Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Große Klappe - kleiner Gangster?

Bushidos Markenzeichen: Tattoo am Hals, Zahnstocher im Mund.

Nein, die Medien mögen ihn nicht besonders: Von Prügel-, Porno- und Machoattitüden ist zu lesen, von sexistischen Gewaltfantasien und mit Mist verdientem Geld. Auf die Bushido-Biografie wird scharf geschossen - völlig zu Unrecht, wie diese Rezension beweist: Medien Monitor hat das Geniale an dem ganzen geilen Gerammel, Geschrei und Gezeter gefiltert und die missverstandene Seele des großen Künstlers entdeckt. "Bushido" ist DIE Biografie des Jahres!

Dortmund. Das mediale Echo auf die Biografie von Bushido und das darauffolgende Hörbuch erinnerten stark an "Vier Fäuste für ein Halleluja" beziehungsweise die großen Schauspieler Bud Spencer und Terence Hill: Hau-drauf-Action vom Feinsten! Die Bild-Zeitung - sonst ein Vorreiter in Sachen ausgewogene Berichterstattung - reduzierte das mediale Meisterwerk beispielsweise auf "Drogenexzesse, Puffsex und Ärger mit der Polizei" und die Kollegen von Zeit Online kritisieren die "Gewalt-und-Nutten-Texte".

Die Autobiografie zum Lesen und Hören.

Eine ambivalente Rezension, die an der Oberfläche kratzt und nicht nur das Offensichtliche - den Skandalrapper - wiederkäut, fehlt völlig. Dabei gibt Bushido in seiner Biografie wirklich praktische (Über-)Lebenstipps. Und weil Anis Ferchichi (so sein bürgerlicher Name) ein cleveres Bürschchen ist und weiß, dass ein Großteil seiner treuen Fangemeinde bereits vor dem ersten Lesewettbewerb die Schule abgebrochen hat, liest ihnen der Rapperonkel einfach etwas vor. Und zwar nicht etwa gelangweilt, nein: Bushido brennt ein emotionales Feuerwerk ab und bietet seinen Hörern eine gut durchdachte und bis ins letzte Detail ausgefeilte Strategie an, wie sie doch noch etwas aus ihrem verkorksten Leben machen können. Mit Weitblick und Geschäftssinn schenkt der 30-Jährige den Käufern seines Hörerlebnisses einen Funken Hoffnung in dieser von Terrorismus, Finanzkrise und Hartz IV geprägten Zeit:

Ein cleverer Geschäftsmann, der gerne mit dem Feuer spielt.

Von Drogenexzessen kann also gar keine Rede sein, ganz im Gegenteil: Schon nach kurzer Erfahrungszeit in diesem überaus beliebten Freizeitgewerbe hat der gebürtige Bonner nämlich erkannt, dass von dem Drogengeld desto mehr übrig bleibt, je weniger er selbst wieder verkifft. Genial! Ein echter Geschäftsmann eben. Den Drogenschuh muss sich die Biografie also schon einmal nicht anziehen. Und die anderen Kritikpunkte? Neigt Bushido in seiner Biografie zu "Gepolter und Geprahle", wie es ihm die Süddeutsche Zeitung vorwirft? Mitnichten. Der Tunesier zeigt sich in seiner Biografie als absoluter Familienmensch, weswegen er das Buch auch seiner Mama widmet. Zum Dank wäscht diese ihrem Bub immer noch die Wäsche und sorgt dafür, dass er nicht vom Fleisch fällt, wie eine Reportage von Spiegel Online beweist. Auch viele Passagen aus seinem Hörbuch zeigen Bushido als einen Mann, der ähnlich wie Aladin ist - auf dem Teppich geblieben:

Damit sollte der Vorwurf des Prahlens endgültig ausgeräumt sein. Mehr noch: Bushido wirkt in seiner Biografie reif und erwachsen. Wie ein junger Mann, der mit seiner wilden Vergangenheit abgeschlossen hat und nach vorne blickt. Ein junger Mann, der nicht mehr sinnlos prügelt. Gut, in jüngster Vergangenheit gab es da noch die ein oder andere unüberlegte Aktion - beispielsweise der Streit zwischen seiner Bande und Security-Angestellten bei der Comet-Verleihung 2008 oder die Schlägerei mit dem Schwager von Uwe Ochsenknecht. In seiner Biografie distanziert sich der Künstler allerdings deutlich von seinen früheren aggressiven und unnötigen Ausschweifungen:

Bushido bleibt bescheiden.

Den Reifeprozess hin zu einem erwachsenen, ernstzunehmenden und professionellen Geschäftsmann hat Bushido also erfolgreich durchlaufen. Daraus entwachsen ist ein nachdenklicher und kritischer junger Mann, der mit einer zugegeben etwas drastischen Wortwahl auf die sozialen Missstände im Land hinweisen möchte. Und in Sachen soziale Misstände kennt er sich schließlich aus, wurde er doch immer und immer wieder öffentlich von den Medien sozial geächtet und als Abschaum der Gesellschaft diffamiert. Sein Werdegang im großen Familienhaus der Mutter außerhalb des Ghettos war aber wahrlich kein einfacher Weg, sondern der wahre "Weg des Kriegers", was das japanische Wort "Bushido" übersetzt bedeutet.

Versteckt seine Gefühle hinter dem Gangster-Image: Bushido.

Und auch nach dieser harten Erfahrung, mit einer liebenden Mutter aufzuwachsen, hatte es der kleine Anis nicht einfacher, als er größer wurde: Seine melancholische Musik landete immer wieder auf dem Index und doppeldeutige Refrains mit versteckten Botschaften wie "Ein Schwanz in den Arsch, ein Schwanz in den Mund / Ein Schwanz in die Fotze, jetzt wird richtig gebumst!" wurden rigoros als frauenverachtend eingestuft und kritistiert - hauptsächlich natürlich von Frauen. Und so verwundert es dann auch nicht weiter, wenn die Journalistin Johanna Adorján von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung entsetzt darüber ist, dass Bushido in seiner Biografie Frauen "so ziemlich kollektiv als `Nutten´ bezeichnet". Sie hat wohl die Gesellschaftskritik an der Rolle der Frau, die Bushido eigentlich ausübt, nicht so ganz verstanden. Jedenfalls finden sich im Hörbuch mehr als genügend Passagen, die Bushidos Wertschätzung von Frauen ohne doppelten Boden widerspiegeln:

Geldsorgen ade: Mit der Musik ist Bushido zum Millionär geworden.

Die klischeehafte Ghettoisierung von "King Bushido" - wie er sich bescheidener Weise selbst nennt - ist größtenteils nichts als der mediale Wunsch nach hohen Quoten. Fazit: Die Biografie von Bushido ist ein lyrisches und auditives Meisterwerk, das es zu Recht in die Bestsellerlisten geschafft hat. Zweifelsohne gehört dieses imposante Stück Zeitgeschichte zu den absoluten Highlights dieses Jahres und darf getrotst in einem Atemzug mit dem autobiografischen Klassiker "Ich" von "Titan" Oliver Kahn und Charlotte Roches "Feuchtgebiete" genannt werden. Um dem Meister der emotionalen Unterhaltung gerecht zu werden und den Lesern dieser Rezension eine der zahlreichen Lebensweisheiten aus seinem reichen Repertoire mit auf den Weg zu geben, soll Bushido die letzten Worte daher einfach selbst verkünden:

Text: Stefan Burkard
Fotos: Stefan Burkard, Franziska Badenschier
Teaserfoto: Stefan Burkard
Slideshows: Stefan Burkard

Veröffentlicht: 07.08.2009
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