Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Selbstversuch

Ein Tag voll Social Media

Social Media ist längst angekommen in Deutschlands Zeitungsredaktionen. Es wird getwittert und gepostet, was das Zeug hält. Aber was haben Twitter und Facebook wirklich verändert in der virtuellen Beziehung zwischen Nutzer und Redaktion? Und welchen Mehrwert kann das Web 2.0 zur Print-Ausgabe oder der Homepage bieten? Eine zehnstündige Spurensuche.


Donnerstag, 26. August:

8 Uhr: Die Süddeutsche scheint am Morgen immer noch so begeistert von der Kreativität des Vortags zu sein, dass sie ihre Überschrift aus dem Print 1:1 bei Twitter in die Tasten haut bzw. copy-pastet: "Alphatier trifft Alphatierchen - von der Leyen gegen Schröder".

8:01: Offensichtlich sind die Redaktionen noch dermaßen damit beschäftigt, ihre Print-Überschriften fehlerlos zu übernehmen, dass für Facebook bisher keine Zeit bleibt.

8:03: Auffällig: Die Redaktion der Welt setzt bei Twitter auf einen lockeren Tonfall ("Wehrpflicht für die Jungs raus, Pflichtdienst für alle rein"), die FAZ twittert im nüchternen Nachrichtenstil ("Brennelemente-Steuer: Streit über Abgaben für Atomwirtschaft spaltet Koalition"). Besonderes Bonbon: immer schön den Namen vom Autor mit in die 140 Zeichen packen.

SPIEGEL ONLINE

Twitter: Umfassende Infos bieten SPIEGEL_EIL (50.831 Followers), SPIEGEL_Top (26.469) und SPIEGEL_alles (8.998). Dazu gibt's Links aus den einzelnen Ressorts: Die meisten Follower haben hier SPIEGEL_Wissen (10.658), SPIEGEL_live (9.118) und SPIEGEL_Netz (9.112).

Facebook: 83.220 User haben auf "Gefällt das" geklickt und sehen damit die News auf ihrer Startseite. Einziges interessantes Extra sind mehrere Fotos, die zeigen, wie sich das Layout der Website verändert hat.

8:04: DerWesten (das Portal der WAZ) hat schon vor zwei Stunden ein menschliches Lebenszeichen von sich gegeben ("Guten Morgen da draußen an den Empfangsgeräten! Kommt gut in den Tag. Wir sondieren schonmal die Nachrichtenlage"). Beim Rest scheint Twittern ohne Links und Twittern mit direkter Ansprache an die "Follower" ungefähr so beliebt zu sein wie der Kontakt mit Pressesprechern, 16-Cent-Zeilenhonorare oder Straßenumfragen. SPIEGEL ONLINE hat dafür allerdings einen eigenen Account: SPIEGEL_live, dort werden nur direkte Fragen an die User gestellt, die Links verweisen jedoch lediglich auf Diskussionen auf der Homepage.

9:13: Die Kollegen von der ZEIT durchsuchen ihr Archiv immer noch fieberhaft nach der Ausgabe vom Vortag. Offensichtlich ergebnislos. Die FAZ scheint mittlerweile zu der Einsicht gekommen zu sein, auch metaphorige Überschriften dürfen ruhig ohne Erklärung (aber mit Autorenname!!!) 1:1 getwittert werden: "Wirtschaft anders denken. Nicht mehr das Schwein im Sack kaufen."

9:24: Glück gehabt, liebe ZEIT. Heute ist ja Donnerstag, endlich kann der erste Link zu einem Artikel aus der Print-Ausgabe gepostet werden.

FAZ.NET

Twitter: Einen Nachrichtenüberblick gibt's bei FAZ_NET (1.703 Follower), FAZ_Topnews (8.909) und FAZ_Eil (1.390). 15 Ressorts haben außerdem einen eigenen Account. Am erfolgreichsten: FAZ_Politik (2.576), FAZ_Feuilleton (2.488) und FAZ_Wirtschaft (2.650).

Facebook: 5.965 Menschen "gefällt" die Seite der FAZ. Als Extra sind einige Blogs verlinkt (der erfolgreichste allerdings mit gerade mal 23 Followern).

10:18: Ein erstes Lebenszeichen bei Facebook: Die Süddeutsche postet ihre TV-Kritik von "Hart aber fair". Und endlich wachen auch die User auf (zur Erinnerung: Der Sinn von Social Media bzw. Web 2.0 lag ja mal bei der hochgelobten "Interaktivität"). In den Kommentaren zur Kritik fallen sogar einige Metaphern: "energiepolitischer Dinosaurier" oder "Selbstbeweihräucherung gemischt mit lächerlichen Hahnenkämpfchen".

