Wikipedia
Eigentlich ein kleines Wunder
Als "Spaßprojekt" war Wikipedia eigentlich gedacht - und mutierte zu einer kulturübergreifenden Institution, die das Wissen der Welt sammeln will. Seit seiner Entstehung hat sich ein regelrechter Kult in der Nutzer-Gemeinde entwickelt. Doch gerade in der deutschen Community läuft nicht immer alles glatt.
Jetzt gibt es erstmal ein Schnitzel mit Kroketten. Und ein kleines Pils, bitte! Unterm Tisch krabbeln die Kinder herum. Zum Luftholen kommen sie gerne mit großem Gekicher zwischen den Beinen der Erwachsenen hoch, aber bisher ist noch kein Glas zu Bruch gegangen. Wäre aber auch keine Katastrophe, ist ja eine Familiengaststätte hier.
Altena im Sauerland, Haus Pilling. Da fallen einem so Wörter wie "urig" ein. Das Hinterzimmer ist gerade groß genug für dreißig Personen, der lange Tisch ist vollbesetzt. Rundum sind lebhafte Diskussionen im Gange. Ein ganz normaler Stammtisch? Irgendwie schon - und dann auch wieder nicht. Hier sitzen keine Landwirte, Touristen oder Kegelbrüder. Hier sitzen Wikipedianer. Menschen, die Wikipedia nicht nur zum Nachschlagen benutzen.
Ganz normale Leute mit einem ganz normalen Hobby
100.000 aktive Wikipedianer gibt es weltweit. Sie schreiben, verbessern, korrigieren, erweitern und pflegen die Artikel der Wikipedia. Tag und Nacht, auf der ganzen Welt, in 270 Sprachen. Normalerweise kommunizieren sie nur schriftlich: Sie tauschen sich auf den verschiedenen Diskussionsseiten über die Arbeit an den Artikeln, über Regeln für die Gemeinschaft und über neue Projektideen aus. Dort kennen sie sich unter Namen wie Kroetchen, Stefan, Simplicius, Manoftours. Manchmal treffen sie sich aber auch in der wirklichen Welt: zu Grillabenden, Wandertagen oder zu Stammtischen wie dem im Sauerland. Tagesprogramm: Sehenswürdigkeiten, Museen, Führungen. Abends: Schnitzel mit Kroketten.
Stefan, 23, Germanistikstudent, ist jetzt nicht mehr so aktiv wie früher, als er mehrere Stunden am Tag an der Wikipedia gearbeitet hat. Aber er geht immer noch gern zu den Stammtischen. Ihm macht es Spaß, an den Artikeln zu schreiben, sagt er: "Man lernt was dabei und kann Wikipedia etwas zurückgeben - schließlich habe ich ja auch immer gern drin gelesen." mbdortmund, 55, Lehrer, ist besonders aktiv im Bildarchiv von Wikimedia Commons und schreibt Artikel über Themen aus dem Kunst- und Kulturbereich. Dadurch hat er Kontakte zu Menschen in der ganzen Welt geknüpft, irre Leute seien dabei, so sagt er, mit einem ungeheuer speziellen Wissen. Kroetchen, eine der wenigen Frauen beim Stammtisch, 46 Jahre alt, ist noch dabei, sich einzuarbeiten, möchte aber in Zukunft mehr Zeit investieren: "Die Reaktionen aus der Community waren bisher unglaublich positiv, ganz toll."
Eine erfolgreiche Kooperation
Das Bemerkenswerte ist nicht, dass sich so viele verschiedene Menschen in einer Community zusammengeschlossen haben - das passiert im Internet jeden Tag. Außergewöhnlich ist, dass diese vielen verschiedenen Menschen gemeinsam ziemlich erfolgreich an einem extrem ehrgeizigen Projekt arbeiten: das Wissen der Welt zu sammeln und für jeden frei zugänglich zu machen.
Ziemlich erfolgreich heißt: In zehn Jahren Wikipedia sind 17 Millionen Artikel entstanden. Keiner der Autoren hat für seine Arbeit Geld, Sachleistungen oder auch nur eine wissenschaftliche Reputation erhalten. Niemand hat die einzelnen Autoren dazu aufgefordert, an den Artikeln zu arbeiten, niemand hat ihnen konkrete Aufträge gegeben. Die Koordination erfolgte im Zusammenspiel vieler, die sich nur unter einem Alias-Namen kennen und sich nie persönlich begegnen werden, mit einem Minimum an Organisationsaufwand. Und das Ergebnis ist nicht perfekt - aber im Vergleich zu ähnlichen Leistungen der Menschheit gar nicht so übel.
Besser als der Brockhaus?
