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Interview

Es kommt nicht auf die Größe an

Anja Geis ist Leiterin des Online-Auftritts des Saarländischen Rundfunks.

Anja Geis ist Redaktionsleiterin des Online-Portals des Saarländischen Rundfunks. Im Interview erzählt sie von der Arbeit in einer kleinen Rundfunkanstalt, der schwierigen Berichterstattung über die Tour de France und dass Videotext alles andere als ein Relikt der Vergangenheit ist.

Sie arbeiten für den Saarländischen Rundfunk, eine der kleinsten ARD-Rundfunkanstalten. Wo sehen Sie die Unterschiede zu größeren Sendern wie dem WDR?

Bei den größeren Anstalten ist natürlich die finanzielle und personelle Ausstattung eine ganz andere, wodurch sich auch andere Möglichkeiten ergeben. Einen Vorteil unserer kleineren Rundfunkanstalt sehe ich darin, dass wir als zentrale Onlineredaktion für das Onlineangebot des gesamten SR zuständig sind und über relativ kurze Wege mit allen Kollegen im Haus in Kontakt stehen, wodurch viele Synergien entstehen.

Sie haben Ihre journalistische Karriere beim Videotext begonnen. Hat denn Videotext in Zeiten, in denen viele Zuschauer ihr Notebook oder Smartphone auf der Couch liegen haben, noch Relevanz?

Absolut. Der "Saartext" war gerade wieder im 1. Halbjahr 2011 Marktführer unter den regionalen ARD-Videotexten bei der Akzeptanz im eigenen Sendegebiet. Ich selbst nutze Videotext ganz oft, obwohl ich Laptop, Tablet-PC und Smartphone zur Verfügung habe. Aber wenn ich mich ganz schnell über die regionalen Geschehnisse oder Programminfos informieren will, nehme ich zuerst die Fernbedienung zur Hand, drücke die "Videotext"-Taste und finde auf Anhieb, was ich suche. Es ist bequem, einfach und aktuell.

Wie kamen Sie zum Wissenschaftsjournalismus?

Der SR ist seit Jahren federführend für die Berichterstattung zur Tour de France zuständig. Dazu gehört auch das Thema Doping. Das wiederum bedarf eines gewissen Hintergrundwissens zu den verbotenen und erlaubten Medikamenten, deren Wirkung, Methoden, Ablauf von Dopingkontrollen, -untersuchungen, -forschung und Prävention. Und neben der Berichterstattung über den Sport müssen auch diese komplizierten Sachverhalte in einfach verständlicher Form dargestellt werden.

"Die Zeitung wird überleben"

Sie leiten die Online-Redaktion des Saarländischen Rundfunks und sind somit quasi Chefredakteurin eines sogenannten "neuen Mediums". Glauben Sie als Vertreterin der Online-Zunft, dass Tageszeitungen noch eine Zukunft haben?

Ich habe vor dem Studium eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht und kann mich noch gut erinnern, dass es damals schon - lange bevor es eBooks gab - den Abgesang auf das Buch gab. Dennoch lesen wir heute immer noch Bücher. Ich vermute, dass es genauso mit der Tageszeitung laufen wird. Ich denke, dass Leute auch in Zukunft Tageszeitung lesen werden. Sind Sie schon mal mit der U-Bahn gefahren?

Ja, U-Bahnen sind mir durchaus bekannt…

Wie viele Menschen sitzen dort mit einer Zeitung oder einer Zeitschrift?! Mal abgesehen davon, das man für Smartphones und Tablet-PCs ja auch eine Netzverbindung braucht, die in der U-Bahn selten vorhanden ist, hat das Lesen einer Zeitung, einer Zeitschrift oder eines Buches auch mit Ruhe und Muße zu tun. Natürlich kann ich mich auch mit einem Smartphone ins Café setzen und auf winzigen Tasten tippen, aber für mich ist das nicht dasselbe. Ich lese jedenfalls als Privatmensch jeden Tag die gute alte Papier-Zeitung zum Frühstück. Das ist für mich ein Ritual.

Wahrscheinlich wird die Zukunft düsterer gezeichnet, als sie es tatsächlich ist. Dafür, dass schon seit Jahrzehnten das Ende vieler traditioneller Medien wie Videotext, Buch, Zeitung etc. angekündigt wird, haben sie sich doch eigentlich erstaunlich gut gehalten.

Sie haben in Ihrem Vortrag im Dortmunder Erich-Brost-Haus die zunehmende Bedeutung von sozialen Netzwerken und Blogs betont. Sind diese Medien nicht eine Gefahr für den professionellen Journalismus?