10:30: Kollegen von der BILD sind jetzt auch wach.

10:50: FAZ lässt bei Facebook einfach ihren RSS-Feed über den Bildschirm laufen. Clever. Solange ein Thema über die Türkei ("Türkei gesteht Mitschuld an Journalistenmord") dabei ist, gibt's ja genug Kommentare, auch ohne große Anstrengung.

10:52: SPIEGEL ONLINE mit einer Fotostrecke namens "Der tiefe Fall...". Und nein, es sind nicht die üblichen Verdächtigen Merkel, Westerwelle, Rösler. Es geht auch nicht um Wasserfälle, verschüttete Bergarbeiter oder Bungee-Jumping. Nein, alles viel zu offensichtlich, SPIEGEL ONLINE hat mal wieder ganz tief gekramt und Jan Ullrich und Lance Armstrong wieder ins Leben gerufen.

11:21: DerWesten fragt mal nach: "Sind hier Eltern von Kindern, die kommende Woche eingeschult werden? Und wenn ja: Wieviel habt ihr für die "Erstausstattung" bezahlt?".

WELT ONLINE

Twitter: WELT ONLINE gibt ganz offen zu, auf welchen Kanälen live getwittert wird und welche Accounts einfach ihre Feeds einlaufen lassen. Aus den Redaktionen kommen die Infos auf weltonline (13.889 Follower), WELT_EIL (484), WELT_Style (802) und WELT_Wissen (689). Feeds laufen auf weiteren elf Ressorts.

Facebook: 5.535 Personen gefällt die Seite von WELT ONLINE, die Kollegen von WELT KOMPAKT haben 7.397 Menschen von sich überzeugt. Dort gibt es auch einige Extras wie Fotos von der Produktion der Blogger-Ausgabe sowie eine Umfrage unter dem Titel "Sind wir reif?". Als Antwortmöglichkeiten stehen zur Auswahl "Wir googlen die Öffnungszeiten vom Bäcker gegenüber", "Wir telefonieren mit Mama und checken dabei Mails", "Wir melden unsere Haustiere bei Facebook an", "Wir haben Musik für 21 Tage nonstop aber keinen Urlaub mehr", "Auf Twitter steht, dass bei Hanna die Wehen losgehen", "Wir haben online so viele Freunde, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen".

11:43: Endlich mal eine echte News: "Britney Spears - Sooo verliebt auf Hawaii". BILD.

11:45: Die FAZ hat heute schon zum zweiten Mal Roland Koch im Interview (zuletzt um 8:54). Respekt.

11:50: SPIEGEL ONLINE wird für großen Mut belohnt: Vor zehn Stunden haben die Redakteure doch tatsächlich mal gefragt, was die Nutzer eigentlich denken. Thema: Stuttgart21. Stand 11:50: Schon der 162. Kommentar.

12:00: Die Süddeutsche hat definitiv das Web 2.0 neu erfunden: User können online Comic-Bilder von ihren "Bundesliga-Göttern" tauschen. Social-Panini-Web.

Sueddeutsche.de

Twitter: Einen Nachrichtenüberblick gibt's bei sueddeutschede (14.836 Follower) und SZ_Eilmeldungen (808). Dazu haben 15 Ressorts eigene Accounts. Führend sind SZ_Kultur (2.427), SZ_Digital (2.034) und SZ_Politik (2.182).

Facebook: 13.350 Personen gefällt sueddeutsche.de. Als Extra soll ab dem 1. September eine Reise durch den Osten dokumentiert werden.

12:33: Endlich mal etwas wirklich Aktuelles, die Welt berichtet bei Facebook von der Situation in Stuttgart: "Die Lage am Hauptbahnhof spitzt sich zu. Aktivisten halten das Dach des Nordflügels besetzt". Dazu noch vier frisch geschossene Fotos.

13:11: Bei Eilmeldungen sind sie alle ganz vorne mit dabei: Welt Online sind die Ersten mit dem Urteil im Prozess um Nadja Benaissa. Auf den Plätzen folgen mit zwei- bis vierminütiger Verspätung: SPIEGEL ONLINE, DerWesten, FAZ und Zeit. BILD sucht wohl noch nach passendem Foto.

13:42: BILD sucht immer noch. Oder sie gucken weiterhin in der Dauerschleife das vor einer halben Stunde gepostete Video von dem Headbang-Unfall eines Black-Eyed-Peas-Fans in seinem Schlafzimmer. Vergnügen geht vor.

