WM-Berichterstattung
Dreikampf um die Experten-Krone
Die Fußball-WM in Südafrika ist vorbei. Die Spieler können endlich in den Urlaub. Und auch für die Experten von ARD, ZDF und RTL, die die 64 Turnierpartien abwechselnd analysierten, ist Sommerpause. Doch haben sich Netzer, Kahn und Klopp ihre Ferien überhaupt verdient? Eine Bilanz.

Köln/Mainz. Er ist der große Alte, der Don unter den TV-Experten sozusagen. 13 Jahre lang stand Günter Netzer (65) vor ARD-Kameras und ordnete zusammen mit Gerhard Delling (51) die Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft ein. Damit ist nun Schluss. Beim Spiel um Platz drei am 10. Juli hatte er seinen vorerst letzten Auftritt.
Eine kurze Rückschau: Bei seinen Kommentaren legte der ehemalige Mittelfeldregisseur gewöhnlich ein sprachliches Niveau an den Tag, das wohl den Maßstab für alle kommenden Expertengenerationen setzen dürfte. Völlig zurecht erhielt er, zusammen mit Delling, 2008 den Medienpreis für Sprachkultur. Doch der vorrangige Grund, warum sich ganz Fußballdeutschland immer wieder gern vor dem Fernseher versammelte, wenn Netzer und Delling zusammen analysierten, lag wohl nicht in der Aussicht, sich für den Alltag einige längst vergessene Vokabeln wie "In der Tat" oder "töricht" aneignen zu können.
Berühmt geworden sind vor allem die Zankereien zwischen Meister Netzer und Lehrling Delling, wenn man es so ausdrücken will. Dass die Feindseligkeiten zwischen den beiden nicht immer ernst gemeint waren, ist allseits bekannt. Netzer war nicht zuletzt Trauzeuge bei Dellings zweiter Hochzeit. Dennoch haben ihre Schlagabtausche Kultstatus erreicht. Denn wenn der ehemalige Diskobesitzer Netzer seinen Gesprächspartner galant auf dessen Unfähigkeit, sei es im Umgang mit der Technik oder schlicht in Sachen Spielverständnis, hinwies, war das eben meist großes Kino.
Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), die auch das Wort beziehungsweise Unwort des Jahres kürt, für hervorragende Verdienste um die Sprach- und Sprechkultur in den Medien verliehen. Nachfolger des Moderatoren-Duos war in diesem Jahr Comedian Hape Kerkeling.
Auszug aus der Verleihungsurkunde 2008 an Netzer und Delling:
"Günter Netzer und Gerhard Delling sind aus der Vor-, Nach- und Halbzeit-Kommentierung bei Fußball-Live-Übertragungen nicht mehr wegzudenken. Durch sie wurde eine dialogische Form des Kommentars in die Sportberichterstattung eingeführt. Der erfahrene Sportjournalist und der ehemalige Nationalspieler bilden ein erfolgreiches kommunikatives Duo, das es versteht, die vor dem Fernseher versammelte Fußballgemeinde durch Diskussion zu informieren.
Im Rahmen ihrer gekonnten diskursiven Sequenzen zeichnen sich beide nicht nur durch ihre fußballerische Sach- und Fachkunde, sondern auch durch geschliffenes Deutsch, responsives Gesprächsverhalten, unaufdringlichen Humor, gelungenen Sprachwitz, feine Polemik, kritisches Fragen und vor allem durch Beherrschung der deutschen Fußballsprache in ihrer gesamten Breite aus."
Keine Bindung zur Basis