Das Internet hat natürlich jedem, der gerne selbst publizieren möchte, das Tor zu einer neuen Welt geöffnet. Das ist auch nicht erst seit gestern so und auch nicht seit es soziale Netzwerke gibt. Ich glaube nicht, dass Facebook und Co. eine Bedrohung für den professionellen Journalismus darstellen. Was in sozialen Netzwerken verbreitet wird, ist vom Informationswert her gesehen oftmals eher banal - die Betonung liegt auf oftmals, natürlich gibt's Ausnahmen! Aber es ist wichtig, dass die Leute die Möglichkeit haben, sich auszutauschen, zu diskutieren und sich schnell Informationen beschaffen können. Was die Leute letztlich lieber konsumieren, entscheiden sie selbst. Die Aufgabe von Journalisten, Informationen zu recherchieren, auszuwählen, zu sortieren, einzuordnen, richtig weiterzugeben, zu kommentieren etc., ändert sich deswegen ja nicht. Es gibt mehr Akteure, die publizieren, und der Nutzer hat die Qual der Wahl zwischen vielen "vermutlich seriösen" Angeboten und immer mehr "vermutlich weniger seriösen" Angeboten. Wenn wir nun vergessen, unseren Kindern Medienkompetenz beizubringen, kann es natürlich irgendwann sein, dass die nächsten Generationen irgendwann genau mit dieser Auswahl überfordert sind.

Anja Geis

Die gebürtige Saarländerin ist eine journalistische Quereinsteigerin. Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin begann sie ein Studium der Informations- und Politikwissenschaft sowie der Sozialpsychologie an der Universität Saarbrücken. Zum Saarländischen Rundfunk (SR) kam sie über ein Praktikum beim "Saartext", dem Videotext des SR. Nach freier Mitarbeit beim SR neben ihrem Studium wurde sie 1999 Redakteurin in der Multimedia-Redaktion sowie Projekt- und Redaktionsleiterin des ARD-Internetauftritts der Tour de France. Seit 2003 ist sie Redaktionsleiterin. Außerdem ist Anja Geis Jurymitglied für Print und Online des Deutsch-Französischen Journalistenpreises (DFJP) sowie Vorstandsmitglied des Saarländischen Journalistenverbandes.

"Online-Journalismus bringt wenig Ruhm und Ehre"

Tour de France: Glanzzeiten vorbei.

Der Saarländische Rundfunk ist federführend bei der Radsport-Berichterstattung. Hat der Radport nach all den Skandalen überhaupt noch eine Zukunft in den öffentlich-rechtlichen Medien?

Die Tour de France als eines der größten Sportereignisse der Welt wird im Fokus der journalistischen Berichterstattung bleiben, z.B. in Nachrichtenform. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern ist in Deutschland aber das Interesse an der Tour de France nach dem Jan-Ullrich-Boom insgesamt deutlich gesunken seit 2006 - nicht nur wegen der Dopingfälle an sich, sondern auch wegen dem Karriereende von Jan Ullrich und dem Ende der deutschen Rad-Rennställe Team T-Mobile, Gerolsteiner und Team Milram. Ein ähnliches Phänomen, wie wir es aus anderen Sportarten kennen - z.B. Tennis nach dem Karriere-Ende von Boris Becker. Dennoch hat die Tour auch in Deutschland natürlich noch ihre Fans, die sich über "das Radsport-Ereignis schlechthin" informieren möchten. Und das allgemeine Zuschauer-/Nutzerinteresse an der Tour de France kann natürlich auch jederzeit wieder steigen bei entsprechenden Erfolgen deutscher Sportler.

Was sollten Journalisten können, die in Ihrer Redaktion arbeiten wollen? Was muss jemand können, damit Sie ihn einstellen?

Ein guter Journalist sollte sehr genau arbeiten, Spaß daran haben zu recherchieren und tief in ein Thema einzusteigen - das ist bei uns nicht anders. Dazu kommt, dass ein Online-Journalist natürlich gut schreiben sollte. Das Texten fürs Internet stellt andere Anforderungen, nicht zu vergleichen mit Texten, die im Fernsehen oder im Radio gesprochen oder in Zeitungen veröffentlicht werden. Außerdem sollte man natürlich wissen, wie man die Artikel und Bilder auch noch ins Internet bringt und Audios, Videos, Bilder etc. entsprechend multimedial verknüpft. Und man muss damit leben können, dass man im Vergleich zu Fernsehen und Radio oftmals weniger "Ruhm und Ehre" erntet. Für viele hat das Wirken in Fernsehen oder Radio immer noch einen höheren Stellenwert als in einem Online-Medium. Das muss man aushalten können.

Macht eine universitäre Journalistenausbildung Sinn?

Auf jeden Fall. Wenn ein junger Mensch von Anfang an weiß, dass er in diesen Beruf gehen will, absolut. Die Alternative ist ein "nicht-journalistisches" Studium in Kombination mit anschließendem Volontariat.

Unsere Online-Redaktion ist seit Jahren eine der Stationen für die SR-Volontäre, die nach einem Studium ein 18-monatiges trimediales Rundfunkvolontariat absolvieren. Und jetzt haben wir zum ersten Mal hier von der TU Dortmund einen Kollegen in unserer Redaktion zur Ausbildung und ich muss sagen: Er macht sich bestens und hat uns von Anfang an überzeugt, also macht die universitäre Ausbildung offenbar auch Sinn (lacht).

Danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Alexander Raphael Bauer.

Veröffentlicht: 06.01.2012
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