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Interview

Die unsichtbare rote Linie

Zwischen Zensur und Unterdrückung der freien Meinungsäußerung: CCTV ist eines der größten Medienunternehmen der Welt und das Sprachrohr der Kommunistischen Partei. Was die deutsche Journalistin Kirsten Rulf beim chinesischen Staatsfernsehen erlebte.

Für acht Wochen arbeitete die freie Fernsehjournalistin beim englischsprachigen Politikmagazin World Insight von CCTV News. Im Rahmen des Programms Medienbotschafter der Robert-Bosch Stiftung reiste sie ins Herz der Zensur. Dort erlebte sie Vorurteile, verzweifelte an der unsichtbaren roten Linie, entdeckte aber auch wie chinesische Journalisten den Hürden trotzen.

Kirsten Rulf vor der militärisch gesicherten CCTV-Zentrale in Peking.

Frau Rulf, wieso durften sie als westliche Journalistin überhaupt einen Blick hinter die Kulissen des chinesischen Staatsfernsehens werfen?

Es war ganz schön viel Argbeit die davon zu überzeugen, dass sie mich als Praktikantin nehmen. Das haben die nicht gerne gemacht. Da gab es einen ziemlich langen Email-Wechsel, bis sie schließlich eingewilligt haben. Ich war die einzige in dem Programm, die beim chinesischen Fernsehen war. Und ich glaube, dass ich bislang auch die einzige Westlerin bin, die dort mal arbeiten durfte. Die Redaktion hat wohl letztendlich überzeugt, dass es sich um einen Austausch handelte: Meine CCTV-Austauschpartnerin durfte dafür beim NDR hospitieren. Das chinesische Fernsehen ist gerade auf einem Expansionskurs und will sich in der Welt professioneller aufstellen. Deshalb waren die glaube ich ganz glücklich auch mal bei einem westlichen Medium, das als Teil der ARD schon weltweit aufgestellt ist, reinschauen zu dürfen.

"Kapitalisten-Kirsten" über einen ziemlich frostigen Empfang

Sie haben für das Politikmagazin World Insight gearbeitet. Worüber wird da berichtet?

Das ist ein englischsprachiges Magazin, was sich an Ausländer oder englischsprachige Zuschauer in China und im Ausland richtet. Es soll die chinesische Sicht der Dinge transportieren. China soll in dem Politikmagazin als schön, bunt und offen dargestellt werden. Es berichtet auch über das Weltgeschehen, nur eben aus der chinesischen Sicht. Schon im Sommer, als der Syrien-Konflikt noch längst nicht so in der aktuellen Diskussion war, haben wir schon Dinge vorbereitet um dazu die chinesische Position zu erklären. Und wenn es Themen wie die Krise in den USA oder die Euro-Krise behandelt, dann soll es denn Westen als das nicht so widerstandsfähige System darstellen. Es gibt jetzt keine plumpen Propagandasprüche, das wird ziemlich subtil gemacht. Zum Beispiel sagt man halt: Ach schaut mal, jetzt haben wir zwar hier ein Zugunglück gehabt. Aber damals bei dem ICE-Unglück in Deutschland, da gab es ja drei- oder viermal so viele Tote. Also ist es bei uns doch gar nicht so schlecht.

Themenwahl als Wunschkonzert

Wie ein Thema behandelt wird, hängt also immer von den Interessen Chinas ab?

Die Sendung soll Chinas Image in der Welt verbessern.

