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Interview

"Grazia ist ein Unikum"

"Shoes and News" lautet das Konzept des neuen Fashion-Magazins Grazia. Im Heft sind nicht nur Fotos von High Heels, sondern auch Artikeln über zum Beispiel afghanische Polizistinnen zu finden. Chefredakteur Klaus Dahm verrät im Interview, wie er mit seinem neuen Konzept das Hungergefühl der Leserinnen nach Innovationen stillt, was Grazia von einem People-Magazin unterscheidet und dass vielen deutschen Stars das Glamour-Gen fehlt.

Klaus Dahm ist Chefredakteur des Fashion-Magazins Grazia.

Medien Monitor: Ein Zeitschriftenregal, davor eine potentielle Leserin. Warum sollte sie sich ausgerechnet für Grazia entscheiden?

Klaus Dahm:
Grazia ist im deutschen Markt ein Unikum. Es ist die erste Premium-Frauen-Wochenzeitschrift, in der Fashion und Style mit aktuellen News aus Zeitgeschehen und der Celebrity-Welt verbunden werden. Diese Mischung gibt es in Deutschland sonst nicht.

Hat Grazia in Deutschland überhaupt Konkurrenz?

Wir haben keinen 1:1-Konkurrenten, aber wir haben eine Vielzahl von Titeln bei denen wir glauben, dass wir Leserinnen vorfinden werden, die neben ihrem bisherigen Titel auch für Grazia empfänglich sein müssten. Ich glaube, dass wir Leserinnen von InStyle, ältere Leserinnen von Glamour oder jüngere Leserinnen von Elle und Gala für uns gewinnen könnten. So sucht man sich dann sozusagen, wie bei einem Blumenstrauß, sein kleines Bouquet zusammen.

Grazia erscheint seit dem 11. Februar dieses Jahres. Der Klambt-Verlag spricht von einem "sensationellen Start". Was macht den Erfolg von Grazia aus?

Wir haben mit den Startausgaben 290.000 Hefte verkauft. Die Zahl liegt deutlich über unseren Erwartungen. Eine Zeitschrift wie Grazia, die ein ganz neues Konzept anbietet, scheint bei deutschen Leserinnen auf Geschmack zu treffen. Viele sind wahrscheinlich einfach neugierig auf Neues, weil in den vergangenen Jahren mehrere Hefte eingestellt worden sind. Im Lesermarkt scheint ein gewisses Hungergefühl nach Innovationen da zu sein.

Top-Model Heidi Klum ziert das Cover vom 18. März.

Die ersten Ausgaben wurden bereits von zahlreichen Medienvertretern genau unter die Lupe genommen. Kritisch beäugt wurde oft das Konzept " Shoes & News" - also harte Themen wie Kinderarbeit in Indien und Modestrecken zu mischen. Was sagen Sie dazu?

Die Themen werden nicht gemischt, sondern nur in der Heft-Dramaturgie hintereinander verabreicht. Aber wenn wir mal für einen Moment ehrlich sind, so ist das Leben ja auch. Wir richten uns an erwachsene, urbane Leserinnen und die interessieren sich ja nicht nur für High-Heels, sondern auch für Haiti.

In Berichten, die sich mit Grazia auseinandersetzen, taucht häufig der Begriff "People-Magazin" auf. Das stimmt aber so nicht. Wo steht Grazia?

Grazia ist weltweit in mittlerweile 15 Ländern eine wöchentliche Style-Zeitschrift mit einem erheblichen Anteil an People- und Zeitgeschehen-Nachrichten. Aber im Kern ist es eben eine Style-Zeitschrift. Natürlich ist unser Titelbild immer mit einem Hollywood-A-Listen-Star aufgemacht, weil wir ja erstmal fischen gehen müssen. Aber das Cover ist ganz klar auf Style ausgerichtet und nicht auf eine dramatische Lebenskrise der Person.

Artikel über Polizistinnen in Afghanistan fallen unter "Zeitgeschehen-Nachrichten".

Wieso liegt der Schwerpunkt der Grazia-People-Berichterstattung eigentlich auf Stars aus Hollywood und nicht auf der deutschen Prominenz?

Das würden wir gerne machen. Wir freuen uns jede Woche in den Redaktionskonferenzen darüber, wenn wir deutsche Themen finden, die gleichermaßen spannend wie auch stilsicher sind. Es ist so, dass sich überwiegend deutsche Stars unter Stylingaspekten nicht auf der gleichen Flughöhe wohl fühlen, bei der sich beispielsweise Amerikaner, Engländer oder auch Franzosen wohl fühlen. Dieses Glamour-Gen haben die Deutschen in der Regel nicht mit in die Wiege gelegt bekommen. Es gibt ein paar Ausnahmen, die das ganz gut machen. Die eben auch glamourös genug sind. Es gibt in Deutschland aber leider nach wie vor wahnsinnig viele Schauspieler, die meinen, sie werden ernst genommen, wenn sie zu Filmpremieren im T-Shirt kommen. Das ist in Hollywood anders.

