Doch was ist das Besondere am investigativen Journalismus, abgesehen von der Mehrarbeit der Journalisten? Autor Manfred Redelfs nennt drei Hauptmerkmale: die aktive Rolle des Reporters, die gesellschaftliche Relevanz und die Recherche gegen Widerstände und Barrieren. Auf die Frage, inwiefern sich die Arbeit eines Investigativ-Journalisten von der eines nicht-investigativ arbeitenden Journalisten unterscheidet, liefert die Studie "Investigativer Journalismus in Deutschland" das Ergebnis, dass neben dem deutlich höheren Zeitaufwand, auch ein Unterschied in der Heranziehung der Quellen besteht. Dokumentenrecherche spielt beispielsweise eine wichtige Rolle, da Gerichts- und Presseunterlagen, Ermittlungsakten, Papiere aus nicht-öffentlichen Sitzungen und Gremien sowie vertrauliche Unterlagen als Informationsquellen genannt werden. Auch auf charakterliche Besonderheiten verweist die Studie, da es einer starken Affinität bedarf, ein Thema lange Zeit zu bearbeiten und zahlreiche Quellen hinzuzuziehen. Die Motive, die investigative Journalisten zu dieser Form des Journalismus bewegen, sind vor allem idealistischer oder spaßorientierter Natur. Pragmatische, karriereorientierte oder finanzielle Beweggründe spielen eine untergeordnete Rolle.
"95 Prozent ist Fleiß"
Hans Leyendecker relativiert derartige Klassifizierungen jedoch und betont, dass im Grunde jeder Journalist investigativ arbeiten kann, denn "95 Prozent des Erfolgs beruhen auf Fleiß." Eine idealistische Arbeitseinstellung ist jedoch sicherlich allein deshalb vonnöten, weil man oftmals seine Freizeit für ausführliche Recherchen opfern muss. Zudem ist ein gewisses Risiko mit dieser Journalismusform verbunden.
Der wohl bekannteste investigative Journalist wurde 1949 geboren. Ab 1979 arbeitete er 18 Jahre lang beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Bekannt wurde er durch die Aufdeckung der Flick-Affäre im Jahr 1982. Es folgten weitere Enthüllungen, die FDP-Politiker Lambsdorff, CDU-Politiker Späth und den Spendenskandal um Helmut Kohl betrafen. Zahlreiche Auszeichnungen wie der Gustav-Heinemann-Bürgerpreis und der Erich-Fromm-Preis wurden ihm verliehen. Er ist Gründungsmitglied und zweiter Vorsitzender des Netzwerk Recherche. Seit 1997 arbeitet er als leitender politischer Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung.
Massive Drohungen
Denn Versuche von Betroffenen, investigative Recherchen zu blockieren und sich gegen Veröffentlichungen zur Wehr zu setzen, sind zahlreich und reichen von rechtlichen Mitteln über massive Drohungen. Dabei betont Volker Steinhoff, Redakteur bei "Panorama", in der Studie von Ingmar Cario: "Rechtliche Sachen sind eigentlich Standard. Das haben wir immer wieder". Simone Wendler, Chefreporterin der Lausitzer Rundschau, berichtet dagegen auch von persönlichen Drohungen: Bei ihrer Recherche zur Korruption in der Cottbusser Baubranche habe sie eine Morddrohung auf ihre Mailbox erhalten.
Jedoch besteht durchaus Hoffnung, den vorhandenen Nachholbedarf in Sachen "Aufdeckungsjournalismus" zukünftig zu kompensieren. Es haben sich bereits einige Initiativen und Interessenverbände wie beispielsweise das bereits genannte Netzwerk Recherche, das Whistleblower-Netzwerk und das Sportnetzwerk zusammengefunden, um für den Recherche- und Qualitätsjournalismus einzutreten. Neue Gesetze wie das bundesweite Informationsfreiheitsgesetz (IFG) stärken zudem den Recherchejournalismus in Deutschland. Vergleichbar mit dem "Freedom of Information Act", den es in den USA seit den 60-er Jahren gibt, wird das IFG wohl auch etwas Anlaufzeit benötigen, um bemerkbare Auswirkungen zu erzielen.
Die Studie "Bedingt ermittlungsbereit" empfiehlt der Tagespresse, auf solchen Gesetzen aufzubauen und sich hartnäckig den Informationszugang zu erstreiten. Auch in der Volontärausbildung hat die Recherche noch einen zu geringen Stellenwert. Ein größeres Aus- und Fortbildungsangebot könnte den Weg in die richtige Richtung ebnen.
Mehr Preise für Rechercheleistung
Doch ist bereits eine verstärkte öffentliche Anerkennung für Rechercheleistungen spürbar, was an zahlreichen für Recherche vergebenen Journalistenauszeichnungen, wie dem Wächterpreis und dem Henri-Nannen-Preis deutlich wird. Zu guter Letzt noch ein gut gemeinter Rat des Gurus unter den Investigativ-Journalisten: "Lasst euch von den alten Zynikern nicht kaputtmachen." (Zurück)
Studie "Bedingt ermittlungsbereit"
Presseinformation zur Studie "Bedingt ermittlungsbereit"
Studie "Die Deutschland-Ermittler"
Studie "Investigativer Journalismus in Deutschland"
Text: Raphaela Spranz
Karikatur: Roger Schmidt (www.karikatur-cartoon.de)
Fotos: flickr.com/Jacob Bøtter, pixelio.de/Antje Delater, pixelio.de/Marianne Hauck, netzwerkrecherche.de
Teaserfoto: NDR.de/Wolfgang Borrs