- Nur angebrachte Distanz oder schon Arroganz? An Günter Netzer scheiden sich die Geister.
Allerdings: Netzer lebte bei dieser WM, dass muss man schon so sagen, zum großen Teil nur noch von dieser Stellung als Kultobjekt. Freilich, in einer Berichterstattungssparte, der aufgrund der Einbindung von ehemaligen Profisportlern oft die Unfähigkeit zur kritischen Distanz unterstellt wird, setzte er im Vergleich zu seinen Kollegen Kontrapunkte. Seinen Gesprächspartner Delling siezte er auch nach über zehnjähriger Zusammenarbeit noch immer.
Doch was hilft die sauberste journalistische Leistung, wenn man die Leute nicht mehr zu fesseln weiß? Netzer wirkte bei seinen Auftritten häufig etwas amtsmüde. Kritiker bemängeln an ihm schon immer seine unnahbare steife Art. Wenn er sich in diesem Jahr rhetorisch eindrucksvoll zu großen Hymnen aufschwang, wozu er, im Gegensatz zu der Meinung einiger, nach wie vor in der Lage war - zum Beispiel als er sich skurrillerweise nach der Achtelfinalpartie Deutschland gegen England und dem nicht gegebenen Ausgleichstor Frank Lampards vehement GEGEN den Videobeweis aussprach - dann hatte der Zuschauer das Gefühl, Netzer argumentiere gewissermaßen für sich selbst, versuche vielleicht gerade noch, Delling durch seine Brillanz der Stümperhaftigkeit zu überführen. Die Menschen vor den Fernsehgeräten erreichte er allerdings nicht mehr.
Netzer war noch nie eine Identifikationsfigur, entweder man liebt seine hochgestochene Ausdrucksweise, seine zur Arroganz neigende Erscheinung, die ihn schon auf dem Fußballplatz auszeichnete, oder man schaltet kompromisslos um. Dass so eine Polarisierung im heutigen Quotenkampf der Sender nur noch schwer zu tragen ist, hat auch die ARD eingesehen. Nach der WM ist Schluss für den Mann mit der noch immer wallenden Löwenmähne. Sein Abschied ist jedoch keineswegs ein erzwungener, der 65-Jährige entschied sich aus freien Stücken zu diesem Schritt. Vielleicht ist es besser so. Sein Nachfolger wird Ex-Bayernspieler Mehmet Scholl sein. Der ist erst seit zwei Jahren für die ARD am Ball und für Sprüche wie "Die Momente, in denen es sich wirklich lohnt, Fußball-Profi zu sein, sind, wenn man Olli Kahn beim Einseifen zusieht" bekannt. In solchen Aussagen dürften sich wohl mehr Fußballfans wiederfinden.

Kahns kurze Vorbereitungszeit
Gut möglich, dass Mehmet Scholl seinem imposanten Duschkollegen von einst inzwischen wieder öfter über den Weg läuft. Dann aber eher in Anzug und Stoffhose auf dem Weg zur nächsten Sendungsaufzeichnung, als in Badelatschen und nur mit einem Handtuch bekleidet in der Umkleidekabine des FC Bayern München. Denn Kahn, der frühere Torwart-Titan, hat ebenfalls die Rollen gewechselt und beurteilt seit knapp zwei Jahren die Leistungen seiner ehemaligen Kollegen für das ZDF. Anfangs stellten ihm die Mainzer ihren personifizierten Tausendsassa Johannes B. Kerner an die Seite, doch Kahn musste bald erkennen, dass die Personalfluktuation im Fernsehgeschäft mindestens genauso hoch ist wie die im europäischen Spitzenfußball.
Eben dieser Vorzeigepartner Kerner, mit dem TV-Neuling Kahn eigentlich bis zum Ende der WM in Südafrika zusammenarbeiten hätte sollen, wechselte kurzfristig den Arbeitgeber. Ersatz fanden die ZDF-Oberen in der einzigen weiblichen Vertreterin der Sportjournalistenzunft, die derzeit auf der Mattscheibe präsent ist, Katrin Müller-Hohenstein. Doch wie im Fußball führt auch vor TV-Kameras eine zu kurze Vorbereitungszeit häufig zu eklatanten Abstimmungsproblemen. Das Duo Müller-Hohenstein und Kahn ist ein Paradebeispiel.

- Zwischen den Pfosten blies Oliver Kahn noch die Backen auf. Vor der Kamera wirkt er doch ziemlich zurückhaltend.
Auf dem Spielfeld war der Champions-League-Sieger von 2001 ein Lautsprecher, einer, der seine Emotionen auslebte und sich dabei nicht nur verbal, sondern manchmal auch körperlich schlagkräftig zeigte. Wen er in seinen Wutanfällen zusammenfaltete, ob Mitspieler oder Gegner, spielte für den Torwart-Titan keine Rolle. Keiner war vor seiner Urgewalt sicher. Abseits des Rasens verhielt sich Kahn allerdings schon zu seiner aktiven Zeit komplett entgegengesetzt. Vor Mikrofonen wirkte er eher verbissen, zerknirscht. Anders als bei Netzer oder Scholl hofften die Reporter bei einer Pressekonferenz des FC Bayern meist vergeblich auf einen flotten Spruch aus seinem Munde. Wieso also entschied sich das ZDF schon vor Kahns Karriereende, trotz der augenscheinlich nicht vorhandenen Medienaffinität, den Welttorhüter von 1999, 2001 und 2002 als Experten zu engagieren? "Von hinten hat er das Spiel genau beobachtet und war den Stürmern so den entscheidenden Schritt voraus. Auf solche zupackenden Analysen des neuen ZDF-Experten Kahn dürfen sich die Zuschauer freuen", lautete das Argument des damaligen Chefredakteurs Nikolaus Brender im Sommer 2008.
Schwerer Stand neben "Pannen-KMH"

