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Interview

"Für Arroganz ist künftig kein Platz mehr"

Mit 13 der allererste Artikel, mit 15 Jahren die erste Geschichte für Spiegel Online, mit 17 eine zweistellige Anzahl von Preisen im Regal. Im Gespräch mit Medien Monitor erklärt Nachwuchsjournalist Rick Noack, warum ihn das Medienbild der Generation Alkohol nervt und Journalisten in Zukunft merken werden, dass sie keine Helden sind.

Seitdem er 13 ist, weiß Rick Noack: Journalismus ist sein Leben.

Medien Monitor: Die Zahl deiner Nachwuchspreise liegt im zweistelligen Bereich, du machst im Sommer ein Praktikum beim TIME-Magazin in London und arbeitest seit Jahren als freier Mitarbeiter u.a. bei Spiegel Online und der Berliner Zeitung. Wie hast du den Einstieg und wann den Durchbruch geschafft?

Rick Noack: Mit 13 hab ich als Jugendredakteur bei der Lokalzeitung, der Sächsischen Zeitung, angefangen. In den ersten sechs Wochen hab ich mich irgendwie gar nicht getraut, in der Konferenz etwas zu sagen, was ich heute ziemlich amüsant finde. Irgendwann hab ich dann meinen ersten Artikel geschrieben und gewusst: Das will ich mein ganzes Leben lang machen. Mein erster Artikel bei Spiegel Online war dann sicherlich mein Durchbruch. Ich hatte aber auch Glück, weil ich Peter Stawowy getroffen habe. Der ist ehemaliger SPIESSER-Chefredakteur und hat den Kontakt hergestellt. Damals habe ich ein Portrait über ein junges Film-Team aus Dresden geschrieben, und wenn man bei Spiegel Online veröffentlicht, hilft das dem Lebenslauf sicherlich auch ein bisschen.

Zur Person

Rick Noack wurde am 10. Februar 1993 in Dresden geboren. Er besucht das Dresdener Marie-Curie-Gymnasium und wird dort voraussichtlich 2011 sein Abitur absolvieren. Seit seinem 13. Lebensjahr ist er als freier Mitarbeiter für verschiedene Medien tätig. Dazu gehören Spiegel Online, die Sächsische Zeitung, die Berliner Zeitung, der Berliner Tagesspiegel und Das Parlament. Außerdem arbeitet er als Video-Journalist für Dresden Fernsehen. Praktika hat er u.a. im Berliner Korrespondentenbüro von CNN und bei der amerikanischen Tageszeitung The Mercury News absolviert. 2008 berichtete er als Korrespondent für die Berliner Zeitung von den US-Wahlen.

Für seine Arbeit wurde Rick Noack mit mehreren Auszeichnungen belohnt: Dazu gehören mehrere erste Plätze beim Spiegel-Schülerzeitungspreis, ein erster Platz beim Wegweiser Journalistenpreis für Nachwuchsjournalisten und der Gewinn der Auszeichnung "Medien mit Mut" (Mut gegen rechte Gewalt).

Du bist oft genauso alt oder auch schon mal viel jünger als deine Interviewpartner. Wirst du da immer ernst genommen?

Es ist unterschiedlich. Ich interviewe ja vor allem Jugendliche, von denen werde ich auf jeden Fall ernst genommen. Das ist dann auch authentischer und es macht mehr Spaß, das Interview mit einem Jugendlichen zu führen. Wenn ich Erwachsene interviewe, ist da schon manchmal ein herablassender Blickwinkel. Manche finden es zwar cool, von einem Jugendlichen interviewt zu werden, ich habe aber auch ein paar Erfahrungen in die andere Richtung gemacht. Da wollten mir Pressesprecher erzählen, sie müssten vorher nochmal alles zu lesen bekommen. Die dachten dann auch, mit mir könnten sie das machen, weil ich keine Ahnung von dem Ganzen hätte.

Als junger Journalist fühlt sich Rick Noack näher dran an seiner Generation.

Viele Interviews mit Jüngeren - bist du einfach näher dran an deiner Generation?

Klar. Ich finde es immer schade, wenn Erwachsene, zum Beispiel 60-Jährige, über die Jugendlichen berichten. Das sieht man immer schön bei großen Nachrichtenmagazinen, was dabei herauskommt. Großes Thema ist immer Flatrate-Saufen, viele Jugendliche werden ja nur noch als Säufer dargestellt. Das will ich anders machen. Deshalb sollten Redaktionen auch einfach öfter junge Autoren einsetzen, die leben in dieser Generation.

Erreicht man damit auch gleichzeitig mehr junge Leser?

Also ich würde eine Zeitung, in der immer nur steht, dass wir die Generation doof sind und der Alkohol-Konsum steigt, auch nicht lesen. Eine Zeitung, in der immer nur negative Geschichten publiziert werden, auch sinnlos. Alkohol ist ja nicht alles, was eine Generation ausmacht. Und dann merke ich, ich werde nicht ernst genommen als Generation und auch als Mensch. Das ist schon ein Grund, warum manche junge Menschen keinen Bock auf Zeitung und Medien haben. Ich will mich ja auch verstanden fühlen, und das können junge Autoren auch bieten.

Welche Geschichten sollen denn mal von den großen Redaktionen geschrieben werden?

