Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Global Media Forum 2010

Gefährliche Umwelt-Recherchen

Berichte über Umweltprobleme üben fast zwangsläufig Kritik an den Verursachern. Da dies oft Regierungen oder mächtige Konzerne sind, können Recherchen auch gefährlich werden. Wie das Beispiel von Tamer Mabrouk zeigt.

Tamer Mabrouk

Dass Tamer Mabrouk das Global Media Forum in Bonn überhaupt besuchen kann, war lange nicht klar. Den Organisatoren des Forums gelang es gemeinsam mit Reporter ohne Grenzen und Committee to Protect Journalists erst in letzter Minute, Mabrouk nach Deutschland zu lotsen. Tamer Mabrouk ist ein bekannter ägyptischer Umweltblogger, zu seinem Vortrag traf er verspätet ein. "Ich hatte große Probleme, überhaupt hierher zu kommen", sagt Mabrouk. Seine Informationen musste er außer Landes schmuggeln. Bis vor wenigen Jahren arbeitete Mabrouk in einer Fabrik von Trust Chemical Industries. Dort erlebte er, wie die Chemiefabrik ihre Abfälle in den benachbarten Manzala See entsorgte, der fast unmittelbar in den Suez-Kanal mündet.

Job verloren, Stadt verlassen

Mabrouk fing an zu bloggen, dokumentierte die Verunreinigungen mit Fotos und schrieb auch für lokale Zeitungen. Daraufhin bedrohte ihn die Firma, Mabrouk verlor seinen Job, musste die Stadt verlassen und wurde von einem Gericht sogar zu einer Geldstrafe verurteilt. "5000 Euro Strafe. Trotz perfekter Dokumentation und der Berichterstattung der Medien. Für einen ägyptischen Arbeiter ist das sehr viel Geld", sagt Mabrouk. Der Staat, so Mabrouk, habe die Firma unterstützt.

Umweltberichterstattung, die Zusammenhänge herstelllt und Hintergründe aufzeigt, wird nicht nur in Ägypten bestraft. Auch Liu Jianqiang aus China und Roosevelt Jean Francois aus Haiti haben ähnliche Geschichten zu erzählen. Sobald sie aufdecken, wer für Umweltverschmutzung und -zerstörung verantwortlich ist, gibt es Druck. Von den lokalen und nationalen Behörden oft genauso wie von den beteiligten Firmen. Wirtschaftliche Interessen, geheime Absprachen und Bestechungszahlungen sind harte Gegner für Umweltjournalisten.

Der BP-Skandal

"Natürlich ist es kein Problem, über die globale Erwärmung zu schreiben", sagt Jean Francois Julliard, Generalsekretär der Organisation Reporter ohne Grenzen. "Aber in vielen Ländern ist es ein Problem, die Gründe dafür aufzudecken." Im Jahr 2010 seien Umweltjournalisten in der gleichen Situation wie politische Journalisten in den 1980er Jahren. So konnten zwei Berichterstatter aus Russland und Brasilien, die Julliard in Bonn gern dabei gehabt hätte, erst gar nicht anreisen. Sie werden, so Julliard, in ihrer Heimat körperlich und juristisch bedroht. "Um Klimawandel und Umweltzerstörung zu stoppen, müssen Journalisten ihre Rolle als Aufpasser aber ungehindert ausüben können", sagt der Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen.

Dass freies Recherchieren auch in westlichen Ländern längst nicht immer möglich ist, zeigt das Beispiel der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Nicht nur, dass die Ölfirma British Petroleum in den vergangenen Monaten die Öffentlichkeit häufig falsch informierte. Zuletzt berichteten immer mehr Journalisten, dass sie daran gehindert wurden, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Boote schnitten den Reporten den Wasserweg ab und Strände wurden abgeriegelt.

Hochwertige Umweltberichterstattung, das ist in Bonn klar geworden, ist ein schwieriges, manchmal auch gefährliches Feld. Viele Teilnehmer werden das nach ihrer Rückkehr wieder am eigenen Leib erfahren. Auch Tamer Mabrouk, der ägyptische Chemie-Blogger. Doch obwohl er Haus, Job und jede Menge Geld verloren hat: Tamer Mabrouk will weiter berichten.

Text: Daniel Drepper

Foto: Tamer Mabrouk

Veröffentlicht: 16.07.2010
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