- Unglückliche Wahl: An der Seite eines anderen Gesprächspartners hätte Oliver Kahn vielleicht einen besseren Eindruck hinterlassen.
Zupackend waren Kahns Analysen im Turnierverlauf allerdings nur äußerst selten. Amüsant, aber ohne größeren Mehrwert trifft die Sache wohl eher - leider. Denn zum Teil lag das schlechte Abschneiden Kahns sicherlich an der oben genannten Tatsache, dass er sich nur vergleichsweise kurz auf seine Partnerin einstellen konnte - Netzer und Delling hatten immerhin eine Vorlaufszeit von 13 Jahren. Außerdem lieferte KMH, wie Müller-Hohenstein in Berufskreisen gerne abgekürzt wird, auch die schwächste Vorstellung aller Moderatorenprofis. Eine dubioser Werbevertrag mit einer bayerischen Molkerei, eine unglückliche Wortwahl während der Übertragung des ersten Spiels der deutschen Mannschaft und eine peinliche Verwechslung brachten ihre denkbar schlechte Schlagzeilen. Ihre Fragen an Kahn wirkten nur selten zielführend; dafür, dass sie mit dem blonden Karlsruher einen Expertenfrischling an der Seite hatte, machte sie selbst oft einen viel zu unsicheren Eindruck.
Keine guten Voraussetzungen also für Kahn, der sich in Sachen medialer Kompetenz aber auch selbst nur wenig weiterentwickelt hat. So monoton und leise wie er flüsterte kein anderer Experte ins Mikrofon. Zu Beginn des Turniers wirkte er extrem zurückhaltend und gehemmt, im Laufe der vier Wochen verbesserte sich sein Auftreten wenigstens ein bisschen. An die Lockerheit und den Witz eines Jürgen Klopp, der zuvor Kahns Posten beim ZDF innehatte und in diesem Jahr für RTL vor der Kamera stand, wird er nie heranreichen. Ein Beleg sei mit Kahns humorvollster Szene im Turnierverlauf geliefert: Als er nach der Achtelfinalpartie zwischen Spanien und Portugal gestand, seit einiger Zeit ein weiteres Loch an seinem Gürtel zu benötigen, beteuerte Katrin Müller-Hohenstein, dass man das so gar nicht sehe. Ein Redakteur, der Kahn via Knopf im Ohr zugeschaltet war, musste KMH allerdings widersprochen haben, denn plötzlich begann der 41-Jährige wie ein Schulbub zu kichern, der gerade versehentlich in die Mädchenumkleidekabine gestürmt ist, und gluckste verlegen: "Da hat einer 'Doch' gesagt". Wird Zeit, dass aus dem Schülermannschafts-Kahn wieder ein Titan wird.

Charmebolzen Klopp
Die Vorzüge des dritten und damit letzten TV-Experten, der hier etwas genauer beurteilt werden soll, sind bereits angedeutet worden. Jürgen Klopp, von Wohlgesonnenen liebevoll "Kloppo" gerufen, ist der George Clooney seiner Gattung. Als er 2008 noch für das ZDF zusammen mit Regelpapst Urs Meier und Johannes B. Kerner die Spiele der Europameisterschaft analysierte, tat er das so gefällig, dass ihn die Zuschauer, vor allem die weiblichen, sogleich ins Herz geschlossen haben. Klopp ist das Gegenstück zu seinen Kollegen, er verkörpert eine ganz neue Expertengeneration: Der Unnahbarkeit und Distanz eines Günter Netzers setzt er emotionale Nähe zum Zuschauer entgegen. Oliver Kahn schlägt in seiner neuen Rolle hinter dem Mikrofon leise, ja langweilige Töne an, man spürt geradezu ein gewisses Unwohlsein. Klopp dagegen liebt die Kamera, die Medien an sich. Nur ungern lässt er Journalisten mit leeren Blöcken zurück, wo es etwas zu sagen gibt, sagt es der 43-Jährige auch. Und er tut das auf eine Weise, dass es auch derjenige mitbekommt, der es eigentlich gar nicht wissen wollte. Positiv ausgedrückt heißt das: Der Mensch Jürgen Klopp verfügt über ein sehr einnehmendes Wesen, was für einen Fernsehexperten keine schlechte Eigenschaft sein kann.
Dessen war sich auch RTL bewusst und lotste Klopp vor der WM vom öffentlich-rechtlichen ZDF ins Privatfernsehen. Um auf Nummer sicher zu gehen, entschieden sich die Kölner, Deutschlands beliebtestem Fußballinsider auch gleich noch das Pendant auf Moderatorenseite, Günther Jauch, zur Seite zu stellen. Damit verzichtete man zwar auf das Fachwissen, für das ein ausgewiesener Sportjournalist an dieser Stelle sicherlich noch stärker gestanden hätte, doch es darf nicht vergessen werden, dass auch Jauch eine lange Vergangenheit als Sportkommentator vorzuweisen hat. Und was soll man sagen? Das Duo harmonierte.
Anständige Leistung trotz nerviger Fanmeilenatmosphäre

- Jürgen Klopp hat Grund zum Feiern: Er gewinnt den Dreikampf um die Experten-Krone der WM.
Allein, ob sich RTL mit der Idee, die beiden Strahlemänner bei der Vor- und Nachberichterstattung auf öffentliche Bühnen zu stellen, einen Gefallen getan hat, darf bezweifelt werden. Die Fanmeilenatmosphäre, die der Sender dadurch zwanghaft versuchte aufrecht zu erhalten, lenkte doch gewaltig von der fachlich durchaus anständigen Leistung von Klopp und Jauch ab. Man ist fast geneigt zu sagen, sie nervte!
Blendet man das gröhlende Publikum aber einmal aus, bleibt festzuhalten: Klopp versteht es, spielerische Feinheiten einem breiten Publikum verständlich zu machen. Als Ex-Profi und aktiver Bundesligacoach verfügt er über das nötige Insiderwissen. Seine jahrelange Präsenz in den Medien hat ihm das Handwerkszeug verschafft, dieses an der richtigen Stelle und vor allem auf eine angenehm-pfiffige Art und Weise anzubringen. Aber er hatte insgesamt auch das leichteste Spiel aller Experten. Eine vergleichbare Seriosität, wie sie bei einem öffentlich-rechtlichen Sender stets angemahnt ist, musste Klopp bei RTL nicht aufbringen. Ein lockerer Spruch mehr oder weniger spielt hier nicht die sonderlich große Rolle. Bei ARD und ZDF wird dagegen nahezu jeder Satz auf die Goldwaage gelegt, wie die negative Presse über die Fauxpas der Katrin Müller-Hohenstein belegt. Außerdem fällt es an der Seite des Allrounders Günther Jauch schlichtweg einfacher zu glänzen als neben dem eher spröden Gerhard Delling oder der unsicheren Müller-Hohenstein.
Doch ein - zumindest im Hinblick auf die schöpferische Freiheit - kluger Senderwechsel sowie ein angenehmer Moderationspartner dürfen "Kloppo" nicht zur Last gelegt werden. Er hat einfach einen guten Job gemacht, bei den lediglich neun Auftritten, die ihm RTL verschaffte. Nahtlos an die starke Leistung der EM 2008 angeknüpft, würde das Urteil im Fußballjargon lauten.
Welt-Online zum Klopp-Wechsel zu RTL: "Der bunte Vogel flattert aus dem Käfig"
Focus-Online zum Abschied von Günter Netzer: "Ich habe genug geredet"
DerWesten zu den Leistungen der WM-Moderatoren
Text: Michael Prieler
Bilder: ARD, ZDF/Sascha Baumann, oliver-kahn.de, RTL/Gregorowius

Der Link "denkbar schlechte Schlagzeilen" zu derwesten.de ist tot! Schade!
Danke, Link ist ersetzt!