Es wird halt immer die chinesische Sicht erklärt. Der Iran ist bei uns ja beispielsweise ein Land, das man eher kritisch betrachtet. In China ist das anders, das ist ein Verbündeter. Der Iran ist ein wichtiger Öllieferant und Energiesicherheit ist in China ein wichtiges Thema. Da würde man jetzt nie etwas Kritisches über das System sagen. Oder nehmen wir Afrika: Ich war bei einer Versammlung im Vorfeld der Neueröffnung des neuen Studios in Nairobi dabei. Da waren alle afrikanischen Botschafter und dann haben die Kollegen wirklich ganz konkret gefragt: Was wollt ihr denn so sehen, was stört euch an der westlichen Berichterstattung? Dann haben die gesagt, wir wollen kein Aids, keine Krankheiten und keine Armut. Wir wollen mal das Schöne Afrika, wo wir exotische Musik und Tanz haben und wo wir auch wirtschaftlich was auf die Beine stellen. Und dann macht CCTV das. Also man darf da auch schon Wünsche äußern. Das liegt antürlich an den Interessen Chinas in Afrika. Dort will man sich Rohstoffe sichern aber gleichzeitig auch etwas zurückgeben. So soll das Image Chinas in der Welt verbessert werden. Die chinesische Sicht der Dinge ist aber auch nicht immer ganz einheitlich. Natürlich hat die Kommunistische Partei schon eine langfristige Strategie, wie sie ihre Außenpolitik gestalten will. Aber die Chinesen sind unerfahren darin, diese auch in der Weltgemeinschaft zu vermitteln. Es gibt ja im Land auch keine so differenzierte gesellschaftliche Duskiussion wie bei uns. Deshalb hat man als Westler oft den Eindruck, dass sich die chinesische Position von Woche zu Woche ändert. Und es eben dann auch häufig wechselt, wie die Nachrichten Chinas Sicht dann transportieren sollen. In manchen Fällen ist das auch so. Aber China hat schon eine klare Strategie.

Wie wird denn dafür gesorgt, dass die Nachrichten diesen Zweck erfüllen?

Also CCTV ist sehr stark reglementiert und für unsere Verhältnisse sehr stark zensiert. Es ist nicht Nordkorea, es wird nicht in alles reingeredet, aber eben doch in sehr Vieles. Also einige Themen kann man zwar im Kollegenkreis ansprechen, aber die werden niemals auf dem Sender landen. Klar, es gibt ein paar Todes-Themen wie Taiwan, Tibet und natürlich Tiananmen. Da weiß man genau, dass man die nicht erwähnen sollte. Aber meist kann man es nur erahnen, da gibt es keine offiziellen Richtlinien. Ich habe dann relativ schnell festgestellt, was nicht geht. Zum Beispiel habe ich einmal vorgeschlagen, einen Beitrag über einen neuen Wolkenkratzer zu machen. Der wurde gerade in Peking gebaut und soll einer der höchsten in der Welt werden und der höchste in Peking. Das fand ich ein ganz nettes Schlussstück für die Sendung. Als ich das vorgeschlagen habe wurde gesagt: Nein, das geht auf gar keinen Fall. Und alle haben betreten geschwiegen und zu Boden geschaut. Hinterher hat mir dann ein Kollege erklärt, dass es bei den Zensoren eine große Diskussion über den Wolkenkratzerindex gibt. Das ist eine wirtschaftliche Theorie. Danach ist ein Land umso näher an der Wirtschaftskrise, je höher die Hochhäuser in dem Land sind. Deshalb stehen Wolkenkratzer gerade auf einer schwarzen Liste von Sachen, die nicht erwähnt werden dürfen. Ich durfte das Stück dann nicht machen. Man kann eigentlich nur erspüren, wo die rote Linie ist. Ich glaube auch, dass die jeden Tag irgendwo anders ist. Und alles andere kann man schon mal vorschlagen und dann merkt man an der Reaktion sehr schnell, wie die dazu stehen.

Jedes Wort und jedes Bild wird geprüft: Kirsten Rulf bekam die Zensur zu spüren

Zur Person

Kirsten Rulf (30) hat in Oxford Latein und Altgriechisch studiert. Im Anschluss folgte ein Volontariat beim WDR. 2008 war sie Redakteurin bei der BBC in London, bei PANORAMA, dem Vorbild der NDR-Sendung. Seit 2009 ist sie freie Journalistin und arbeitet hauptsächlich bei der Tagesschau-Redaktion des WDR, aber auch für DIE ZEIT und Spiegel Online. 2011 ging sie mit einem Stipendium für insgesamt drei Monate nach China.

Mit diversen Tricks lässt sich die Zensur auch mal umgehen.

Wie berichtet das Staatsfernsehen über Ereignisse in China? Wird alles Negative ausgeblendet?

Man darf über den negativen Einzelfall so viel berichten wie man möchte, also etwa über einen korrupten Parteifunktionär oder wenn eine einzelne Landreform nicht so gut läuft. Man darf nur nicht den Systemfehler ansprechen wie wir das immer machen. Es geht in chinesischen Medien immer nur über den Einzelfall und nicht über Probleme, die im System liegen. Aber es gibt auch andere Tricks wie kritische Berichterstattung an der Zensur vorbeikommt. In China haben die lokalen Medien oft den größten Einfluss und die Medien nutzen, dass das Land so riesig ist. Die eine Zeitung berichtet dann über die Skandale in der Nachbarprovinz und was da alles falsch läuft . Und die Zeitungen von dort berichten wiederum über die Probleme in der ersten Provinz. So werden die gegenseitigen Missstände aufgedeckt, aber die Journalisten kommen dann nicht so sehr unter Druck. Und es wird trotzdem berichtet. Es gibt da also diverse Tricks und Kniffe, die die Journalisten in China nutzen.

In der Regie beim chinesischen Staatsfernsehen.

Konnten sie im Kollegenkreis denn die Zensur ansprechen oder wird darüber aus Angst vor Sanktionen nur geschwiegen?

Ich war überrascht wie offen man darüber sprechen kann. Und ich war auch überrascht wie extrem frustriert die Journalisten von dieser Zensur waren. Eine Kollegin hat über Wirtschaft berichtet und sehr viele halbstündige Dokumentationen produziert. Und immer wenn sie die nach viel Arbeit fertig hatte, dann hat sich jemand beschwert und die rote Linie hatte sich geändert. Und ihre Filme wurden dann regelmäßig eingestampft. Auch bei World Insight waren die Journalisten schon sehr frustriert, wie stark sie politisch beeinflusst wurden, wie stark sie in ihren Themen beschnitten waren und dass man verschiedene Dinge im Text nicht sagen konnte. Und die Themen, die ihnen pflichtmäßig auferlegt wurden, waren auch nicht gerade immer spannend. Aber die müssen dann eben gemacht werden.

Ihr gönnt uns das nicht.

Wie wird denn im Gegenzug die westliche Berichterstattung über China wahrgenommen?

Also eine Erfahrung habe ich ganz deutlich gemacht: Man ist extrem misstrauisch gegenüber westlichen Journalisten. An meiner eigenen journalistischen Arbeit bei CCTV bin ich fast verzweifelt. Auch wenn ich bei einem netten Thema gar nicht kritisch berichten wollte. Niemand wollte mit mir sprechen. Auf alle Emails, die ich geschrieben habe, habe ich nie eine Antwort bekommen. Alle Leute, die ich zur Recherche angerufen habe, haben gesagt: Wir rufen in fünf Minuten zurück. Und dann haben die sich nie wieder gemeldet und sind nicht mehr wieder ans Telefon gegangen. Man ist wirklich wahnsinnig misstrauisch gegenüber westlichen Journalisten. Die meisten Chinesen sprechen kein Englisch. Sie können also auch nicht gegenchecken, ob die chinesischen Medien "objektiv" berichten. Die westliche Berichterstattung wird allgemein als sehr negativ und missgünstig empfunden. Sie würde China ins Chaos stürzen wollen. Auch die Kollegen meinten: Ihr macht ja alles schlecht, euch geht es ja immer nur um Menschenrechte, ihr gönnt uns das nicht. Also wir als westliche Journalisten haben da kein besonders gutes Image.

Deutsche Chinaberichterstattung: nur schwarz oder weiß

Text: Matti Hesse
Fotos: (1) Katharina Hesse; (2,3) Kirsten Rulf
Teaserbild: Katharina Hesse

Veröffentlicht: 18.04.2012
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