, von der diese Migranten betroffen sind, ist zum größten Teil unfreiwillig.

Rund um den Dortmunder Nordmarkt treiben Migranten vor allem Handel mit Lebensmitteln aus ihren Heimatländern.

Rund um den Dortmunder Nordmarkt leben vor allem Migranten aus islamischen Ländern zusammen. Sie bilden offenbar stärker als andere Migrantengruppen ethnische Kolonien. Dirk Halm vom Zentrum für Türkeistudien sieht solche Unterschiede vor allem in der Größe ethnischer Gruppen begründet: "Bei kleinen Gruppen hat man keine ausgeprägte Netzwerkbildung", so der Experte. Bei der größten Migrantengruppe, den türkischen Migranten, werde die Bildung ethnischer Kolonien zudem durch sogenannte Kettenmigration - also durch nachziehende Familienmitglieder - begünstigt. "Sie bringen immer wieder Strukturen aus ihrer Heimat mit."

Insbesondere für Neuzuwanderer und nachziehende Familienmitglieder stellen ethnische Kolonien in den Ruhrgebietsstädten offenbar wichtige Stützen dar. Auch das ILS weist in seiner Studie zur sozialen und räumlichen Mobilität von Migranten darauf hin. Darin stellen die Wissenschaftler fest, dass die frühen Zuwanderergruppen, wie Italiener und Griechen, heute weit weniger segregiert leben als noch vor 20 Jahren. Sie scheinen die ethnischen Kolonien nicht mehr zu brauchen, in denen andere Migrantengruppen zusammenleben: "Segregierte Gebiete übernehmen für die Neuzuwanderer eine wichtige Schonraumfunktion und sind in diesem Sinne auch als "Übergangsstadium" einiger Bewohnergruppen auf dem Weg ihrer räumlichen Integration zu verstehen", heißt es in dem Papier. Laut Dirk Halm vom Zentrum für Türkeistudien kann aber auch der gegenteilige Effekt eintreten: Die ethnische Kolonie kann zur Mobilitätsfalle werden. "Alle starten am Baumstamm und müssen sich irgendwann entscheiden, auf welchen Ast sie klettern. Wenn sie die Dönerbude des Onkels um die Ecke übernehmen, anstatt sich weiterzubilden, dann geht es irgendwann nicht mehr weiter."

Veröffentlicht: 16.10.2009
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