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Social TV

Experiment im BR: Das Netz bestimmt, was läuft

Justin Bieber und das Fernsehprogramm haben gemeinsam, dass im Netz sehr viel über sie geredet wird. Anders als Justin Bieber zieht das deutsche Fernsehen daraus bisher kaum einen Nutzen. Wie der aussehen könnte, versucht jetzt das Bayerische Fernsehen herauszufinden: Die Sendung "Rundshow" macht vier Wochen lang das Social Web zum Hauptdarsteller im Fernsehen - und nicht andersrum.

Die Hoffnung des Bayerischen Rundfunks wohnt in Containern. Das ist, zugegeben, ein bisschen viel Pathos, aber wenn man es nicht so eng sieht, stimmt es. Das Redaktionsteam der "Rundshow", etwa 20 junge netzaffine Journalisten aus der ganzen Republik, hat in den Gebäuden des BR keinen Platz mehr gefunden und seine Büros in Containern auf dem Gelände eingerichtet. Ein bisschen wohnen die Rundshow-Macher tatsächlich da, denn es ist die Schlussphase der Vorbereitungen - am Montag, 14. Mai, ist Premiere. Und Hoffnungen stecken durchaus in dem Format, denn es soll endlich schaffen, was schon vielfach daneben ging: die Kultur aus dem Internet und den sozialen Netzwerken in eine Fernsehsendung zu integrieren.

"Social Web ist näher dran als Korrespondenten"

Der Blogger und Journalist Daniel Fiene (l.) unterstützt Moderator Richard Gutjahr in der Sendung als Webreporter.

Dass ein bisschen Pathos oft nicht schaden kann, findet auch der Leiter der Redaktion, Richard Gutjahr. Wenn es um die Rundshow geht, beginnt der Nachrichtenmoderator und bekannte Blogger deshalb mit dem Satz: "Angefangen hat alles auf dem Tahrir-Platz."

Als Gutjahr letztes Jahr im Frühling dort stand und aus dem Epizentrum der ägyptischen Revolution twitterte, habe er verwirrte Antworten von seinen Kollegen erhalten. "Viele Follower schrieben mir zurück, dass im Fernsehen genau das Gegenteil von dem berichtet würde, was ich schrieb. Das hat mir die Bedeutung von Twitter für die klassischen Medien noch einmal sehr deutlich gemacht. Wer mit seinem Handy mittendrin stand, wusste mehr als die Korrespondenten mit ihren Kamerateams am Rand." Seit diesem Zeitpunkt, sagt Gutjahr, habe er an einem Konzept für eine TV-Sendung gebastelt, die auf möglichst natürliche Weise abbildet, was im Social Web aktuell passiert.

Zweitbildschirm neben dem Fernseher ist längst normal

Das Team der Rundshow besteht aus Journalisten, Social-Media-Experten und Programmierern.

Die umgekehrte Richtung ist längst Realität: Die sozialen Netzwerke bilden das aktuelle Fernsehprogramm ab und kommentieren es. Laut einer aktuellen GfK-Studie unterhalten sich britische Zuschauer unter 35 Jahren mehr mit ihren Facebookfreunden über laufende Sendungen, als mit anwesenden Personen. In den USA nutzen laut Marktforscher Nielsen etwa 40 Prozent der Zuschauer, die ein Smartphone oder Tablet besitzen, diese Geräte als "Second Screen" neben dem Fernsehen. Das Internet wird zur großen virtuellen Couch, auf der alle Platz zum Glotzen und darüber Reden haben. "Social TV" hat sich inzwischen als Begriff dafür durchgesetzt.

Der Name Rundshow ist von der Spätnachrichtensendung des Bayerischen Fernsehens abgeleitet, die "Rundschau" heißt und ihren Sendeplatz vier Wochen lang für das Projekt räumt. Die Rundshow läuft vom 14. Mai bis 7. Juni, montags bis donnerstags, meist um 23.15 Uhr. Die Startzeit ist abhängig vom Vorprogramm.

Mit der Rundshow schickt der BR ein Testkaninchen auf den Sender, um herauszufinden, was Journalisten mit Second Screen und Social TV Sinnvolles anfangen können. Das beginnt bei der Themendiskussion, die tagsüber im Netz stattfinden soll. "Unser Ziel ist es, bis 14 Uhr Themenvorschläge anzunehmen, und daraus bis zur Sendung gegen 23.15 Uhr Filme zu machen", sagt Gutjahr. "Da müssen unsere Grafiker und Autoren richtig Gas geben." Außerdem soll es in den 30 Minuten langen Sendungen Talk-Gäste und Videos von Youtube-Talenten geben.

Sendung mit eigener Fernbedienung

Screenshot der App zur Sendung

Die Hauptrolle spielen jedoch Kommentare, Videos und Fotos der Zuschauer. Sie kommen nicht allein per Facebook und Twitter rein, sondern auch über eine eigens für die Sendung produzierte Handy-App. Mit dieser können die Nutzer - neben den klassischen Kommentarfunktionen - per "Daumen hoch"- und "Daumen runter"-Buttons in Echtzeit zeigen, ob ihnen das Programm gerade gefällt oder nicht. Bei zu vielen schlechten Reaktionen ertönt ein Signal in der Sendung und der Verlauf wird geändert. Die App soll eine "Fernbedienung für die Sendung" sein und heißt passend dazu "die Macht". Redaktionsleiter Gutjahr hofft, "dass sich per App auch diejenigen Zuschauer an der Diskussion beteiligen, denen es zu kompliziert ist, Twitter und Facebook beim Fernsehen zu bedienen."

App-Markt für "Second Screen" boomt

Der Zeitpunkt für das Rundshow-Experiment ist passend, denn Social TV kommt gerade im Bewusstsein der Öffentlichkeit an. Im letzten halben Jahr wurden in Deutschland zahlreiche Startups gegründet, die Apps zum parallelen Gebrauch während des Fernsehens anbieten. Sie heißen unter anderem Couchfunk, TunedIn, Zapitano und Tweek und bieten im Unterschied zur Rundshow-App die Möglichkeit, jede beliebige Sendung im TV zu kommentieren oder zu bewerten. Auch andere Sender experimentieren derzeit in Ansätzen mit programmbegleitenden Apps, wie etwa das ZDF mit dem Krimi "Die letzte Spur" oder ProSiebenSat.1 mit "The Voice Of Germany".

Anarchie nach dem Apple-Vorbild

Auf den Containern vor dem Bayerischen Rundfunk weht eine Piratenflagge. Das will wohl sagen: Hier laufen die Dinge anders als im restlichen Laden. Hier werden Youtube-Schnipsel am Laptop mit Freeware geschnitten, modern und effizient, quick and dirty, so gar nicht öffentlich-rechtlich. Aber es ist auch Teil des schrägen Versuchs, ein bisschen vom Aufbruchgefühl aus dem Silicon Valley der 80er-Jahre auf den Bayerischen Rundfunk zu übertragen. "Let‘s be pirates" war damals das Motto von Steve Jobs für sein kleines Team im großen Apple-Konzern, das mit ihm den Macintosh erfand. Über den Büros hisste Jobs damals ebenfalls die Piratenflagge, wie jetzt Apple-Fan Richard Gutjahr.

Vielleicht ist das wieder ein bisschen zu viel Pathos. Aber der Grundgedanke könnte stimmen: dass das deutsche Fernsehen für seinen Weg in die vernetzte Zukunft weniger einen Thomas Gottschalk braucht als einen Steve Jobs.

Text: Timo Spieß
Bilder: Bayerischer Rundfunk

Veröffentlicht: 10.05.2012
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