Tatsächlich haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass die Wikipedia nicht wesentlich mehr Fehler enthält als gedruckte Enzyklopädien wie die "Encyclopaedia Britannica" oder der Brockhaus. 2005 beispielsweise prüften Experten für das Wissenschaftsmagazin Nature jeweils 42 Artikel zu wissenschaftlichen Themen aus der englischsprachigen Wikipedia und der Encyclopaedia Britannica. Insgesamt fanden die Experten in beiden Enzyklopädien vier schwerwiegende Fehler. Nur bei den weniger schwerwiegenden Fehlern schnitt die Encyclopaedia Britannica besser ab: Sie enthielt "nur" 123, die Wikipedia 162. Ein Jahr später ließ das Computermagazin c't ebenfalls Artikel aus verschiedenen Wissensgebieten überprüfen - aus der Wikipedia, der Microsoft Encarta und dem Brockhaus auf DVD. Für die inhaltliche Qualität der Artikel erhielt Wikipedia 3,6 Punkte und siegte damit über Brockhaus (3,3 Punkte) und Encarta (3,1 Punkte).
Dass Wikipedia trotzdem keine valide Quelle ist, zeigen bekannte Fälle wie der mit den elf Vornamen des Herrn Guttenberg: Ein Anonymus fügte am Abend vor dessen Ernennung zum Wirtschaftsminister 2009 einen zusätzlichen Vornamen in den Wikipedia-Artikel ein. Auch renommierte Medien fielen darauf herein. Im Bildblog berichtete der Scherzbold später von seiner Aktion (http://www.bildblog.de/5704/wie-ich-freiherr-von-guttenberg-zu-wilhelm-machte/): "Zugegeben, der Scherz war anfangs nicht gerade originell. Innerhalb weniger Stunden bekam er aber eine höchst interessante Eigendynamik, die mich an den Recherche-Methoden vieler Journalisten erheblich zweifeln ließ." Auch Spiegel Online räumte den Fehler ein (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,606912,00.html) - und wies süffisant darauf hin, dass es ja auch für die Vornamen von zu Guttenberg eine im Gegensatz zu Wikipedia valide Quelle gebe: "das 'Genealogische Handbuch des Adels', Band 110, Kapitel 'Freiherrliche Häuser XIX', Seite 37".
In zehn Minuten zum Wiki
Gedruckten Enzyklopädien wäre so etwas vermutlich nicht passiert - denn die arbeiten meist konsequent nach dem Peer-Review-Prinzip: Experten schreiben Artikel, die von einer Redaktion überprüft werden. Langsam, aber gründlich: Enzyklopädien werden etwa einmal pro Jahrzehnt neu aufgelegt. Im Internet eine archäologisch lange Zeitspanne. Aber das wurde Jimmy Wales, Unternehmer und Mitgründer der Wikipedia, erst später klar.
Im Jahr 2000 gründete er mit seinem Kollegen Larry Sanger die Online-Enzyklopädie Nupedia. Auch sie sollte nach dem Peer-Review-Verfahren entstehen, mit Sanger als Chefredakteur. Nach neun Monaten waren zwei Artikel online, und Sanger und Wales waren vom langwierigen Entstehungsprozess ziemlich angeödet. Dann fiel Larry Sanger eine neue Software in die Hände. "Lasst uns ein Wiki machen!", schrieb er am 10. Januar 2001, 12:50 Uhr, an die Nupedia-Mailingliste. "Nein, dies ist kein unmoralisches Angebot. Es ist eine neue Funktion in der Nupedia. Jimmy Wales meint, dass viele von euch vielleicht Einwände haben, aber das glaube ich nicht. 'Wiki' kommt vom polinesischen 'wikiwiki' [schnell], aber vor allem ist es seine sehr offene Art, Webseiten zu bauen. Wir können Nupedia in zehn Minuten ein Wiki hinzufügen - das haben wir schon rausgefunden. Hat jemand Einwände? Larry." Wenige Tage später, am 15. Januar 2001, war die erste Version der Wikipedia online. "Tut mir den Gefallen - schreibt mal einen kleinen Artikel", bat Larry Sanger seine Autoren. "Es dauert höchstens zehn Minuten."
Sektenhafte Züge
So locker alles in den Anfängen über die Bühne ging: Heute nehmen einige Wikipedianer ihr Projekt schon fast ein bisschen zu ernst. Es geht nicht mehr nur darum, ein paar Artikelchen zu verfassen. Inzwischen hat sich ein Kult rund um die Idee des freien Wissens gebildet. Die von Jimmy Wales gegründete Wikimedia Foundation und ihre Ländervereine wie Wikimedia Deutschland verfolgen mit ihren Projekten das Ziel, das Wissen aus den Fängen des Copyrights zu befreien. Daher stehen alle Inhalte in der Wikipedia unter freier Lizenz und gehören somit der ganzen Welt. Ein Ziel, an dem manche Wikipedianer keine Kritik zulassen.
"Diese Abgrenzung hat teilweise schon fast sektenhafte Züge", sagt der Journalist Günter Schuler. Er war selber lange in der Wikipedia aktiv und ist Autor des Buchs "Wikipedia inside: Die Online-Enzyklopädie und ihre Community". "Es gibt eine eigene Verwaltungssprache, in der die Leute regelrecht aufgehen. Es gibt Tabuthemen, über die man nicht sprechen darf, wie zum Beispiel rechtsradikale Inhalte in der Wikipedia. Es ist ein Lagerdenken entstanden: Wir Wikipedianer gegen den Rest der Welt!" Seiner Ansicht nach hat diese Abgrenzung auch eine starke Auswirkung auf den Zuwachs an neuen Mitarbeitern.
Der Schwarm schrumpft
Denn schon seit einer Weile kommen bei weitem nicht mehr so viele neue Wikipedianer hinzu wie in der Anfangszeit. Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil es immer mehr Artikel zu warten gibt. Und Fehler ja nicht systematisch, sondern eher zufällig gefunden werden, weil einer der zahlreichen Mitarbeiter in endlosen Stunden Surfarbeit darüber stolpert. Hinzu kommt laut Günter Schuler ein weiteres Hindernis: die schlechter werdende Diskussionskultur.
"Manche Administratoren führen sich wirklich wie Internet-Hausmeister auf", schimpft er. "Der Umgangston ist teilweise barbarisch. Gängig sind Mensch-Tier-Vergleiche. Wenn man Kritik äußert, wird man auch mal als Projektschädling bezeichnet. Wenn man robust ist, steckt man das weg - aber neue Leute verstehen natürlich die Welt nicht mehr." Ein Problem, das in Zukunft angegangen werden muss - denn immer mehr etablierte Autoren haben keine Lust mehr auf Streitigkeiten in der Freizeit und suchen sich ein neues Hobby. Neue Autoren steigen direkt wieder aus, wenn ihre erste Bearbeitung harsch kritisiert oder wieder rückgängig gemacht wird. Das beobachten auch die Wikipedianer beim Sauerland-Stammtisch: "Ich habe die Befürchtung, dass die Lage immer angespannter wird", sagt zum Beispiel Stefan, selber Administrator. "Es gibt immer mehr Frustpotential: Artikel werden gelöscht, es gibt inhaltliche Streitereien - das schreckt natürlich ab."
Mehr Frauen, mehr Senioren
Der Wikipedia-Förderverein Wikimedia Deutschland will mit Projekten, Seminaren und Kongressen mehr Schüler, Studenten, Frauen und Senioren als Mitarbeiter anwerben. "Es ist dringend erforderlich, dass mehr Frauen mitarbeiten und das Altersspektrum breiter wird", sagt Alice Wiegand, zweite Vorsitzende des Vereins. Man hofft auf eine Wechselwirkung: Ein besserer Umgangston soll mehr Mitarbeiter bringen, mehr Mitarbeiter einen besseren Umgangston. Denn viele Beobachter führen das raue Klima auch darauf zurück, dass sich bisher in der Wikipedia vor allem männliche Akademiker zwischen 30 und 40 engagieren, die harte Diskussionen gewohnt sind. Ein Eindruck, der in der netten Atmosphäre des Wikipedia-Stammtischs im Sauerland nicht unbedingt entsteht. Die härteste Diskussion des Abends dreht sich hier darum, ob die Tochter eines Wikipedianers nach 18 Uhr noch eine Cola trinken darf.
Die Printausgabe hat nicht überlebt: Zum Ende der gedruckten Brockhaus-Enzyklopädie
Eine neue Macht - eine neue Öffentlichkeit: Wissen im Internet - ein Medien Monitor-Essay
Zum Weiterlesen:
Unter dem Titel "The Early History of Nupedia and Wikipedia: A Memoir" schildert Larry Sanger auf slashdot.org seine Erinnerungen an den Wikipedia-Start.
Das Projekt Wiki-Watch der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder bietet einen Alternativzugang zu Wikipedia: Zusätzlich zum Artikel werden automatisch Angaben zur Verlässlichkeit der Informationen angezeigt, außerdem gibt es aktuelle Statistiken zu Wikipedia.
Wikimedia Deutschland, der deutsche Länderverein des amerikanischen Wikipedia-Fördervereins WikiMedia Foundation.
Literaturtipps:
Ziko van Dijk: Wikipedia. Wie Sie zur freien Enzyklopädie beitragen. Open Source Press. München 2010. ISBN 978-3-941841-04-8
Günter Schuler: Wikipedia inside. Die Online-Enzyklopädie und ihre Community. Unrast-Verlag. München 2007. ISNB 978-3-89771-463-2
Christian Stegbauer: Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2009. ISBN 978-3531165899
Text: Helene Pawlitzki
Teaserbild: Wikimedia Deutschland
Bilder: Asio otus / Florian Hirzinger / Manuel Archain, Buenos Aires, www.manuelarchain.com and Jimmy Wales /Ted Harris and Atirador / Wikimedia Foundation / Herbert Weber, Gymnasium Andreanum, Hildesheim






