
Epilog: Das Abschlussgespräch
"Ich wusste gar nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Es war so viel, dass ich zwei Tage nur geheult habe." Valentina Bechir nahm Abschied vom Forum, von Second Life und den Menschen, die sie dort umgaben. Im Abschlussgespräch erzählt sie, welche enormen Folgen dieser Abschied hatte, was sie ihrem Freund gegenüber empfand und ob der Rückzug aus der virtuellen Welt wirklich endgültig ist.
Martin Gehr: Sag mal, wenn deine virtuelle Liebe länger unentdeckt geblieben wäre: Wie weit hättet ihr es noch ausufern lassen? Im Abschiedsbrief steht, dass Adriana beinahe deine Trauzeugin geworden wäre.
Valentina Bechir: Sienna und ich wollten uns in SL verloben und heiraten. Wir haben daraus kein Geheimnis gemacht und uns Plätze ausgesucht. Ich hatte schon tolle Ideen für eine Verlobungsfeier. Wir wollten nur die allerbesten Freunde dazu einladen. Die Hochzeit, die Sienna planen wollte, sollte indes eine Sim sprengen! Mit seeehr vielen Leuten. Wir hätten getestet, wie viel so ein Sim-Server aushält.
In der Nacht, als ich aufgeflogen bin - so hat mir mein Bruder das später erzählt - suchte Sienna gerade Hochzeitskleider aus. Lustig, ich dachte immer, wir würden in Hosen heiraten, weil wir sie beide anhatten - sinnbildlich. Es gab sogar einen Termin für die Verlobung: 11. August. Das hatten wir vier Wochen vorher festgelegt. Aber ein paar Tage später war alles vorbei.
M: Dass du schließlich durch deinen Kontrollverlust aufgeflogen bist, kam für dich aber sicher nicht völlig überraschend, oder? Ein Unbehagen in deiner Liebe zu Sienna musst du doch schon früher gespürt haben. Irgendwann kommt doch das Gefühl: "Das ist ernst und mein Freund weiß nichts davon und also ist es Betrug."
V: Das war, als Sienna und ich zum ersten Mal auf der Plattform standen. 600 Meter über Stadt. Unter uns die Lichter von Tropicana. Romantische Musik. Niemand sonst – außer meiner besten Freundin Adriana – kannte diesen Ort. Ich hatte alles schön vorbereitet: die Plattform mit Tanzfläche gebaut und Animationsbälle gekauft. Wir haben dort bis morgens um vier Uhr getanzt und geredet. Und am Frühstückstisch, also in der realen Welt, hatte ich den Anflug eines schlechten Gewissens.
M: Wie du in den Abschlusskapiteln schreibst, hast du darauf reagiert, indem du versucht hast, die Gedanken abzuschütteln, sie aber immer wiederkehrten. Zu diesem Zeitpunkt und mit dieser Intimität hattest du kein Vertrauen mehr, mit deinem Freund darüber zu sprechen. Aus Angst?
V: Angst nicht - Unsicherheit. Ich wusste, dass etwas mit mir passiert, das ich nicht mehr lange zu kontrollieren in der Lage sein würde. Ich hatte noch nicht einmal Angst, aufzufliegen; ich fühlte mich ja geschützt. Aber zwei Dinge erschütterten meine Selbstwahrnehmung enorm: Zum einen, dass ich solche intensiven Gefühle in einer virtuellen Welt entwickelte und zulassen konnte. Ich hatte es zuvor immer abgestritten, dass es möglich ist, in einer virtuellen Welt zu lieben. Zum anderen, weil ich eine neue Seite an mir entdeckte: die Liebe zu einer Frau als Produkt meiner Vorstellung.
"Je mehr ich schrieb und las, desto mehr liebte ich"
M: Du hast im ersten Kapitel noch gesagt, du seiest eine Frau fern jeder Realitätsflucht. Du würdest den Unterschied der Ebenen kennen. Hast du diesen Unterschied zuletzt wirklich wahrgenommen?
V: Nein, natürlich nicht. Am Ende war alles eins. Aber: Was davon war Realität und was nicht? Meine Realität heute ist die, dass ich als ein vor dem Rechner sitzender Mensch mich in einen anderen, ebenfalls vor dem Rechner sitzenden Menschen verliebt habe. Rein durch Texte. Ovid notierte einst: Aufrichtig liebt, wem's gelang, sich selbst in Feuer zu sprechen. Ich würde das gerne um das Schreiben ergänzen. Je mehr ich schrieb und las, desto mehr liebte ich.
M: Warst du nicht glücklich mit deinem Freund, dass du dich in Second Life so fallen gelassen hast?
V: Darüber habe ich lange nachgedacht. Nein, ich glaube nicht, dass wir glücklich waren.
M: Wie lange wart ihr zusammen?
V: Fast zwei Jahre. Wir haben zusammen in meiner Wohnung gelebt.
M: War der Schmerz, dich von Sienna zu trennen, also größer als deinen Freund zu verlieren?
V: Das konnte ich gar nicht auseinanderhalten; ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich war so am Ende, dass ich mein Heil in der Flucht nach vorne gesucht habe. Ich hätte mich ja jetzt für eine(n) von beiden entscheiden können. Aber es blieb nur ein drastischer Schnitt. So habe ich mich von Sienna getrennt, weil es niemals eine Zukunft gegeben hätte. Und ich ließ meinen Freund gehen.
"Ich wusste gar nicht, wohin mit meinen Gefühlen"
M: Dein Abschied von Second Life hat seit Mitte Juli sehr emotionale Reaktionen ausgelöst – bei dir, aber auch bei deinen Freunden und bei den Forenmitgliedern von SLinside. Kannst du mir mehr über die Erlebnisse nach deinem Abschied erzählen?
V: In den ersten Tagen danach war ich von vielen Gefühlen überwältigt. Da war zunächst die Erkenntnis, dass ich Sienna verlieren würde. Dann das Gefühl, meinen damaligen Freund nicht halten zu können, weil ich jede Bindung zu ihm verloren hatte. Dann die Trauer, vielen Menschen, die ich liebgewonnen hatte, den Rücken kehren zu müssen. Zuletzt kamen die Menschen aus dem Forum mit ihrem Trost. Ich wusste nicht, dass ich bei ihnen einen solchen Stand habe, dass sie sich offen dazu bekannten und mir private Messages schickten - vor allem die Menschen, die ich nicht mal kannte. Dann haben mir Freunde in SL auch noch Rosen neben meinen Schuhladen gestellt. Eine schwarze und eine rote. Das war ganz schön heftig, als ich sie vor dem Eingang zum Geschäft entdeckte.
Das war alles so gewaltig, dass ich zwei Tage nur geweint habe. Ich war, was Gefühle angeht, so überreizt, dass ich gar nicht wusste wohin mit mir. Oder wohin mit meinem Gefühlen. Es war einfach zu viel geworden. Du kannst so viele Gefühle auf einmal gar nicht verarbeiten.
"Es ist mir zu echt geworden"
Seinen abschließenden Höhepunkt fand dieser Weg in der Nacht vom 7. auf den 8. August. Ich war noch einmal ins Grid gegangen, um ein paar Menschen Lebewohl zu sagen. Mit Mia war das schon schwer. Aber sie ist verständnisvoll und stark. Sie war traurig, hat es aber verstanden. Am schwersten ist mir das bei Adriana gefallen. Vor allem, weil sie es mir gesagt hat. Wir saßen dort in dem neuen Haus (Adriana ist umgezogen) und sie sagte: "Du kommst nicht mehr zurück, oder?"
Das gab mir einen nicht zu beschreibenden Stich ins Herz. Mir stiegen augenblicklich die Tränen auf. So stark, dass ich den Bildschirm nur noch verschwommen sah. Ich musste mir ständig mit dem Ärmel die Augen trocknen. Das war eine ganz leise und intensive Trauer. Man kann sie vergleichen mit der Trauer, die du am Grab eines Freundes spürst. Auch, wenn wir uns in RL schreiben und wahrscheinlich begegnen werden: So intensiv, wie wir es in den vergangenen Wochen taten, wird es nie wieder sein.
M: Meinst du wirklich? Wenn ihr euch auch in RL trefft, wenn ihr vielleicht eine langjährige Freundschaft aufbaut, kann noch sehr viel mehr Zusammengehörigkeit entstehen.
V: Sicher könnte daraus eine erprobte Freundschaft werden. Aber wir werden nie mehr so unbefangen miteinander umgehen wie in der Zeit in Second Life ... Mir ist schon wieder fast zum Heulen – scheiße, oder? Ich muss wirklich Abstand gewinnen und fliege deshalb jetzt auch einige Wochen in Urlaub. Weit weg von allem. Ich habe Adriana zwar noch nie richtig gesehen oder gehört. Dennoch ist sie mir so nah, als wären wir langjährige Freundinnen. So wie mit ihr, geht es mir auch mit ein paar anderen Menschen und Situationen. Und auch aus diesem Grund musste ich aussteigen: Es ist mir zu echt geworden. Ergibt das einen Sinn für dich?
M: Es könnte ein Widerspruch sein: Du beendest dein "zweites Leben", weil es dir zu echt geworden ist, willst Adriana und Mia aber in RL treffen. Allerdings klingt das auch wie eine Erleuchtung: Das virtuelle Leben ist und bleibt eine Illusion, wenn nicht gar eine Farce. Also ist es wichtig, die Menschen, zu denen man eine starke Bindung entwickelt hat, mit allen Sinnen zu treffen und zu erfahren. In der Wirklichkeit. Das ist es, was zählt. Kommt das hin?
V: So hart will ich es nicht ausdrücken. Aber ich fühle mich beinahe erwischt! :-)
"In SL vergeht die Zeit in zehnfachem Tempo"
M: Dein Abschied ist also endgültig, ja?
V: Ich habe drei Wochen, nachdem ich mich im Forum verabschiedet und immer wieder versucht habe, kurz im Grid zu sein, aus einem "Auf Wiedersehen" ein "Lebe wohl" gemacht. In den ersten Tagen nach dem "Aus" habe ich mich noch manchmal eingeloggt. Für eine Stunde oder zwei. Dann besuchte ich Orte, an denen ich früher gerne war. Ich stellte dabei fest, dass SL noch schnelllebiger ist, als ich das schon immer angenommen hatte. Da sind ganze Sims verschwunden, auf denen vor ein paar Wochen noch die Hölle los war.
M: Wie schnell vergeht die Zeit in SL? Nach deinem Zeitgefühl?
V: Wenn ich einen Vergleich anstellen müsste, würde ich meinen, mit fünf- bis zehnfacher Geschwindigkeit. Nach vier Monaten im Grid hatte ich oft die Vorstellung, Menschen schon jahrelang zu kennen. Ich hatte immerhin innerhalb von vier Wochen eine Beziehung mit allen Höhen und Tiefen hinter mir.
M: Und was ziehst du persönlich als Erkenntnis aus deinem Weg durch SL?
V: Ich denke, ich habe mit meiner Geschichte gezeigt, dass man sich verlieren und Grenzen übertreten kann. Ich habe daraus gelernt, dass ich genau das nicht unter Kontrolle habe. Mir wird es kein zweites Mal passieren. Ich bin raus aus "dem Spiel".
Der Wunsch nach Unbeschwertheit
M: Du hast dich verloren, weil du deinen Schutz aufgegeben hast, um jemanden ganz nah an dich herankommen zu lassen. Das klingt, als ob deine Schutzmechanismen im wirklichen Leben sehr ausgeprägt sind.
V: Ich musste mir in RL einen wirksamen Schutz zulegen. Unter anderem, weil mein Job eine besondere Art Abwehr erfordert. Als Frau in der Baubranche wirst du schnell auf ein Objekt reduziert. Da kannst du noch so fähig sein. Ich habe also ein ausgeprägtes Schutzsystem, bei dem alle Antennen sofort an sind, wenn etwas auch nur ein bisschen auffällig ist.
Das Problem dabei ist: Ich lasse niemanden an mich heran, bleibe unverbindlich. Das ist oft hinderlich. Ich habe in Second Life gelernt, diesen Schild abzulegen. Nur am Ende war er nicht rechtzeitig wieder in Funktion.
Ich muss sagen, dass ich in RL lange nicht mehr geweint habe. Bis zum Abend des Abschieds. Jetzt passiert mir das andauernd. Und weißt du was? Es tut mir gut. Ich spüre auf einmal viel intensiver. Dass mir in den vergangenen Wochen die meisten Abschiede so schwer zu schaffen machten, nehme ich dafür gerne in Kauf.
M: Valentina, du fliegst jetzt in Urlaub, um dich frei zu machen von der Intensität der vergangenen Wochen und neue Kraft zu gewinnen. Was wünschst dir außerdem – für dich?
V: Unbeschwertheit und Ausgewogenheit. Einen klaren Blick auf die wichtigen Dinge. Ja, den hätte ich gerne. Und die Kraft, mich immer wieder selbst zu beobachten.
M: Dann wünsche ich dir, dass du wieder zu dir findest. Und eine wunderschöne Zeit. Mach’s gut, Valentina.
V: Ich danke dir. Der Weg war aufreibend - aber sehr bereichernd! Denn ich habe Second Life immer als neue Lebenserfahrung begriffen.
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Interview: Martin Gehr; Fotos: Valentina Bechir/Second Life
Kontakt: mythenlebenmedien-monitor.com








