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Helden wie du und ich

Von Natalie Helka

Das Ruhrgebiet ist für vieles bekannt: Steinkohle und Industrie, Fußball oder auch Kultur - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Hinter all dem stecken aber auch Menschen. Viele von ihnen haben das Ruhrgebiet geprägt, manche sind zu richtigen Helden der Region geworden. Im Jahr der Kulturhauptstadt wird es im LWL Industriemuseum Henrichshütte in Hattingen eine Ausstellung mit dem Titel "Helden - von der Sehnsucht nach dem Besonderen" geben. Sie beschäftigt sich mit der Kulturgeschichte des Heldentums, von der Antike bis zur Gegenwart, und auch speziell mit den Helden des Ruhrgebiets. Dietmar Osses ist Projektleiter der Ausstellung und kennt sich aus mit den Helden des Reviers.

Dietmar Osses, Projektleiter der Ausstellung "Helden - von der Sehnsucht nach dem Besonderen"

Frage: Herr Osses, wo sind die Helden des Ruhrgebiets zu finden?

Dietmar Osses: In unserer Ausstellung beschäftigen wir uns zum Beispiel mit den Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Unternehmern. Da schauen wir, ob nicht die Arbeiter der Henrichshütte mit ihren Kämpfen gegen die Stilllegung der Hütten in Hattingen und Rheinhausen Helden waren. Dann fällt einem natürlich auch direkt der große Bereich der Sporthelden in unserer Region ein, auch ein sehr brisantes Thema, wie man sich vorstellen kann. Zum Bereich der Gegenwart können wir feststellen, dass die Grenzen zwischen Helden, Vorbildern, Idolen und Identifikationsfiguren nicht mehr trennscharf sind, die werden ganz schwammig.

Bleiben wir erst einmal bei den Arbeiterhelden - welche Beispiele gibt es da im Ruhrgebiet?

Osses: Wir haben in der Ausstellung die Nationalhelden und die Kriegshelden um Neunzehnhundert und das ist eine ganz wichtige Zeit auch für das Ruhrgebiet. Da gibt es die großen Auseinandersetzungen von Arbeitern und Unternehmern und die Formierung der Arbeiterbewegung. Wir schauen zum Beispiel auf einen der wohl bekanntesten Unternehmer im Ruhrgebiet: Alfred Krupp und die gesamte Krupp-Familie. Die haben sich als Bürgerliche doch sehr feudal gegeben, haben diese große Villa Krupp gebaut, haben sich selbst als Feudalherren gefühlt. Auf der anderen Seite schauen wir auch auf die sich formierende Arbeiterbewegung und deren Vertreter. Da sieht man, dass die Bewegung einen unheimlichen Kult um Lassalle getrieben hat, der Heldenverehrungsmustern folgt.

Alfred Krupp, Quelle: Wikipedia

Stand Alfred Krupp denn immer auf Seiten der Unternehmer oder war er auch ein Held der Arbeiter?

Osses: Der alte Krupp, Alfred Krupp, war sicherlich der personifizierte Vater der Firma und der wurde tatsächlich auch von seinen eigenen Arbeitern verehrt, die ihm übrigens ein Denkmal gestiftet haben in Essen und Krupp sozusagen selber auf einen Sockel gehoben haben. Das ist ein ganz besonderes Moment der Heldenverehrung. Das Denkmal, das Adeln.

Sie hatten schon den Bereich des Sports angesprochen, ich denke dabei direkt an Fußball. Welche Helden finden wir hier?

Osses: Das ist eine Frage, die wird sicher sehr stark polarisieren im Ruhrgebiet. Wir haben die beiden großen Vereine, klar, Schalke in Gelsenkirchen und den BVB in Dortmund. Auf Schalke sprechen wir ganz klar über Ernst Kuzorra, da gab es ja Denkmalbestrebungen. In Dortmund gibt es einen, der wird alle 14 Tage im Dortmunder Stadion als Held genannt: Norbert Dickel, der so genannte "Held von Berlin", heute Stadionsprecher. Da kann man vielleicht erzählen, warum der Held genannt wird und andere nicht. Norbert Dickel war Spieler in Dortmund, die Mannschaft galt als Underdog in dem Endspiel um den Pokal und er hatte eine starke Verletzung am Knie. Es war klar, wenn er dieses Spiel spielt - und er war ein sehr wichtiger Spieler - würde das nicht ohne bleibende Schäden verlaufen. Genauso kam es: Er hat gespielt, hat ein entscheidendes Tor geschossen, hat dann noch ein Spiel gemacht und war danach Sportinvalide. Er hat also alles gegeben für den Verein, für die höhere Sache. Das ist ein wichtiges Heldenmoment.

Also muss man unterscheiden zwischen richtigen Helden des Fußballs und Ikonen des Fußballs?

