Es war einmal... 2.0
Sie will Zeitgeschichte schreiben – die Seite einestages von Spiegel Online. Hier kann seit einem halben Jahr jeder seine ganz persönlichen Erinnernungen an historische Ereignisse festhalten. Doch war einestages bis jetzt nur eine Beta-, also eine Testversion, in der nicht immer alles funktionierte. Jetzt ist das Beta weg – und mit ihm auch alle Mängel? Unsere Autorinnen finden das heraus und stellen die Seite vor.
Wer ist der Mann auf diesem Foto, das ich auf meinem Dachboden gefunden habe? Kennt jemand die Frau, die in knall-gelber Hose 1972 auf meiner Party war? Ob wohl irgendjemand Fotos von meiner Klassenfahrt von damals hat? Hab ich euch schon mal von dem Beatles-Konzert erzählt, auf dem ich war?
Wem solche und ähnliche Fragen auf der Seele brennen, der ist bei einestages genau richtig. Denn wer bei einestages an Zukunftsmusik denkt, liegt eindeutig falsch. Einestages, das Zeitgeschichte(n)-Portal von SpiegelOnline, blickt durch seine User in die Vergangenheit. "Hier entsteht das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft" lautet der Slogan des Projekts. Statt geschichtlicher Fakten findet man auf einestages Erzählungen. Eine Redaktion, vor allem aber User, beschreiben ganz subjektiv wie sie ein bestimmtes Ereignis oder einen Zeitabschnitt erlebt haben.
User generated content trifft redaktionelle Beiträge, eine Community trifft die Öffentlichkeit. Mitlesen darf jeder, doch wer die Plattform mitgestalten und selbst schreiben will, der muss sich anmelden.
Gut trotz Beta
Ein großes "Beta" hat im letzten halben Jahr den Header der Website einestages geziert. Die Seite war also immer in Arbeit und eigentlich noch gar nicht fertig, als sie online ging. Jetzt ist das Beta weg. Bis vor kurzem störten sich die User noch an fehlenden Querverweisen und einer unübersichersichtlichen Suchfunktion. Ohne das Beta im Namen sollte sich das geändert haben. Dabei war die Plattform nie wirklich schlecht. Die Idee war neu und begeisterte die User. Schnell gab’s interessante Geschichten auf hohem Niveau. Jeder, der den Geschichtsunterricht in der Schule langweilig fand, kann sich hier eines Besseren belehren lassen. Die User machen Geschichte mit ihren subjektiven Erzählungen zu einem Erlebnis. Die Zielgruppe von einestages ist riesig, denn wer hat nicht schon mal etwas erlebt oder war bei einem bedeutenden Event dabei? Jetzt muss es nur noch aufgeschrieben werden. In drei verschiedenen Bereichen können sich angemeldete Nutzer mit ihren Geschichten, Bildern und Kommentaren einbringen – besonders in den Bereichen "Zeitzeugen" und "Fundbüro".
Zeitzeugen gesucht
Was verbindet einen mehr mit Geschichte als die eigenen Erlebnisse? Im "Zeitzeugen"-Bereich beschreiben die User, wie sie ein bestimmtes Ereignis in der Vergangenheit erlebt haben. Geschichte wird greifbar, wenn zum Beispiel Traute Grier unter dem Titel "Lebensretter aus der Luft" davon berichtet, wie sie als 16-Jährige die Berliner Luftbrücke erlebte. Es wird alles Geschichte, was die User dazu machen. Und so findet sich auch Guildo Horns Grand Prix-Auftritt in diesem Bereich von einestages. Warum das Geschichte ist? Die Faustregel dazu steht auf der einestages-Seite: "Was schon fotografiert wurde – auf Platte, auf Zelluloid oder digital – ist Stoff für Zeitgeschichten auf einestages." Diese Fotos machen auch tatsächlich jede Geschichte lebendig.
