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Soziale Netzwerke

Gruscheln als Schlüsselqualifikation

Kult im SchülerVZ: Gruscheln.

SchülerVZ und Facebook unterstützen Jugendliche in ihrer pubertären Entwicklung, besagt eine Studie zum Nutzungsverhalten im Internet. "Dabei sein ist alles" lautet die Devise, denn der Online-Gruppenzwang kennt keine Gnade: "Isoliert ist, wer nicht am Social Web teilnimmt".

Die Studie "Heranwachsen mit dem Social Web" zeichnet das Bild einer Jugend, die sich so selbstverständlich im Internet bewegt wie eine Spinne in ihrem Netz. Mehr als zwei Stunden täglich ist der durchschnittliche Jugendliche online, das WWW ist für die junge Zielgruppe längst wichtiger geworden als das Fernsehen. Die Studie belegt, dass sich pubertäre Entwicklungsphasen im Nutzungsverhalten der jungen Surfer widerspiegeln.

Die Studie: "Heranwachsen mit dem Social Web"

Die Untersuchung, die von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) in Auftrag gegeben und bereits im April 2009 vorgestellt wurde, stützt sich auf eine Analyse der wesentlichen Angebotsmerkmale des so genannten Social Web, Gruppendiskussionen und Einzelinterviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie eine Repräsentativbefragung unter zwölf- bis 24-jährigen Online-Nutzern in Deutschland.

Auftragnehmer waren das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg sowie der Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg.
Netzwerk-Nutzer auf einer Jugendmesse 2007.

Die Zahlen, die das Forscher-Ehepaar Hasebrink im September auf einer medienpädagogischen Fachtagung der LfM nochmals präsentierte, sind beachtlich: 69 Prozent der Befragten gaben an, täglich oder mehrmals pro Woche soziale Netzwerke wie SchülerVZ, StudiVZ oder XING zu nutzen. Bei den 12- bis 14-Jährigen gaben 45 Prozent an, SchülerVZ sei ihre Lieblingsseite - bei den 15- bis 17-Jährigen waren es sogar 52 Prozent. Damit sind soziale Netzwerke nicht mehr wegzudenkende Kommunikationskanäle für die Teenager geworden.

Social-Web-Nutzung von Jugendlichen: Netzwerke sind längst etabliert.

Auf der Suche nach dem eigenen Profil

Unter den jungen Nutzern sind die 16-Jährigen am aktivsten in den sozialen Netzwerken. Sie sind auf der Suche nach Gruppenzugehörigkeiten, neuen Beziehungen - und sie stecken noch in einem Selbstfindungsprozess, der auch online stattfindet. Und obwohl die Verhaltensmuster im Internet höchst individuell sind, erkannten die Wissenschaftler im Nutzungsverhalten der Jugendlichen drei Handlungskompetenzen.

Das Identitätsmanagement

Facebook-Nutzerin mit Online-Selbstporträt.

Auf der Suche nach dem eigenen Ich hilft der Fragebogen, den jedes Mitglied eines Online-Netzwerks ausfüllen muss - die eigene Profilseite. Sie dient dem Nutzer zur Selbstdarstellung und soll, so befanden die meisten Befragten, möglichst authentisch wirken. Nur selten lügen sie oder versuchen, auf der Profilseite einem Wunschbild von sich selbst zu entsprechen.

Nicht nur das Selbstbild lässt sich in diesem Prozess prüfen und dokumentieren, sondern vor allem die Zugehörigkeit zu Gruppen, mit denen man sich identifiziert. Darin sehen die Forscher den Hauptzweck der "Gruppen" im SchülerVZ: Der Nutzer kann durch den Beitritt in geschlossene Kreise zum Ausdruck bringen, dass er mit anderen Nutzern etwas Gemeinsames teilt, zum Beispiel einen politische Standpunkt oder ein Hobby. Nicht zuletzt dienen diese Gruppen aber auch dazu, sich abzugrenzen von anderen.

"Ich hab letztes Mal das Internet mit einem Stripclub verglichen, wo man hinkommen kann, sich an eine Bar setzt und glotzt, man glotzt natürlich auch schon recht abwertend, oder eben selbst tanzt."

Stefan, 20 Jahre, Abitur (während einer Gruppenbefragung)

Das Beziehungsmanagement

Dabei sein ist alles.

