Europas Themen in Europas Medien

- Journalistik-Professor Marcel Machill.
Eine Meta-Analyse über 17 Studien zeigt: Es gibt sehr wenig Europa-Themen in Europas Medien. Deswegen hat sich bislang noch keine europäische Öffentlichkeit entwickelt.
Dortmund. Immer mehr Richtlinien kommen aus Brüssel, immer mehr Mitglieder schließen sich an. Seit Januar gehören auch Bulgarien und Rumänien zur Europäischen Union. Doch trotz dieses internationalen Gewichts – Europas Medien berichten kaum über Europas Themen. "Medien sollten die europäische Öffentlichkeit mehr fördern", wünscht sich Marcel Machill, Journalistik-Professor an der Universität Leipzig. Damit stützt er die in der Medien-Forschung vorhandene Annahme, dass mehr nationale Berichterstattung über Europa-Themen eine europäische Öffentlichkeit stärken würde. Aufgebaut auf diese These entwickelte Machill zusammen mit Corinna Fischer und Markus Beiler die Meta-Analyse "Europa-Themen in Europas Medien – die Debatte um die europäische Öffentlichkeit".
Studie über 17 Studien
17 Studien, die mediale Inhalte im internationalen Vergleich untersuchen und zwischen 1994 und 2003 veröffentlicht wurden, dienten dem Team als Material für die Meta-Analyse. "Die Studien zu finden, war das Schwierigste. Wir mussten sehr viel Literatur-Recherche betreiben", erzählt Professor Machill von der wissenschaftlichen Arbeit. "Doch dieses Problem war genau der Anstoß für das Projekt. Es fehlte bislang ein systematischer Überblick für das Fachgebiet. Diese Marktlücke haben wir geschlossen."
Die so entstandene Anker-Studie kann jedem Interessierten schnell eine erste Orientierung über den Stand der Forschung geben. Vor allem aber die Fachwelt reagierte positiv, so Corinna Fischer: "Ich war überrascht von dem Echo, das wir bei internationalen Konferenzen erzielt haben."
Der systematische Daten-Vergleich bringt die Medienforschung voran. Zum Beispiel ergab sich, dass Europa-Themen und auch die Akteure auf EU-Ebene in allen europäischen Medien eine untergeordnete Rolle spielen – gegenüber nationalen Themen und Politikern. Hieraus schlossen Machill und sein Team, dass die Öffentlichkeit der EU-Staaten nach wie vor stark national fixiert ist. Wobei Julia Lönnendonker, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Europa-Forschung am Dortmunder Erich-Brost-Haus, glaubt, dass den meisten Redaktionen deutscher Medien die Bedeutung von EU-Berichterstattung inzwischen durchaus bewusst ist. Schließlich seien qualitativ hochwertige Artikel über Brüssel wichtiger als eine quantitativ hohe Anzahl.
Nationale Unterschiede

- Das Berlaymont-Gebäude in Brüssel: Hallo Bulgarien, Rumänien!
Die Meta-Analyse betont jedoch: Es sind aufgrund der wenigen Europa-Artikel in jedem der 15 EU-Länder, die es bis 2004 gab, lediglich Tendenzen zu einer Europäisierung vorhanden, doch sind sie allesamt auf einem niedrigen Niveau. Auf diesem lassen sich allerdings Unterschiede herausstellen: Im Vergleich berichten Medien in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden am meisten über europäische Themen. Frankreichs, Österreichs und Spaniens Medien beschäftigen sich durchschnittlich oft damit.
Unterdurchschnittliche Werte ergaben sich für die belgische, irische und italienische Berichterstattung. Zu den meisten anderen Ländern lassen sich jedoch keine Aussagen machen, und auch fehlen Erkenntnisse über die Entwicklungen in einem größeren Zeitrahmen. "Es gibt zu wenig Material, zu wenig systematisch betriebene Forschung", meint Professor Machill.
Auch die Studie selbst betont kritisch, dass sogar an der begrifflichen Basis noch geforscht werden muss: Es gebe noch keinen Maßstab, mit dem "der Europäisierungsgrad nationaler Öffentlichkeit gemessen werden kann". Doch trotzdem, die Schlussforderung der Meta-Analyse ist klar: Mehr Europa-Berichterstattung für eine stärkere Europäisierung der nationalen Öffentlichkeit.
Mehr Informationen: Marcel Machill/Markus Beiler/Corinna Fischer: Europa-Themen in Europas Medien – die Debatte um die Europäische Öffentlichkeit. Eine Metaanalyse medien-inhaltsanalytischer Studien. In: Wolfgang R. Langenbucher/Michael Latzer (Hrsg.): Medialer Wandel und Europäische Öffentlichkeit. Eine transdisziplinäre Perspektive. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006
Text: Sarah Salin; Fotos: LfM, Photocase, Audiovisual Service der Europäischen Kommission
