Fundstück
Ein deutscher Staatsakt
Man könnte denken, er sei gestorben: Fünfminütiger Aufmacher in den heute-Nachrichten, ein ZDF spezial, eine Sportschau extra: Traurig dreinblickende Gesichter, ernste Mienen, Empörung, Fassungslosigkeit. Die Euro-Krise kann einpacken, wenn der "Knöchel der Nation" auf Krücken daher humpelt: König Fußball regiert die Welt!
Dortmund. Es wirkt fast schon entschuldigend, wie Moderator Steffen Seibert den ersten Beitrag der heute-Nachrichten am 17. Mai ankündigt. "Ausnahmsweise" gehe es zuerst um einen Fußballer-Knöchel. Der Zuschauer könnte fast den Eindruck gewinnen, dass Seibert selbst mit der Themenpositionierung nicht so ganz glücklich war. Und die Wahrscheinlichkeit, dass hinter den Kulissen über den Fußball-Einstieg in eine überregionale Nachrichtensendung kontrovers diskutiert wurde, ist aus journalistischer Sicht unwahrscheinlich hoch. Das "fatale Foul" (O-Ton Seibert) von Kevin-Prince Boateng und die desaströsen Konsequenzen für die Nationalmannschaft stehen ganze fünf Minuten (!) im Mittelpunkt der Nachrichtensendung aus aller Welt.
Was sind schon die Euro-Krise, die Unruhen in Bangkok und die Regierungsverhandlungen in Nordrhein-Westfalen? Wenn der "Capitano" nicht mit zur WM fährt, ist das ein deutscher Staatsakt, dem der gebührende Platz eingeräumt weden muss. Letzteres ist deshalb besonders einfach, weil zu diesem Thema wirklich jeder etwas sagen kann. Ob Golden-Goal-Getter Oliver Bierhoff, Bayern-Manager Uli Hoeneß, BVB-Trainer Jürgen Klopp oder Sportschau-Experte Mehmet Scholl: Alles, was irgendwie Rang und Namen hat, durfte vors Mikrofon treten und den meist überaus betroffenen Experten mimen. Und zwar überall. Der Abend des 17. Mai 2010 stand ganz im Zeichen von König Fußball. Der Anstoß erfolgte um 19 Uhr mit den heute-Nachrichten und direkt im Anschluss gab es mit dem ZDF spezial den ersten Höhepunkt. Nach der Halbzeit konterte die ARD mit der Tagesschau und einer Sportschau extra. In der Nachspielzeit konnte sich das ZDF aber mit dem heute journal am Ende verdient durchsetzen. "Wir beginnen das heute journal ja selten mit Fußball, aber heute herrscht Ausnahmezustand", erklärt Klaus Kleber zu Beginn der Sendung.
Entschuldigung, aber... "Ausnahmezustand"!? In Bangkok herrscht gerade der Ausnahmezustand, aber ist es richtig, bei der schönsten Nebensache der Welt vom "Ausnahmezustand" zu sprechen? Das größte Problem haben wohl Ballacks Sponsoren, die mit ihm rund zehn Werbespots gedreht haben und sich jetzt fragen müssen, ob sie die Clips direkt in die Tonne kloppen sollen. Die Fakten: Ballack hat ein gerissenes Innenband und eine beschädigte Syndesmose im Bereich des rechten Sprunggelenks. Was das genau bedeutet? Er fällt für die WM aus. Punkt. Ballack ist außerdem der Kapitän. Er fällt also auch als Kapitän aus. Punkt. Sonst erfreut sich der sächselnde Görlitzer aber an bester Gesundheit. Wozu die Aufregung? Bei der medialen Inszenierung von Ballacks Verletzung fehlte nur noch eine Ansprache von Angela Merkel vor dem Bundestag zum Zustands des "Knöchels der Nation". Doch auch die Rekonstruierung der Ungewissheit bei Spiegel Online wirkt wie eine Parodie seiner selbst. Die wichtigsten Fragen des Artikels: Hat Joachim Löw schon mit Michael Ballack telefoniert? Wie hat sich der besorgte Bundestrainer zu welchem Zeitpunkt gefühlt? Sehr zu empfehlen ist an dieser Stelle auch das aus psychologischer Sicht tiefschürfende SWR-Meisterwerk "Ein Blick in das Seelenleben von Michael Ballack" (5:33 Minuten):
Alles für die Quote? Alles für die Katz!
Es heißt ja immer, dass sich im Leben alles rächt. In Ballacks Fall kann man das mit Fug und Recht behaupten: Unabhängig von der kritischen Auseinandersetzung vieler Medien mit den fragwürdigen Selektionskriterien bei der ARD und dem ZDF hatten die beiden Sender mit ihren Sonderformaten obendrein keinen besonderen Erfolg: Wäre Ballacks WM-Aus im Ersten als ARD-Brennpunkt und nicht als Sportschau extra gelaufen, dann hätte die Sendung die zweitschwächste Quote seit Januar 2009 eingefahren. Ähnlich das Ergebnis beim ZDF: Unter 43 ZDF spezials seit 2009 erreicht Ballacks WM-Aus mit 2,5 Millionen Zuschauern einen grandiosen 36. Platz.
Falls die Programmverantwortlichen also auf König Fußball als Selbstläufer spekuliert haben sollten, dann ist der Schuss deutlich nach hinten losgegangen. Um im platten Fußballjargon zu bleiben: Eigentor! Dafür schenkten die anderen Medien dem - Achtung! - "Fehltritt" der beiden großen öffentlich-rechtlichen Anstalten aber wiederum so viel Aufmerksamkeit und negative Kritik, dass sich die Sondersendungen in der - Achtung! - "Nachspielzeit" doch noch auszahlen könnten. Denn alleine durch den Autor dieses Artikels wurden den Online-Auftritten beider Sender mit einem Schlag jeweils rund 50 Klicks, sogenannte "Page Impressions", geschenkt. Dennoch kann es hinsichtlich Ballacks WM-Aus nur ein Fazit geben: Immer schön den Ball flachhalten!
Damit dieser Artikel nicht nur die Klickzahlen derer-deren-Namen-nicht-genannt-werden-dürfen in die Höhe treibt, sondern einen journalistischen Mehrwert bietet, gibt es zum Abschluss eine Grafik der Kollegen von Zeit Online mit auf den Weg: Hier können sich alle Sportmedizin interessierten User einen Überblick verschaffen, wo genau Ballacks verletztes Syndesmoseband überhaupt liegt. Es gehört zum oberen Sprunggelenk und ist dafür zuständig, den Fuß zu strecken und zu beugen.
Text: Stefan Burkard
Screenshots: Stefan Burkard
Video: YouTube
Grafik: AFP / Tsp/Bartel / ZEIT ONLINE Grafik