In den letzten Wochen habe ich mich immer wieder geärgert, dass viele Medien ausschließlich theoretisch über die Wehrpflicht berichtet haben. Immer wieder wurde über die Einsparung der Kosten, die einer 40 Kilometer langen Autobahn entsprechen, diskutiert. Aber was die Wehrpflicht konkret für Jugendliche bedeutet, die Betroffenen dieser Debatte, das wurde ausgespart. Willkür bei der Auswahl, Monate Langeweile in den Kasernen, Karriere-Bremse, das sind alles wichtige Stichworte, um diese Debatte mit Leben zu füllen. Vergangene Worte stand dann aber ein vierseitiger Artikel im Spiegel ("Die große Leere", Ausgabe 24/2010, S. 32-35), der näher dran war als fast alles, was ich vorher in den großen Medien gelesen hatte. Das fand ich super, weil ich genau in der Woche davor beim Spiegel Blattkritik gemacht hatte und dabei auch diesen Punkt angesprochen habe. Wahrscheinlich hatten sie diese Idee für solch einen Artikel auch schon früher, gefreut hat es mich trotzdem.

Bei welchen Themen gibt es immer noch Nachholbedarf?

Es gibt noch so viele Dinge, die noch nicht im Blatt waren. Zum Beispiel zu Griechenland oder generell zur Finanzkrise und dem ganzen Schuldenproblem: Wir sind die Generation, die hinterher die Schulden tragen muss. Da sollte mal ein junger Autor einen Kommentar in einem Leitmedium schreiben, was das für ihn und seine Generation eigentlich bedeutet.

So berichtet Rick Noack als VJ von lokalen Problemen:

Und was sind deine eigenen Pläne? Welche Geschichten willst du selbst noch umsetzen?

Genau das möchte ich machen, aus junger Perspektive schreiben. Aber das mache ich ja eigentlich schon seit drei Jahren. Zurzeit plane ich aber mit anderen jungen Journalisten, mit denen ich gut vernetzt bin, ein langfristiges Projekt. Dabei soll es vor allem um Qualitätsjournalismus aus einer jungen Perspektive gehen. Es laufen bereits Gespräche mit einigen großen Verlagshäusern, wir suchen aber auch noch weitere Kooperationspartner. Infos gibt's dann auch auf meinem Twitter-Channel.

Du schreibst über bloggende Lehrer, deutsche Nachwuchsprogrammierer in Kalifornien und eine zwanzigjährige Telefonseelsorgerin. Wie findest du Themen und Protagonisten? Welche Rolle spielen dabei soziale Netzwerke?

Viele Personen, die ich in der Vergangenheit portraitiert habe, kenne ich privat. Das ist der Vorteil jung zu sein. Man kennt viele Leute, und dann wird erzählt "achja, der hat ja dies und der hat das gemacht". Bei Twitter informiere ich mich jeden Tag über spannende Links, aber konkret für die Recherchen haben mir soziale Netzwerke jetzt noch nicht soviel gebracht. Ich hab aber mal versucht, über Twitter ein Interview zu machen. Dabei wollte ich prüfen, ob ein Stadtrats-Kandidat bereit ist, seine Nachricht in 140 Zeichen reinzupressen. Er hat's geschafft.

Bei manchen Berichten über Jugendliche schlägt Rick Noack schonmal die Zeitung über dem Kopf zusammen.

Wie viel Zeit investierst du in diese Recherchen?

Ich arbeite oft und viel neben der Schule. Oft arbeite ich auch nachts, weil ich nicht all zu viel Schlaf brauche. Dann mache ich aber auch ganz viel mit meinen Freunden. Ich finde, man kann sich nicht als Jugendreporter bezeichnen, wenn man sich selbst nicht mehr jung verhält.

Du triffst auf Preisverleihungen und in Redaktionen viele andere Nachwuchsjournalisten. Durch welche Eigenschaften zeichnen sich die Journalisten von morgen aus?

Vor allem das Web 2.0 macht den Unterschied. Es wird versucht, dem Leser einen Schritt voraus zu sein, um für sie etwas Neues zu entwickeln und mit ihnen zusammen den Journalismus besser zu machen. Die Journalisten von morgen werden deshalb nicht so arrogant sein wie die von gestern. Dafür ist einfach gar kein Platz mehr. Bei einem Online-Magazin wird man jeden Tag durch Kommentare und Bewertungen daran erinnert, dass man kein Held ist, sondern einfach nur Journalist. Und zwar einer mit einer Aufgabe. Ich glaube, die Journalisten von morgen werden bodenständiger und authentischer sein.

Wie stark wird sich diese Leser-Journalist-Bindung noch entwickeln?

Die Kommentarfunktion gibt's ja heute schon. Der Leser entscheidet: Gebe ich drei oder fünf Sterne? Interessant ist aber auch die Initiative der taz, dass die Leser Geld spenden können. Daran sieht man: Was ist der Artikel wirklich wert? Das ist ein ganz anderes Verhältnis zwischen Autoren und Lesern. Die Leserbriefredaktionen fallen dadurch ja quasi weg. Ich hab auch schon Leserbriefe bekommen, die wurden dann ausgedruckt von der Sekretärin, und manchmal sind sie dann gar nicht angekommen. Und generell musste man auch nicht antworten. Aber durch diese völlig neue Öffentlichkeit der Kommentare muss man irgendwie darauf reagieren. Das hilft schon, den Journalismus auch transparenter zu machen.

Das Gespräch führte: Anne-Kathrin Gerstlauer
Bilder: privat

Veröffentlicht: 02.07.2010
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