Im Fundbüro ist alles willkommen
Was sich im Laufe der Jahre in den Fundbüros von Flughäfen und Bahnhöfen ansammelt, wird immer mal wieder versteigert. Was man im Fundbüro von einestages abgibt, findet auch seine Abnehmer. Hier suchen Geschichten passende Fotos oder ein Foto die dazugehörige Geschichte. Ob ernsthafte Suche oder kleine Rätsel für die anderen User – im Fundbüro ist alles willkommen. Auch die Redaktionsmitarbeiter von einestages stellen hier hin und wieder Fragen oder Fotos ein. Jeder angemeldete User, der ergänzende Informationen zur Rätsellösung beitragen kann, der jemanden erkennt oder ein Foto oder Video zum Thema hat, kann alles im Fundbüro abgeben.
Von Hendrix bis Muttertag – hier ist alles Thema
Der Bereich "Themen" bietet täglich neue Vorschläge, zu welchen Bereichen im Portal geschrieben oder dokumentiert werden kann. Hier findet sich alles, was ein Thema in der Geschichte sein könnte. Von "Hendrix in Hamburg" über "85 Jahre Muttertag" bis hin zu "Kolonialgeschichte" ist hier alles zu finden. Die Mitglieder von einestages können ihre eigenen Themenvorschläge anbringen und andere Themen um Erinnerungen und Bilder oder Videos ergänzen. Wie in allen Bereichen ist auch in diesem die Redaktion von einestages aktiv. Sie prüft die Beiträge der User auf Korrektheit und angemessene Wortwahl, stellt aber auch eigene Themen vor oder lässt Experten zu ausgewählten Inhalten zu Wort kommen. Auch hier gilt wieder: Thema ist, was Geschichte ist. Geschichte ist, was die User erlebt haben und dokumentieren können.
Besser ohne Beta?
Als einestages im Oktober 2007 online ging, schien das Beta im Header wie eine Entschuldigung. Beim Surfen auf der Seite stieß man immer wieder auf Fehler und Ungereimtheiten. Wer zum Beispiel einen Beitrag geöffnet hatte und mehr zum Thema wissen wollte, stand vor einem Problem: Die Linkliste, die eigentlich zu ähnlichen Texten und Kommentaren verweisen sollte, war noch nicht aktiv. Einzig die Verknüpfung zu verwandten "Dokumenten" brachte die Leser weiter. Aber wo viele Texte vermuteten, fand man nur Bilder.
Die Linkliste funktioniert inzwischen. Die verschiedenen Beiträge der User zu einem Thema sind nun verknüpft. Dank dieser Funktion können sich einestages-Besucher umfassend über ein Ereignis informieren.
Schon in der Beta-Phase wurde versprochen, dass die User bald Videos und Tondokumente hochladen können. Nun ist das Beta weg – und die Funktionen gibt es nicht. Noch immer können die User ihre Geschichte(n) nur mit Fotos anreichern und dokumentieren. Das Hochladen von Videos bleibt zur Zeit noch der Redaktion vorbehalten. Das einestages-Team verspricht jedoch auf ihrer Seite, dass auch die Nutzer bald ihre Chance bekommen ihr Video- und Audiomaterial mit anderen zu teilen.
Positiv zu bewerten ist sicherlich, dass die große Werbeoffensive auf einestages bis jetzt ausblieb. Ob mit oder ohne Beta – die Werbung, die auf einestages geschaltet wurde, ist entweder sehr dezent oder nicht existent. Trotz vorhandener User-Daten, die zum Anbringen personenbezogener Werbung verleiten könnte, hält sich einestages bei der Werbung bis jetzt zurück.
Das Beta ist fort, aber kleinere Probleme wird es bei der Menge an Informationen und verschiedenen Inhalten wohl immer geben. Es gibt die Befürchtung, dass sich einetages in der Vielzahl von Themen und Geschichten verliert und verzettelt. Aber die Geschichte ist nie abgeschlossen und es kann tatsächlich immer weiter geschrieben werden. Somit bleibt einestages zumindest in diesem Sinne immer eine Betaversion.
Text: Agnes Heitmann und Kathrin Strehle
Fotos: Screenshots einestages/Spiegel Online




