Gezwitscher aus dem Newsroom
Nachrichten in 140 Zeichen: Der Online-Dienst Twitter wächst rasant. Unter den Nutzern sind viele Journalisten. Kann Twitter auch ein wertvolles Recherche-Instrument sein?
Dortmund. "Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Ich bin auf der Fähre, die die Menschen aufnehmen wird. Verrückt." Drei knappe Sätze, die der US-Amerikaner Janis Krums am 15. Januar 2009 an den Online-Dienst Twitter gesendet hat. Gleichzeitig schickte Krums ein Foto – es zeigte den Airbus A320 der Fluggesellschaft US Airways, halb versunken im Hudson River. Wenige Stunden nach der geglückten Notwasserung vor New York City war Krums im Twitter-Netzwerk berühmt. Er hatte vor allen TV-Sendern, Nachrichtenagenturen und Radio-Stationen über das Beinahe-Unglück berichtet.
Twitter ist einer der neuen Nachrichtenkanäle, die im Internet entstanden sind. 2006 von drei kalifornischen Web-Unternehmern gegründet, haben sich mittlerweile mehr als sechs Millionen Nutzer angemeldet. Die Zahl hat sich im vergangenen halben Jahr verdreifacht. Mit dabei sind viele deutsche Medien: Bild zwitschert (engl. "to twitter") genauso wie der Trierische Volksfreund und der Bayerische Rundfunk.
140 Zeichen: So funktioniert Twitter
Twitter ist ein Kurznachrichtendienst. Nutzer schreiben maximal 140 Zeichen pro Nachricht, was der Länge einer SMS bei einigen US-Handyanbietern entspricht. Jeder Nutzer hat eine eigene Twitter-Seite, die wie ein Weblog für Kurznachrichten aussieht. Wegen dieses Prinzips haben Dienste wie Twitter den Namen "Mikro-Blogging" bekommen.
Twitter ist aber auch ein soziales Netzwerk, ähnlich wie studiVZ oder Facebook. Die Kontakte heißen "Follower". Je mehr Kontakte ein Nutzer hat, desto mehr Menschen erreicht er mit seiner Nachricht.
So zwitschern deutsche Medien
"hilfe! es ist 23.33 uhr und die volos drehen schräge filme im newsroom." Das twitterte Frank Schmiechen, stellvertretender Chef von Welt Kompakt, Anfang Februar. Notizen aus dem Redaktionsalltag sind eine Form von Nachrichten, die durchs Internet zwitschern. Sonderangebote der Axel-Springer-Kantine oder launige Kommentare zum Nachrichtengeschehen: Welt Kompakt erreicht mit seinen Kurznachrichten mittlerweile mehr als 2.500 Nutzer. Zum Vergleich: Die Twitter-Texte von stern.de verfolgen nur etwa 370 Menschen.
Welt Kompakt und stern.de zeigen, wie unterschiedlich die Redaktionen den Online-Dienst nutzen. Während das Team von Welt-Chef Frank Schmiechen Redaktionsinterna twittert und mit anderen Nutzern diskutiert, liest sich der Stern-Twitter wie ein Nachrichtenticker mit Links zur eigenen Seite
Auch erste Regional- und Lokalzeitungen haben Twitter für sich entdeckt – zum Beispiel die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ). "Wir experimentieren mit Twitter und haben eine Menge Spaß dabei", sagt Marcus Schwarze. Der Newsroom-Redakteur der HAZ hat seinen eigenen Twitter-Mix gefunden. Mit einem Kollegen verlinkt er Regionalnachrichten, berichtet aus der Redaktion ("Gleich wird hier die obligatorische Spätdienstpizza bestellt.") oder wendet sich mit Fragen an die Leser ("Hat jemand eine vernünftige Erklärung für den roten Himmel über Hannover?"). Schwarze sieht die Chance, junge Menschen zu erreichen, die kein Zeitungs-Abo haben und Informationen vor allem über das Internet abrufen. Und immerhin: Aus einem Twitter-Kontakt wurde schon ein E-Paper-Abo.
"Twitter bietet in Sachen Leserbindung viel Potential", sagt Web-Expertin und Unternehmerin Nicole Simon. Sie hat ein Twitter-Handbuch geschrieben und gehört zu den wichtigsten deutschen Nutzern des Online-Dienstes. Simon empfiehlt deutschen Medien, Twitter jetzt auszuprobieren. "Die Einstiegshürde ist niedrig. User müssen keine Webseite programmieren und nicht viel technisches Know-how mitbringen."
Twitter als Recherche-Instrument? Lesen Sie weiter...
Welt Kompakt
Hannoversche Allgemeine Zeitung
Hessische/Niedersächsische Allgemeine
Lübecker Nachrichten
Der Westen
N-Joy
Text und Slideshow: Andreas Block
Teaserbild: twitter.com
Foto: HAZ


und, wann zwitschern die memos auch? oder laufen schon heimliche experimente...?
Das sollte ein Thema auf der nächsten Redaktionskonferenz sein...