Flirten, sich verabreden oder einfach nur "gruscheln" - für die meisten Befragten ist die soziale Interaktion der Hauptzweck, den soziale Netzwerke erfüllen sollen. Pinnwände auf den Profilseiten, Gruppenforen und ein netzwerk-internes Nachrichtensystem sorgen für ständige Kommunikation. Mädchen nutzen die Netzwerke mehr zu Beziehungszwecken als Jungen, die sich offenbar intensiver selbst darstellen wollen.

"Nur in SchülerVZ ist das einfach so: Da kommt man, durch andre Leute kommt man wieder auf die Seite. Zum Beispiel, wenn ich jetzt ne Gruppe aufmache, wie zum Beispiel 'Ich find FC Bayern München toll', dann sind da mehrere Leute und seh ich jemanden, klick ich an, und dann kann ich von dem das Profil wieder durchlesen und daher lernt man den zum Beispiel wieder kennen. Dann guckt man bei Bildern und dann sieht man jemanden aufn Bild und klickt den wieder an, dann kommt man halt immer weiter."

Sandra, 16 Jahre, Realschule

Den Nutzern geht es vor allem darum, alte Freunde wiederzufinden und mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Zudem spiegelt sich im Online-Netzwerk häufig der Offline-Freundeskreis wider. Beziehungen könnten durch den regen Online-Austausch gefestigt und neu belebt werden, mutmaßen die Forscher. Bemerkenswert ist auch, dass viele Jugendliche angeben, sie nähmen häufig fremde Leute in ihre Freundesliste auf - nur, weil diese eine Online-Freundschaftsanfrage gestellt hätten. Die Forscher messen dem Beziehungsmanagement im Social Web einen hohen Stellenwert bei: "Beziehungsmanagement im Social Web gewinnt dadurch auch den Charakter einer Schlüsselqualifikation für das Leben in einer Gesellschaft, deren Leitbild die vernetzte Individualität ist."

"Es gibt eine Gruppe von unserer ehemaligen Klasse und wo Abiturfotos gezeigt und ausgetauscht werden. Und es nutzten halt immer mehr, und die das noch nicht nutzten, also noch keine Erfahrungen damit hatten oder ein bisschen scheu mit Internet, die wurden einfach mit reingezogen, weil na, ja 'die Fotos hab ich schon auf StudiVZ gestellt, da kannst du sie dir ankucken' und dann irgendwann haben die halt auch mitgemacht."

Karin, 19 Jahre, Universität

Das Informationsmanagement

Jugendlicher Surfer.

Sachliche Informationen spielen vor allem dort eine Rolle, wo diskutiert wird und ein reger Meinungsaustausch stattfindet. Profilseiten und Gruppenforen bieten die verlockende Möglichkeit, sich über die Einstellungen und das Selbstbild der anderen Mitglieder einen Eindruck zu verschaffen. Auch Online-Gruppen dienen oft nicht nur der Beziehungspflege, sondern haben einen informationellen Zweck - die Mitglieder betreiben häufig einen Informationsaustausch, von dem alle profitieren. Ältere Nutzer, so konstatierten die Forscher, zeigen ein größeres Interesse an sachlichen Auseinandersetzungen als die Jüngeren, die das Social Web am intensivsten nutzen.

Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz mit ihren Online-Spielplätzen.

Cyber-Mobbing: Studie fordert mehr Wachsamkeit

Online-Mobbing wird zunehmend zum Problem.

Bei allen überraschenden Momenten der Untersuchung kritisieren die drei Wissenschaftler den leichtfertigen Umgang der jungen Nutzer mit den Gefahren der Online-Communities. So haben laut den Befragungen fast alle bereits Erfahrungen mit Online-Mobbing gemacht, entweder als Opfer oder als Täter. Auch unterschätzten die Jugendlichen allzu häufig die Reichweite und die Dynamik des Internets - was einmal veröffentlicht wurde, lässt sich nachträglich oft nicht mehr entfernen. Problematische Online-Bekanntschaften, die zu Konflikten oder Belästigungen führen, sind den meisten ebenfalls nicht fremd. Dabei zeigt sich, dass ein verhältnismäßig niedriges Bildungsniveau mit einer erhöhten Unachtsamkeit einher geht.

Hier, so legen es die Macher der Studie nahe, sollten Eltern und Lehrer die jungen Nutzer unterstützen und ihnen behilflich sein, wenn mal wieder ein "Freund" eine Beleidigung auf der Online-Pinnwand hinterlassen hat.

Text: Nils Glück
Bilder: Nils Glück / StudiVZ; flickr / SOL*; flickr / James Emery; iStockphoto; flickr / Pelle Sten
Grafiken: Hans-Bredow-Institut, Universität Hamburg / Universität Salzburg

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 27.10.2009
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