BILD.DE

Twitter: Nachrichten gibt's bei BILD_aktuell (12.233 Follower) und BILD_News (10.973). Außerdem wird aus 11 Lokal-Redaktionen getwittert, auch die Ressorts BILD_Bundesliga (12.438), BILD_Sport (5.360) und BILD_Promis (4.831) werden stark nachgefragt.

Facebook: 45.925 Personen haben den "Gefällt mir"-Button für bild.de geklickt. Nennenswerte Extras sind höchstens die 107 Videos.

14:12: Social-Media-Mittagspausen-Loch.

14:17: FAZ weiter in der Dauerschleife: Weil's so schön war, nochmal der gleiche Link wie vor drei Stunden zur Sarrazin-Debatte.

14:23: Zu früh gemeckert. Keine schlechte Idee jetzt von der FAZ: Erst ein Link zur "Energie für Großbritannien", dann ein Link zur "Kernenergie für Italien", gefolgt von "Energie für Frankreich".

15:30: Lange nichts mehr von Zeit Online gehört. Dafür jetzt mit einer Überraschung, mal keine Verlinkung auf einen eigenen Artikel, und auch noch locker flockig getweetet: "Momentan erheitert uns dann noch das Making Of des Ergo-TV-Werbespots bit.ly/aZxQ58 gefunden bei @mathiasrichel #highfidelity"."

ZEIT ONLINE

Twitter: zeitonline wird von 36.961 Followern gelesen, der automatische Twitterfeed zeitonline_all kommt auf 2.807 Follower. Bei den Ressorts liegen zeitonline_dig (Digital, 3.714), zeitonline_pol (Politik, 3.009) und zeitonline-kar (Karriere, 2.887) vorne.

Facebook: Die Seite von ZEIT ONLINE gefällt 29.851 Menschen. Auch hier kann der User in mehreren Fotos die Entwicklung der Homepage verfolgen.

16:49: Links über Links über Links. Und weil's so schön war, postet die FAZ jetzt zum dritten Mal den Text zu Sarrazin. Und zwar immer noch von einem Herrn namens Christian Geyer. Man stelle sich mal vor, eine Lokalzeitung würde alle drei Stunden ihren Bericht zum Kaninchenzüchterverein einfach nochmal posten.

16:50: Der Link zu Sarrazin funktioniert gar nicht. Aber bei Twitter kann ja alles schnell gelöscht werden.

16:58: Links über Links über Links. Nur DerWesten kümmert sich noch um die Wehwehchen seiner einzelnen Follower. Egal ob der eine auf der Suche nach einem Ticker der CL-Auslosung ist oder ein anderer fragt, warum nicht auch noch auf diesen oder jenen Livestream verwiesen wird.

18:02: Die FAZ erzählt was von einer Kolumne "Esspapier. Es geht auch ohne Elefantenhoden". Zeit, nach zehn Stunden das Twitter- sowie das Facebook-Fenster zu schließen.

FAZIT: Was bleibt nach 600 Minuten Non-Stop-Twitter und Facebook? Jede Menge News, jede Menge Links, aber ganz wenig Interaktivität. Den Button "Gefällt mir" haben sich die Redaktionen damit noch nicht ganz verdient.

DerWesten (Portal der WAZ)

Twitter: Der Hauptaccount DerWesten hat 17.135 Follower. Neben Lokal-Accounts für Dortmund, Bochum, Duisburg, Essen, Niederrhein und Sauerland, zieht vor allem DerWestenSport (1.824) Follower an.

Facebook: Im Vergleich zur Twitter-Follower-Zahl fällt die Zahl bei Facebook mit 2.638 verhältnismäßig gering aus. Im eingerichteten Forum findet sich nur ein einziger Beitrag.

Text und Screenshots: Anne-Kathrin Gerstlauer

Veröffentlicht: 02.09.2010
3 Kommentare
answer #1) Jannik homepage - 02.09.2010 - 11:05

Ich stehe gerade auf dem Schlauch: Heute ist doch Donnerstag, oder? Dass die Süddeutsche eine Kritik zu "Hart, aber fair" postet und die ZEIT Printartikel verlinkt, ist klar. Aber was ist mit den Meldungen ab 11:15 Uhr? Nachrichten aus der Zukunft?

answer #2) Anne-Kathrin Gerstlauer - 02.09.2010 - 11:49

Der Artikel wurde genau vor einer Woche erstellt, wegen den Semesterferien hat sich die Veröffentlichung etwas hingezogen, ich werde mal einen Hinweis einfügenzwinker Danke!

answer #3) Jannik homepage - 02.09.2010 - 11:51

Ok, das erklärt einiges. Dachte schon, ich wäre hier bei "Zurück in die Zukunft".zwinker

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