An welche Zielgruppe richtet sich Grazia?

Die Phantomleserin, die wir in den Redaktionskonferenzen vor dem geistigen Auge haben, ist eine 35-jährige berufstätige Großstadtfrau, die mit einer sehr hohen Leidenschaft für Trend und Styling ausgestattet ist, aber gleichermaßen auch am Entertainment und kulturellen Leben teilnehmen will. Davon gibt es in Deutschland schätzungsweise vier bis fünf Millionen.

Wissenswertes über Grazia

Grazia erscheint seit dem 11. Februar 2010 beim Klambt-Style-Verlag. Chefredakteur ist Klaus Dahm. Die Redaktion hat ihren Sitz in Hamburg. Die Erstauflage wurde etwa 290.000 Mal verkauft. Der Preis für eine Ausgabe beträgt aktuell 2 Euro. Die Wochenzeitschrift ist die deutsche Lizenzausgabe des gleichnamigen Titels des italienischen Mondadori-Verlags (Eigentümer ist der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi). Grazia wurde 1938 in Italien gegründet. Mittlerweile gibt es 15 Ausgaben weltweit, unter anderem in Frankreich, China, Indien oder Indonesien.

Grazia veröffentlicht Fotos von New Yorker-Taschen für 20 Euro und stellt gleichzeitig Ferragamo-Bags für 6600 Euro vor. Wo liegt in Zukunft der Schwerpunkt im Fashion-Bereich? H&M oder Hermès?

Das ist keine Frage von entweder oder. Das ist ähnlich wie bei Haiti und High-Heels. Das Leben ist genau so. Wir wollen eine Leserin ansprechen, die wahnsinnig trendinteressiert ist. Die wird in vielen Situationen sagen, "hey ich brauche jetzt fürs Wochenende für irgendeine Party einfach eine weiße Bluse". Und dann geht sie vielleicht zu Zara und kauft sich dort die weiße Bluse. Wenn sie aber gerade befördert wurde oder ein besonders tolles Stück sieht, wo sie sagt, da lohnt sich das Investment, dann kauft sie sich auch eine Handtasche von Dolce & Gabbana, weil sie weiß, dass es einfach Teil ihres Lebensgefühls ist. Die Grazia-Leserin ist aber kein Fashion-Victim. Sie muss sich nicht von Kopf bis Fuß in ein Label kleiden.

Nehmen Sie Anmerkungen von Leserinnen ernst, um das Heft zu optimieren?

Ich lese jeden Leserbrief. Mich interessiert, wie das, was wir uns kunstvoll in der Redaktion überlegen, draußen ankommt. Natürlich weiß man, dass Leserbriefe immer nur aus zwei Geisteshaltungen geschrieben werden: entweder der komplette Hass oder die komplette Begeisterung. Hier muss man dann ein bisschen herausfiltern. Aber es bleibt immer noch genügend Wahrheit hängen, die man als Blattmacher ernst nehmen sollte.

TV-Spot zum Start von Grazia

15 Länder weltweit haben ihre eigene Grazia. Inwiefern arbeiten die Redaktionen zusammen?

Wir arbeiten im Modebereich zusammen. Das heißt während der Schauen-Saison. Wir haben gemeinsame Foto-Pools und fotografieren für alle Titel sowohl die Laufstege als auch Streetstyle. Außerdem stellen sich die vier Länder Deutschland, England, Italien und Frankreich ihre großen eigenproduzierten Modenstrecken wechselseitig zur Verfügung.

Wie schätzen Sie den Markt für Grazia in Zukunft ein?

Wenn sich das so weiter entwickelt, wie in den Startwochen, dann bin ich extrem vergnügt. Natürlich wissen wir, wenn das Heft der Erfolg wird, der sich jetzt abzeichnet, dann werden wir in dem Segment nicht alleine bleiben. Dann werden andere Verlage auf die Idee kommen ein ähnliches Produkt zu starten. Im Augenblick sind wir damit aber alleine. Unter der Voraussetzung bin ich sicher, dass es ein riesiger Erfolg wird.

Interview: Katharina Lindner
Teaserfoto: Robert Szkudlarek
Fotos: Klambt Verlag, Lindner
Video: YouTube / weigertpirouzwolf

Veröffentlicht: 23.03.2010
1 Kommentar
answer #1) Christina Helling - 24.03.2010 - 09:26

Ein toller Artikel! Der hilft mir garantiert weiter beim Kauf meines nächsten Magazins...

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