Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Drei Fragen an...

...Andreas Lorenz. Der langjährige China-Korrespondent des Spiegels spricht mit Medien Monitor über die immer noch schwierigen Arbeitsbedingungen ausländischer Journalisten in der Volksrepublik. Trotz Behinderungen von staatlicher Seite bemerkt er auch positive Veränderungen.

Spiegel-Korrespondent Andreas Lorenz in Peking.

Medien Monitor: Im Vorfeld und während der Olympischen Spiele ist Peking durch massive Behinderungen der Presse aufgefallen. International hatte man sich erhofft, China werde sich dem Westen im Zuge dieses Ereignisses öffnen und dauerhaft mehr Pressefreiheit zulassen. Waren diese Hoffnungen berechtigt?

Andreas Lorenz: Schon vor den Olympischen Spielen hat die Pekinger Regierung die Arbeitsbedingungen für ausländische Korrespondenten vereinfacht. Nach den Spielen wurden die neuen Regeln beibehalten. Wir müssen Reisen in die Provinz nun nicht mehr bei den lokalen "Außenbüros" anmelden und genehmigen lassen. Bei heiklen Themen, wenn es etwa um Menschenrechte, Umweltschutz, Aids oder soziale Unruhen ging, gab es in der Regel kein grünes Licht. Folge: Die Korrespondenten fuhren trotzdem und landeten nicht selten auf der Polizeiwache, wo sie eine Selbstkritik schreiben mussten. Videos und Fotos wurden gelöscht. Nun dürfen wir - außer in Tibet - freier als früher recherchieren. Insgesamt kann von guten Arbeitsbedingungen aber keine Rede sein. Die Behörden behindern uns auf andere Weise: Interviewpartner werden bedroht, in einigen Fällen vor einem Treffen sogar fetgenommen. Ich habe den Eindruck, dass die Behörden genau wissen, was ich tue und plane. Auch spüren die ausländischen Korrespondenten, dass ihre chinesischen Assistentinnen und Assistenten unter Druck gesetzt werden. Und in einigen Regionen will die Polizei von den Pekinger Vorschriften nichts wissen. Sie beschlagnahmen nach wie vor Videos und löschen Fotos. Während der letzten Demonstration in Urumqi wurden Hongkonger Kollegen sehr rau von der Polizei behandelt. Positiv und neu ist, dass sich chinesische Medien kritisch mit unserer Berichterstattung auseinandersetzen.

Zur Person

Andreas Lorenz ist 57 Jahre alt, Berliner und gelernter Journalist. Für den Spiegel war er zunächst von 1982 bis 1986 in der Sowjetunion, dann von 1988 bis 1991 in Peking. Bis 1995 berichtete er dann aus Warschau über Polen und die baltischen Staaten. Vierte Station seiner Korrespondentenkarriere war Bangkok: Dort schrieb er von 1996 bis 1999 über Südostasien. Seither arbeitet er wieder in Peking, immer noch als Korrespondent des Spiegels. Zu unfreiwilliger Bekanntheit gelangte Andreas Lorenz 2003. Als er über die Geiselnahme auf der philippinischen Insel Jolo berichten wollte, wurde er zwischenzeitlich selbst von muslimischen Rebellen gefangen genommen.

Wie kommen Sie als China-Korrespondent an Ihre Informationen?

Der Zugang zu Informationen ist nicht mehr so schwierig wie früher. Chinesische Zeitungen dürfen mittlerweile recht offen über bestimmte Probleme, etwa über Umweltskandale, schreiben - solange sie nicht das Einparteien-System in Frage stellen und hohe Führer der Kommunistischen Partei kritisieren. Auch Demonstrationen werden nicht mehr verheimlicht. Die Nachricht, dass harmlose Bittsteller in der Provinz Shandong in die Psychiatrie eingewiesen wurden, veröffentlichte zum Beispiel eine chinesische Zeitung zuerst. Es gibt zudem eine sehr aktive und informative Internetgemeinde, der es immer wieder gelingt, die Zensoren zu überlisten.

Sind Privatpersonen auskunftsfreudiger als die chinesischen Behörden oder werden sie von diesen zum Schweigen angehalten?

Wir sprechen viel mit normalen Bürgern, Wissenschaftlern und Künstlern. Oft sind Privatleute sehr auskunftsfreudig. Sie wenden sich an ausländische Journalisten, weil sie das Gefühl haben, dass die eigenen Medien sich ihrer Sache nicht ausreichend annehmen. Oft spüren wir aber auch Scheu, mit uns zu reden. Viele Chinesen wollen, wie sie sagen, "ihre schmutzige Wäsche lieber zu Hause waschen". Andere fürchten, mit Auskünften an Ausländer das sehr vage Gesetz über Staatsgeheimnisse zu brechen. Entsprechend ist der Umgang mit Behörden, die bis auf offizielle Verlautbarungen in der Regel keine Auskunft erteilen. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao gibt nur eine Pressekonferenz im Jahr - und kennt die meisten Fragen schon vorher.

Interview: Paulina Henkel

Foto: privat

Veröffentlicht: 20.09.2009
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Pflichtlektüre

Eldoradio

DO1 TV

Journalistik Journal

Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum