Einstieg
ährt im Lebensrhythmus des Bergwerks eine neue Schicht unter Tage, so wandelt sich dadurch die Grube nicht. Menschen lösen Menschen ab. Sie kommen und gehen und kommen wieder. Ihre berufliche Identität und die des Bergbaus bleiben im Wesentlichen unverändert. Kohle und Stahl formten für mehr als ein Jahrhundert das Selbstverständnis der Region entlang der Ruhr.
Rohstoffe und Arbeit führten Menschen aus ganz Europa zusammen, warfen sie in einen Schmelztiegel, aus dem eine einzigartige Legierung hervorging: vielfältig, bunt, offen, mit Ecken und Kanten, nie ganz fertig, immer in Arbeit. Ein eigener Mythos entstand. Er integrierte Orte, Räume, Menschen und Kulturen. Der Schichtwechsel, den das Ruhrgebiet nun vollzieht, berührt seine Identität im Wesenskern. Die Zeit der Bergwerke ist vorüber. Alte Zechen werden geschliffen oder in Kultur- und Erinnerungsräume verwandelt. Neue Industrien und unterschiedlichste Projekte wachsen, füllen zu kleinen Teilen das aufgerissene riesige Loch.
Das Revier häutet sich, ohne dass bereits ein neues Muster erkennbar wäre. Und vielleicht wird es eine spezifische Identität dieses Landstrichs im Herzen Nordrhein-Westfalens nie mehr geben. Was ist vom Mythos Ruhrgebiet geblieben? Wie leben Menschen in dieser Region, die sich so radikal wandelt? Was entsteht neu, was transformiert sich? In "Schichtwechsel", einem journalistischen Projekt am Institut für Journalistik der TU Dortmund, gehen wir - Katharina Bons, Anton Kurenbach, Natalie Helka, Theresa Krupp, Ulrike Sommerfeld, Christine Veenstra - diesen Fragen nach.
Wir suchen Spuren und folgen ihnen ein Stück weit. Was wir zusammentragen, wird nicht für das Ruhrgebiet in seiner ganzen Breite stehen. Und doch drückt jede Geschichte etwas von seiner Unverwechselbarkeit aus. Schreiben Sie uns, wenn Sie einen persönlichen Beitrag zum Mythos Ruhrgebiet haben oder ihre eigene Geschichte erzählen wollen. Wir freuen uns über jede Reaktion, sei sie von hier aus der Region oder von "Außen", wo man gelegentlich mit einer Mischung aus Respekt und Mitleid auf das Land blickt, das Ruß, Bier und Fußball berühmt gemacht haben.
Claus Eurich



