Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Hans Leyendecker:
Journalist mit Hacke und Helm

Vergleicht man den Journalismus mit einem Bergwerk, dann steht er ganz tief unten mit seiner Hacke und haut geduldig einen Stein nach dem anderen aus der Wand.

Foto: Moritz Schröder
Hans Leyendecker, bekannt als Enthüllungsjournalist.

Leichlingen. Hans Leyendecker, leitender Politik-Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, gehört zu einer Minderheit im deutschen Journalismus, zu jenen, die mit großer Hartnäckigkeit und Geduld nach den Geschichten im Verborgenen suchen. Immer wieder trifft der 58-Jährige auf Gold. Die Flick- und CDU- Spendenaffäre, die Visa- und die VW- Korruptionsaffäre: Die Aufdeckung dieser Skandale, die die deutsche Öffentlichkeit erschüttert haben, ist heute mit seinem Namen verbunden.

Karrierestart im Ruhrgebiet

Foto: Archivbild Westfälische Rundschau
Hans Leyendecker in der Redaktion der Westfälischen Rundschau (1972).

Der Bergwerkvergleich passt aber auch zu Leyendeckers journalistischer Vergangenheit. Sein Handwerk hat der Enthüllungs-Journalist im Ruhrgebiet der 70er Jahre gelernt, als die Zechen und Kumpel aus dem Pott noch nicht wegzudenken waren. 1972 fing Leyendecker als Lokalredakteur bei der Westfälischen Rundschau in Dortmund an, nachdem er sein Volontariat beim Stader Tageblatt in der Nähe von Hamburg beendet hatte.

Kurzbio Hans Leyendecker

1949 im rheinischen Brühl geboren

1996 Volontariat beim Stader Tageblatt

ab 1972 bei der Westfälischen Rundschau in Dortmund, zunächst als Lokalredakteur, später als Reporter

ab 1979 beim Spiegel, erst als NRW-Korrespondent, ab 1994 Büroleiter in Bonn

ab 1997 leitender Politik- Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung

Hans Leyendecker ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Schon damals arbeitete er besonders hartnäckig: Seine ehemalige Arbeitskollegin Heike Becker-Sander, die noch heute für die Rundschau arbeitet, beschreibt den jungen Leyendecker als einen fleißigen Wühler, der mit den Zwängen des tagesaktuellen Journalismus seine Probleme hatte.

Der Jungjournalist wollte auch die lokalen Geschichten zu hundert Prozent ausrecherchieren, wofür er von seinen Kollegen zum Teil belächelt wurde.

Wechsel zum Spiegel

Foto: Moritz Schröder
Enthüllung der Flick-Affäre: 1982.

Da war es nur konsequent, dass Leyendecker 1979 zum Spiegel wechselte. So gewann er die Freiräume, die er brauchte, um nach den kleinen Details zu stöbern, die aus harmlosen Themen handfeste Skandale machen. Der beste Beweis dafür war die Enthüllung der Flick-Affäre 1982 um verdeckte Parteispenden an zahlreiche Spitzenpolitiker.

Wechsel zur Süddeutschen Zeitung

Hans Leyendeckers Bücher (Auswahl)

"Die Korruptionsfalle" (2003)

"Die Lügen des weißen Hauses" (2004)

"Journalismus braucht Recherche" (2005)

"Die große Gier" (2007)

Ende der 90er ging Leyendecker zur Süddeutschen Zeitung. Dort machte er sich 1999 einen Namen mit Enthüllungen unter anderem zum CDU-Spendenskandal. Die verarbeitete er später zu seinem ersten Fernsehbeitrag "Die verlogene Ehre des Walther Leisler Kiep" – und merkte bald, dass er doch lieber beim Schreiben bleibt, erzählt Christoph Maria Fröhder, freier Fernseh-Journalist. Fröhder, der mehrere Filme mit Leyendecker umgesetzt hat, bewundert die Begabung seines Arbeitskollegen, der selbst Insider zum Reden zu bringen. Mit einer Kamera in der Hand gestaltet sich genau das allerdings besonders schwierig. Und ohne die Informanten wäre Leyendecker nie an die brisanten Informationen gekommen, die etwa die Siemens-Affäre ins Rollen gebracht haben, bei der es um Schmiergelder ging, die Siemens-Mitarbeiter für Aufträge gezahlt hatten. Leyendeckers Medium blieb die Zeitung.

Die Geschichte muss rund sein

Foto: Moritz Schröder
Hans Leyendecker führt täglich über 100 Telefonate

Trotz seiner Enthüllungen und mitunter frechen Kommentare wirkt Leyendecker auffallend bescheiden. Es sei normal für ihn, sagt er, täglich über 100 Telefonate zu führen: Hauptsache, die Geschichte ist hinterher rund. Diese Arbeitseinstellung vermisst er jedoch bei vielen seiner Kollegen und kritisiert, dass die meisten Redaktionen für intensive Recherchen zu wenig Geld in die Hand nehmen.

Es müsse Arbeitsgruppen wie etwa in den USA geben, die dort investigative Arbeit unterstützen, fordert der Journalist, der 2001 das Netzwerk Recherche mitgegründet hat.

Transparenz gehört zur Arbeitsmoral

Transparency International

Der deutsche Ableger von Transparency International (TI) wurde 1993 in Berlin gegründet. Die internationale Organisation setzt sich zusammen mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft. Sie kämpft gegen Korruption und für weit reichende Informationsrechte der Zivilgesellschaft gegenüber dem Staat. Inzwischen ist TI in fast hundert Ländern weltweit vertreten. Wie die Recherchen von Journalisten wie Hans Leyendecker belegen, ist Korruption ein Problem, mit dem auch der deutsche Staat zu kämpfen hat.

Leyendecker setzt sich auch gegen Korruption ein, bei Transparency International, wo er im Beirat sitzt. Transparenz gehört zu seiner Arbeitsmoral. Er geht besonders kritisch mit seiner eigenen Arbeit um. Als seinen größten journalistischen Fehler beschreibt Leyendecker die Titelgeschichte im Spiegel über die angebliche Hinrichtung des RAF-Mitglieds Wolfgang Grams durch BKA-Beamte im Jahr 1993. Er schrieb damals über einen Einsatz von BKA und der Spezialeinheit GSG-9 in Bad Kleinen, Mecklenburg- Vorpommern. Weil er der Aussage eines Polizisten zu sehr vertraut habe, sei er zu dem Ergebnis gekommen, dass die Beamten Wolfgang Grams gezielt erschossen haben. Eine These, die später durch Ermittlungen entkräftet wurde. Es sah demnach eher so aus, als habe sich Grams selbst erschossen.

journalistische Wurzeln bleiben in Dortmund

Auch wenn Hans Leyendecker heute in seinem Büro im rheinischen Leichlingen nach den großen Skandalen sucht, verleugnet er nicht seine journalistischen Wurzeln.
Er komme immer wieder gern nach Dortmund zurück, "weil die Leute hier sehr verlässlich sind". Sicher auch, weil hier sein Fußball-Verein sitzt. Und auch im Lokaljournalismus habe er gern gearbeitet. Klar, dort kann der Leser viel einfacher nachvollziehen, ob es stimmt, was der Journalist schreibt. Auch wenn Leyendecker eine steile Karriere hinter sich hat, ist er doch immer unten in seiner Grube geblieben. Bis heute haut er Steine aus dem harten Fels – bis er auf Gold trifft.

Text und Videos: Moritz Schröder
Teaserfoto: Moritz Schröder
Fotos: Westfälische Rundschau, Moritz Schröder

Veröffentlicht: 20.03.2008
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