Heikle Momente auf dem tschechischen Fernsehmarkt
Der tschechische Fernsehmarkt befindet sich im Umbruch. Mit der Digitalisierung entstehen neue Ausstrahlfrequenzen und damit Räume für neue Fernsehkanäle. Die strengen Auflagen machen den Kampf um eine Lizenz hart. Sechs Projekte haben es geschafft. Einer der Neulinge, der Nachrichtensender Z1, griff schon nach siebenmonatiger Existenz zu Sparmaßnahmen in der Form von Entlassungen und Programmänderungen. An der Finanzkrise allein liegt das jedoch nicht.
Prag. Bis Ende Dezember wusste kaum jemand von der Sondersituation auf dem tschechischen Medienmarkt. Das Interesse einheimischer Journalisten erweckte ein Bericht in der quotenstarken abendlichen Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Senders Ceská televize. Erst jetzt erfuhr man von den Entlassungen in den Redaktionen und von der Einstellung etlicher Magazine. Das machte sowohl die Printmedien als auch die Fernsehkonkurrenz betroffen. Dutzende Mitarbeiter des privaten Nachrichtenkanals Z1 zählten zu den Opfern. Z1-Chef Martin Mrnka bestritt, dass die Entlassungen eine Folge der weltweiten Finanzkrise gewesen seien. Der Tageszeitung Mladá fronta Dnes bot er folgende Begründung an: "Der (Geschäfts-)Plan ist eine Sache, Realität eine andere."
"Unsere Rechnungen sind auch nicht bezahlt worden!"
Anschließend tauchten in den Medien Informationen auf, dass Z1 teilweise insolvent sei. Mitte Januar beklagte sich ein freier Mitarbeiter beim Medien Monitor: "Ich warte immer noch auf meinen Lohn für November." Eine Erklärung oder gar Entschuldigung von Seiten der Geschäftsführung gab es nicht. Viel schlimmer noch sei beispielsweise die Situation der Kameraleute oder Techniker gewesen – erst im Januar bekamen sie ihre Gehälter für Oktober ausgezahlt. In einer ähnlichen Situation befand sich in der Zeit zum Beispiel auch die Online-Tageszeitung Aktualne.cz. Alle jungen Journalisten wurden entlassen, manche haben später das Angebot bekommen, in die Redaktion zurückzukehren – die Chef-Etage habe gesehen, dass sie ohne die "billigen Arbeitskräfte" nicht über die Runden kommt. Ein ehemaliges Mitglied der Redaktion berichtete, Aktualne.cz habe ihm viel ungünstigere Bedingungen angeboten, zum Beispiel nur die Hälfte des Lohnes oder eine Übernahme unbeliebter Schichtdienste.
War die unerfreuliche Situation bei Z1 eine Folge der Finanzkrise? Ende Januar gestand Mrnka, dass die Werbeeinnahmen niedriger als geplant waren. Es sei schwierig, mehr Werbespots zu bekommen, wenn die Zuschauerquoten nicht stimmen. Mrnka versuchte sich zu verteidigen, indem er den Journalisten ins Gesicht warf, dass auch die Rechnungen von Z1 nicht zeitig bezahlt worden seien.
Wenn man dringend ein neues Geschäftsmodell braucht
Zusätzlich zu den regionalen Sendern ringen mittlerweile vier Kanäle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (CT1, CT2, CT4 – Sport und CT24 – Nachrichten) um die Zuschauer. Seit Mitte der 90 er Jahre gibt es zudem zwei private TV-Stationen: Nova und Prima.
Mit der Digitalisierung kam es zu einer Aufsplittung auf dem Markt; neben dem Nachrichtensender Z1 kamen die Film- und Serienkanäle Nova Cinema und Barrandov TV sowie der Sportkanal Nova Sport, der Musiksender Ócko und der Kanal für junge Männer Prima Cool hinzu. Geplant ist der Launch von MTV Czech, der aber wegen der Finanzlage des Mutterunternehmens in die Zukunft verlegt wurde, und von Febio TV, einem Sender für den – wie die Pressesprecher behaupten – "anspruchsvollen Zuschauer".
Das Unternehmen J&T, das unter Anderem auch der Besitzer von Z1 ist, injizierte dem Nachrichtensender Ende Februar eine Finanzsprize und sicherte für die Zukunft Unterstützung zu. Anschließend veröffentlichte Z1 die Information, dass auch das Geschäftsmodell verändert wurde. Von nun an werde Werbung in Blöcken vekauft. Man rechne im schlimmsten Fall damit, überhaupt keine Werbeeinnahmen zu haben. In den Medien konnte man infolge eines informellen Treffens mit einer kleinen Anzahl von Journalisten lesen, dass Z1 inzwischen bis zu 80 Prozent der Rechnungen bezahlt hat. Das Fernsehen enthüllte auch die Zukunftspläne: Nach der Einstellung von politischen Live-Sendungen im Dezember plane man von jetzt an neue Formate über Mode oder Technik. Die Gesichter bekannter Moderatoren sollen den Sender retten.
Mitte April veröffentlicht Z1 die Presseinformation, dass im März eine Million Zuschauer den Nachrichtensender eingeschaltet hätten. Dieses Ergebnis stützte sich auf die erste Auswertung der Zuschauerzahlen von Z1 überhaupt – es ließ sich also nur schwerlich ableiten, inwieweit diese Zahl einen Erfolg darstellte. Im Mai stieg die Zuschauerzahl um weitere 200.000 - für Mrnka eine willkommene Gelegenheit, seinen Sender zu loben: "Mit niedrigerem Kostenaufwand als geplant, der sich allerdings nicht im Programm spiegelt, machen wir einen der effektivsten Nachrichtenkanäle in der Region." Doch werden auch die Werbekunden auf ihn hören?
Homepage von Z1
CT1-Bericht über die Krise
Älterer Beitrag der Berliner Zeitung über den TV-Markt in Tschechien
Hintergründe zur Geschichte und Entwicklung der Digitalisierung, 2008
Hintergründe zur Geschichte und Entwicklung der Digitalisierung, 2007
Text: Lucie Rydlová
Fotos: Archiv Z1