Osses: Das ist sicherlich richtig. Aber in der Ausstellung wollen wir auch nicht vorgeben: Das sind Helden. Jeder, der sich für das Thema interessiert, hat sofort eine Position. Wir wollen nicht die Helden machen, sondern wir schauen als Historiker in die Geschichte und fragen: Wer ist denn zu welchen Zeiten von wem und aus welchen Gründen als Held verehrt worden oder zum Helden gemacht worden? Jede Zeit macht ihre Helden.

Für einige ist Fußball ja sogar eine Art "Ersatzreligion". Würden Sie da auch schon von Heldenverehrung sprechen?

Osses: Bei einigen geht es sicherlich so weit. Da spielt die von uns gezogene Grenze, ob es nur ein Idol, ein Vorbild oder ein Held ist, eigentlich keine große Rolle.

Ob jemand ein Held ist, liegt zu einem gewissen Teil also auch im Auge des Betrachters?

Osses: Klar, es ist völlig ausgeschlossen, zu sagen, wir haben einen Heldenkanon, hinter dem sich alle versammeln. Das geht heute gar nicht mehr. "Helden machen" und "Helden stürzen" hat viel mit Kommunikation zu tun und wir haben heute ja eine sehr breite Kommunikation. Wenn wir auf die letzten zehn Jahre schauen, haben wir zwei Tendenzen: Einmal Helden, Retter, Alltagshelden, spätestens nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Das hat einen starken Impuls auch hier in Deutschland gegeben. Feuerwehrleute werden heute viel mehr als Helden empfunden. Die zweite Tendenz ist "Selbst ein Held sein". Wenn wir heute in die Medienlandschaft schauen, da gibt es ganz viele Castingshows. Auch da verschwimmt die Grenze zwischen Star, Held und Idol.

Das Bild des Helden befindet sich also im Wandel?

Osses: Das ist unser Ansatz. Heutzutage ist es durch eine große Vielfalt sehr unterschiedlich. Vieles kann Held sein. Das ist auch in Ordnung, wenn jemand sagt: Das ist mein persönlicher Held. Man muss sich nur bewusst sein, warum eigentlich und was steckt dahinter.

Schauspielerin Tana Schanzara, Foto: Wolfgang Silveri

Heutzutage wird in der Unterhaltungsbranche ja auch viel mit dem Ruhrgebietsklischee gespielt, sei es die Sprache oder die Gegend an sich. Gibt es in dem Bereich denn auch Helden speziell für Menschen im Ruhrgebiet, weil man sich vielleicht mit ihnen identifizieren kann?

Osses: Definitiv. In der Ausstellung schauen wir ja auch, was sind denn jetzt die Helden des Ruhrgebiets? Dazu haben wir auch Umfragen gemacht. Auf den ersten fünf Plätzen sind Tana Schanzara, Adolf Tegtmeier, Horst Schimanski, Alfred Krupp und Herbert Knebel. Aus einem ganz breiten Spektrum wurden also interessanterweise genau diese Sympathieträger oder Identifikationspersonen für Ruhrgebiets-Menschen ausgewählt, die offensichtlich irgendwie einer von uns sind und das nach Außen zeigen.

Dann sind das aber auch Helden, die in anderen Regionen Deutschlands nicht funktionieren würden, oder?

Osses: Selbst hier tun wir uns ja schwer damit, zu sagen: Das sind richtige Helden, weil das sind eben nicht die auf dem riesigen Sockel, sondern sie sind eher so wie du und ich. Da schwingt dann auch ein bisschen der Gedanke mit: Na, eigentlich kann es jeder werden. Man muss nur an seine Tat glauben.

Müssen Helden für das Ruhrgebiet auch aus dem Ruhrgebiet kommen?

Osses: Nicht unbedingt. Es ist ja im Ruhrgebiet auch schwer zu sagen, wer wirklich von hier kommt, weil wir eine Region der Zuwanderer sind. Es muss nur einer aus unserer Mitte sein, er muss so sein wie wir, so sprechen wie wir. Ein Schlüssel dazu ist sicherlich auch, dass wir es im Ruhrgebiet verstehen, schnell zu integrieren und Zuwanderer hier auch eine große Rolle spielen. Rund 25 Prozent der Menschen im Ruhrgebiet haben eine Zuwanderungsgeschichte. Diese Menschen haben dann auch wieder ihre eigenen Helden.

Gibt es denn ein paar spezielle Kriterien, um Held im Ruhrgebiet zu werden?

Osses: Ja, dazu gibt es zwei Ansätze. Erstens, ob jemand definitiv als Held benannt wird oder ob ein Heldenkult um eine Person betrieben wird. Dann müssen wir auch andersherum schauen, indem wir fragen, was denn das Gemeinsame dieser "Helden" ist. Gerade für das Ruhrgebiet ist hier das "von unten kommen" wichtig. Diese Menschen werden hier tatsächlich sehr stark als Helden verehrt. Wichtig ist natürlich auch der Einsatz von Leib und Leben, ohne Rücksicht auf eigene Verluste und teilweise auch das "für andere was tun".

