Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Gefährlicher Journalismus

Russische Journalisten leben gefährlich, vor allem wenn sie bei der Kreml-kritischen Zeitung Nowaja Gazeta arbeiten. Medien Monitor sprach mit dem stellvertretenden Chefredakteur Sergej Sokolow über Korruption, Meinungsfreiheit und die Zukunft der russischen Medien.

Anschläge bringen lästige Journalisten zum Schweigen.

Medien Monitor: In Ihrer Redaktionskonferenz war wieder die Rede von einem Korruptionsfall, über den Sie berichten wollen. Muss man besonders mutig sein, wenn man Journalist bei Ihrer Zeitung sein will?

Sergej Sokolow: Von unseren 170 Mitarbeitern sind elf gefährdet, bekommen Drohungen, ein Mitarbeiter steht unter Polizeischutz. Das liegt an den Themen, über die wir schreiben: Korruption, Menschenrechte, staatliche Willkür. Das ist sehr gefährlich, deswegen werden viele Journalisten angegriffen. Aber die Journalisten, die bei uns arbeiten, wissen, worauf sie sich eingelassen haben.

Zur Person

Sergej Sokolow wurde 1968 geboren. Nach dem Studium an der Universität der Völkerfreundschaft in Moskau arbeitete er von 1990 bis 1992 bei der "Komsomolskaja Prawda". Danach gründet er mit anderen Mitarbeitern dieser Zeitung die "Neue Tageszeitung", aus der 1999 die "Nowaja Gazeta" hervorging.
Der russische Journalist Sergej Sokolow.

Wie kann das sein, dass man als Journalist Angst haben muss?

Das hängt mit der Straflosigkeit zusammen. Die Mächtigen reagieren nicht auf Übergriffe auf Journalisten, sie zeigen kein Interesse an der Aufklärung von Straftaten gegenüber Journalisten. Normalerweise werden in Russland je nach Region 30 bis 70 Prozent der Auftragsmorde aufgedeckt, bei Journalistenmorden aber ist die Rate viel niedriger, nur zwei bis drei Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen das geringe Interesse an der Aufklärung der Journalistenmorde. Aber das verwundert nicht, denn wir berichten über Korruption. Und das kann zu großen Skandalen führen.

Chronik der Morde

Seit 1990 kamen mehr als 200 Journalisten in Russland gewaltsam ums Leben. Besonders gefährlich ist die Arbeit bei der 1999 gegründeten Novaja Gazeta. Vier Journalisten wurden getötet. Hier eine Chronik.

Oft wird die mangelnde Meinungsfreiheit in Russland kritisiert. Gibt es eine Zensur?

Es gibt keine Zensur, das Problem der Meinungsfreiheit in unserem Land liegt oft an den Journalisten selbst. Es ist eine Selbstzensur.

Das müssen Sie erklären.

Journalisten sind vergleichsweise hoch bezahlt und dann ist es doch klar, dass sie an ihrem Job hängen. Deswegen berichten sie lieber über weiche Themen, als politische Missstände anzuprangern. In Russland sieht der Medienmarkt so aus: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gingen die Medien in die Hände von Oligarchen über. Sie gaben den Journalisten hohes Gehalt und erwarteten deswegen eine bestimmte politische Linie in den Berichten. Die meisten Journalisten folgten und folgen diesen Linien. Ein unabhängiger Journalist hat es schwer, in Russland eine Arbeit zu bekommen, aber das liegt an der Einstellung der Kollegen.

Hintergrund: Medienfreiheit in Russland

Nach einer Zeit der Medienfreiheit in den 90er Jahren, hat Russland, was die Vielfalt und Pluralität der Meinungen angeht, unter Wladimir Putin eine Rolle rückwärts vollzogen. Putins Amtsnachfolger Dmitri Medwedew macht nicht den Eindruck, die Lage verbessern zu wollen. Einer liberalen Mediengesetzgebung und Verfassung steht die repressive russische Wirklichkeit gegenüber. Medienfreiheit gibt es nur in einigen wenigen Zeitungen, was vom Kreml geduldet wird, denn das einzige Massenmedium in Russland ist das Fernsehen.
Wie die russische Regierung Druck auf das Fernsehen ausübt, beschreibt ein Beitrag des 3Sat Magazins Kulturzeit:
Für Anna Politkowskaja endeten ihre Recherchen tödlich.

Sie wollen einen Dialog. Funktioniert er Ihrer Meinung nach?

Ja, aber oft gibt es Kommunikationsprobleme. Westliche Partner verstehen zum Beispiel nicht, dass das Geld, das sie in den russischen Werbemarkt stecken, nicht der Medienfreiheit nutzt, sondern das Gegenteil erreicht. Denn das Werbegeld wird meist über eine zentrale Agentur an die wichtigsten Fernsehsender verteilt. Und dort kann von Medienfreiheit keine Rede sein. Dann kann es so aussehen: Ein zentraler russischer Fernsehsender sendet eine Werbung für ein deutsches Auto und kurz darauf kommt ein unreflektierter Beitrag über die Politik der Bundesrepublik. Deswegen ist es wichtig, genau zu schauen, wohin das Geld fließt.

Von Medienfreiheit ist Russland ja noch weit entfernt. Aber gibt es Hoffnung?

Besonders das Fernsehen ist ganz schlimm in Russland. Leider ist es das Leitmedium. Aber die denkende Bevölkerung liest Zeitungen und vor allem im Internet. Eine Investition in die Demokratie in Russland wäre eine Investition in Zeitungen und Internet.

Text: Evgenij Haperskij
Bild: Evgenij Haperskij, bluehourphoto Flickr
Karikatur: Evgenij Haperskij
Timeline: Evgenij Haperskij

Veröffentlicht: 29.04.2009
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Pflichtlektüre

Eldoradio

DO1 TV

Journalistik Journal

Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum