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Ende eines ambitionierten Projekts

Mit hoher Erwartungen startete die ONZ Obwalden und Nidwalden Zeitung im April 2010. Sie sollte als erster Ableger des Mikrozeitungs-Originals Jungfrau Zeitung zeigen, dass das Konzept funktioniert. Nach knapp zwei Jahren ist jetzt Schluss.

Mit dieser Karikatur nahm der Schweizer Karikaturist Swen Abschied von der ONZ.

Die E-Mail kam am Donnerstag (1.März) um 8.05 Uhr. Der Verlag Gossweiler Media AG kündigte im Betreff eine "wichtige Mitteilung" an. Was dann folgte, überraschte die Medienredaktionen in der Schweiz und Deutschland: "Mittels Medienmitteilung erfährt die Öffentlichkeit heute Vormittag, dass die ONZ Obwalden und Nidwalden Zeitung als erste Lizenzausgabe des Modells Mikrozeitung morgen (Freitag) zum letzten Mal erscheint." Im Anhang fügte der Verlag die entsprechende Berichterstattung der hauseigenen Jungfrau Zeitung in eigener Sache bei.

Demnach hat der Verwaltungsrat der Mikrozeitung in den Schweizer Kantonen Obwalden und Nidwalden beschlossen, das Unternehmen zu schließen und eine geordnete Liquidation einzuleiten. Nach der letzten gedruckten Ausgabe der ONZ sollten kurze Zeit später auch alle Online-Kanäle, auf denen die Zeitung sämtliche Inhalte publiziert, abgeschaltet werden. Damit ist die ONZ nach knapp zwei Jahren am Schweizer Zeitungsmarkt Geschichte.

Ziele bei Abos und Werbeeinnahmen verfehlt

Thomas Gasser musste das Ende der ONZ bekanntgeben.

Zu den Gründen für diesen Schritt nahm Verwaltungsratspräsident Thomas Gasser auf der ONZ-Homepage ausführlich Stellung. Die kommerzielle Entwicklung der Zeitung habe mehr Zeit benötigt als ursprünglich angenommen. "Zwar blieben die Ausgaben stets im Rahmen des Budgets, weil aber die Werbeeinnahmen und die Einnahmen aus den Abonnements deutlich unter den Erwartungen lagen, steht die ONZ Obwalden und Nidwalden Zeitung AG vor der Überschuldung", schrieb Gasser. Zuletzt abonnierten rund 3000 Leser die Printausgabe der Zeitung. Der Businessplan sah aber 8000 Abonnenten im dritten Geschäftsjahr vor. Auch im Werbemarkt konnte die ONZ ihre Ziele nicht erreichen. Die Einnahmen seien ein Drittel unter den geplanten geblieben, so Gasser. "Die Werbekunden engagierten sich von Beginn weg nur sehr zögerlich bei der ONZ, das sehr aktive Verkaufsteam wurde betreffend Inserateschaltungen immer wieder auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet."

Mitverantwortlich dafür, dass sich die ONZ wirtschaftlich nicht etablieren konnte, war nach Auffassung des Verwaltungsrates die "gute und schnelle Reaktion" der Konkurrenz. In der Region erscheinen zwei Regionalausgaben der Neuen Luzerner Zeitung (LZ), die Neue Obwaldner Zeitung und die Neue Nidwaldner Zeitung. Die LZ "verbündete sich zuletzt mit den im Markt vorhandenen Gratisanzeigern und eröffnete mit Kombi-Angeboten einen Preiskampf, in dem die ONZ trotz Korrekturen an der eigenen Preisgestaltung schlicht chancenlos war", erklärte Gasser.

Die Mitteilung von Verwaltungsratspräsident Thomas Gasser zum Ende der ONZ erschien auf der Homepage der Zeitung. Die Seite ist in Kürze offline. Den Wortlaut finden Sie deshalb hier.

Pia Ryser-von Matt schrieb am gleichen Tag einen emotionalen Leserbrief, in dem sie die Frage stellte, wer sie in Zukunft über Geschehnisse in der Region informieren soll. Den Wortlaut können Sie hier nachlesen.

Auch publizistisch sagte die LZ dem neuen Angebot den Kampf an. Seit dem Start der ONZ hätten die Zeitungen ihr Angebot von damals zwei auf heute bis zu acht Lokalseiten ausgebaut, schrieb die Jungfrau Zeitung. Immerhin habe die Konkurrenz durch die ONZ die Qualität und den Umfang der Berichterstattung in Obwalden und Nidwalden gesteigert.

Für die 17 Angestellten bedeutet das Aus der Mikrozeitung zunächst die Arbeitslosigkeit. Ihnen wurde zum Ende Februar gekündigt, teilte der Verwaltungsrat mit. "Obwohl man schon wusste, dass es nicht rund läuft, waren die Leute schockiert", sagte ein ONZ-Redakteur dem Schweizer Blick, "Vor allem, weil das Ende so plötzlich kommt. Es sind viele Tränen geflossen."

"Klare unternehmerische Niederlage"

Vater des Konzepts Mikrozeitung: Urs Gossweiler.

Ähnlich gedrückt ist auch die Gemütslage bei Urs Gossweiler, dem Vater des Konzepts Mikrozeitung und Lizenzgeber der ONZ. "Die Enttäuschung ist riesengroß, das ist eine klare unternehmerische Niederlage", sagte Gossweiler am Freitag (1.März) gegenüber Medien Monitor. Den Hauptgrund für das Scheitern in Obwalden und Nidwalden sieht Gossweiler, der bei der ONZ im Verwaltungsrat saß, ebenfalls im Werbemarkt, der nicht in dem Maße investiert habe, wie man erwartet habe. Man habe nicht damit gerechnet, dass die Konkurrenz der ONZ "mit Kanonen auf einen Spatz schießt", so Gossweiler. "Man wollte wohl ein Exempel statuieren, damit sich das Modell ja nicht weiter entwickelt. Aber dass mit harten Methoden gearbeitet wird, ist auch eine Auszeichnung für unser Modell."

Noch fließt nach Gossweilers Auffassung der größte Teil der Schweizer Werbebudgets in die Zeitungen. Das werde sich aber über kurz oder lang ändern. "Dann entstehen neue Möglichkeiten, ob mit oder ohne Mikrozeitung."

Die anstehenden Herausforderungen nach dem Rückschlag sind für Gossweiler klar: "Erste Priorität hat die ordentliche Liquidation der ONZ AG. Wir sind mit Anstand rein und gehen mit Anstand wieder raus." Außerdem müsse nun das Geschäftsmodell der Jungfrau Zeitung gesichert und weiter in das Modell Mikrozeitung investiert werden.

Mehr zum Thema

Die Zeitschrift Schweizer Journalist berichtete über die Lancierung der ONZ Obwalden und Nidwalden Zeitung.

Urs Gossweiler wandte sich in einem persönlichen Kommentar zum ONZ-Aus an die Leser der Jungfrau Zeitung.

Die Einstellung der ONZ stieß in der Schweiz auf ein großes Medienecho: zum Beispiel bei NZZ Online, bei der Boulevardzeitung Blick oder auch bei der ONZ-Konkurrentin Neue Luzerner Zeitung.

"Nur wer etwas riskiert, kann scheitern" stellt die Medienwoche in ihrer Berichterstattung zur ONZ fest.

Text: Gregor Hofmeyer
Karikatur: Silvan Wegmann
Fotos: Mike Balmer / Gossweiler Media AG

Veröffentlicht: 03.03.2012
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