Was glauben Sie sind die zukünftigen Helden des Ruhrgebiets?

Osses: Es gibt ja heute offizielle Mechanismen, um Menschen hervorzuheben und als vorbildhaft zu zeigen, zum Beispiel mit dem Verdienstkreuz oder der Auszeichnung "Bürger des Ruhrgebiets". Da ist ein ganz klarer Trend Richtung Ehrenamt zu sehen. Bei den Unternehmern der Region ist es schwierig zu sagen. Das könnte in Zeiten der Wirtschaftskrise vielleicht jemand sein, der ein Unternehmen in der Region hält und rettet. Im Bereich des Sports ist es fast nicht zu kalkulieren.

Werden sich die Ansprüche an den "Ruhrgebietshelden" wandeln?

Osses: Ich glaube, dass die Heldenkriterien stetig im Wandel sind. Im Moment ist es unübersichtlich, weil es absolut vielfältig ist. Es ist auch eine Frage, wie sich das Ruhrgebiet entwickelt. Wenn wir den Strukturwandel nur schlecht bewältigen, wird es anders sein, als wenn wir hier auf einmal blühende Landschaften haben. Da kann man schauen, wer es schafft, das Ruder rum zu reißen. Sicherlich wird es aber immer so sein, dass die Menschen sagen: Das ist einer von uns, der verkörpert uns hier. Das ist wichtig, um ein Held im Ruhrgebiet zu werden.

Ernst Kuzorra (1905-1990)

Ehemaliger Schalke-Spieler. Von 1933 bis 1942 steht er mit der Mannschaft neun Mal im Finale um die Deutsche Meisterschaft und gewinnt sechs Mal. Beim Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1934 gegen den Favoriten 1. FC Nürnberg steht Enrst Kuzorra trotz eines Leistenbruchs auf dem Feld und erzielt kurz vor Abpfiff den Schalker Sieg-Treffer.

Norbert Dickel

Er wurde am 27.11.1961 in Berghausen geboren. Ende der Saison 1988/1989 verletzte sich der BVB-Spieler schwer am Knie. Trotzdem spielte er im DFB-Pokalfinale und hat zwei Tore für die Dortmunder geschossen. Nach dem Spiel kam er wegen der Verletzung sportlich nicht mehr richtig auf die Beine und wurde schließlich Sportinvalide. Heute arbeitet Norbert Dickel unter anderem als Stadionsprecher.

Tana Schanzara (1925-2008)

Die Schauspielerin wurde in Kiel geboren und kam im Alter von drei Jahren nach Dortmund. Sie war über 50 Jahre am Schauspielhaus Bochum tätig und verkörperte als "Ruhrpott-Duse" mit typischem Dialekt das Ruhrgebiet. Sie arbeitete unter anderem mit den Regisseuren Peter Zadeck, Rainer Werner Fassbinder und Claus Peymann zusammen.

Jürgen von Manger (Adolf Tegtmeier) (1923-1994)

Schauspieler, Kabarettist und Komiker. Mit der Bühnenfigur Adolf Tegtmeier verkörperte Jürgen von Manger das Klischee des Ruhrpott-Menschen. Er hat bei Radioproduktionen mitgemacht und stand auf verschiedenen Theaterbühnen. Im Fernsehen war er unter anderem in der Serie "Tegtmeiers Reisen" zu sehen.

Horst Schimanski

Horst Schimanski ist die fiktive Figur eines Kommissars aus der Serie "Tatort", gespielt von Götz George. Die Folgen spielen in Duisburg, Erstausstrahlung war 1981. Die "raue" Figur des Ruhrgebiets-Kommissars Horst Schimanski rief unterschiedliche Meinungen hervor und wurde kontrovers diskutiert.

Alfred Krupp (1812-1887)

Musste seine Schullaufbahn vorzeitig abbrechen und in den Essener Betrieb seines Vaters einsteigen, als dieser schwer krank wird. Er baute die Kruppsche Gussstahlfabrik zum damals größten Industrieunternehmen Europas aus. Mitarbeiter bei Krupp hatten für die damalige Zeit relativ viele Rechte. Zu seinen Lebzeiten entstand das Kruppanwesen "Villa Hügel".

Uwe Lyko (Herbert Knebel )

Kabarettist und Komiker Uwe Lyko erschuf Ende der 80er Jahr die fiktive Figur Herbert Knebel, ein Frührentner mit typischem Ruhrpott-Dialekt, der aus seinem Leben berichtet. Beim Kabarett-Projekt "Herbert Knebels Affentheater" steht er mit drei weiteren "meckernden Ruhrpott-Rentnern" auf der Bühne.
Veröffentlicht: 13.11.2009
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