Die schönste Nebenasche
Ein wenig Getippe auf der Tastatur, ein paar Klicks mit der Maus - und schon ist man nah dran an Diego, Ribery und Co. Kostenlose Live Streams aus dem Ausland sind echte Alternativen zum Bundesliga-Angebot der Pay-TV-Sender Premiere und T-Online. Aber sind sie auch legal?
Dortmund. Jein, sagt Medienrechtsanwalt Tobias Strömer, der sich seit elf Jahren mit Internetrecht beschäftigt. Und: Es kommt darauf an! Im Grunde gelten folgende Regeln:
Erstens: Wer auf einer ausländischen Seite deutschen Fußball guckt, kann das guten Gewissens tun (siehe § 44a Urheberrechtsgesetz). Strömer erklärt (0:19 Min.):
Anders sieht es aus, wenn für den Zuschauer deutlich erkennbar ist, dass es sich beim Sehen um einen unerlaubten Akt handelt. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn das gezeigte Bild das Premiere-Logo zeigt — und damit quasi den Button "Ich wurde geklaut" trägt. Denn dass sich hinter Premiere ein Pay-TV-Sender verbirgt und der Ausdruck "Pay-TV" nicht "Gratis-Fernsehen" heißt, wird dem Zuschauer als Wissen unterstellt. Auch wenn es laut Strömer bislang noch keinen Fall gibt, in dem ein Nutzer zur Kasse gebeten wurde, weiß der Experte: Würden die entsprechenden Fälle konsequent verfolgt, so könnte das für manchen Fußball-Fan teuer enden (0:20 Min.):
"Finger weg" von Tauschbörsen
Dritter Fall: die Tauschbörse. Bei Tauschbörsen verweist Tobias Strömer auf die Porno- oder Musikbranche, wo die Nutzung bereits seit einigen Jahren verfolgt und bestraft wird. Beim Austausch der Fußball-Übertragung sei die Rechtslage ähnlich. Und auch in der Verfolgung kann sich Strömer in Zukunft eine ähnliche Entwicklung vorstellen. Er erklärt: Indem der Nutzer nicht nur am Down-, sondern auch am Upload teilnimmt, wird er automatisch zum Sender — ohne entsprechende Lizenz. Daher sagt Strömer an dieser Stelle ganz klar: "Finger weg!" — und erklärt (0:23 Min.):
Verständlicherweise. Denn schnappt man einen, der herunterlädt, so verhindert man nur eine einzige Übertragung. Ertappt man jedoch einen anderen, der zugleich auch wieder Bilder zur Verfügung stellt, so verhindert man möglicherweise Tausende Übertragungen. Strömer rät: Wer schon nicht die Finger von Tauschbörsen lassen kann, der sollte zumindest die Upload-Funktion deaktivieren. Das ist in den meisten Fällen nämlich möglich.
Bei Spielen der Fußball-Bundesliga hat seit 2006/07 einzig die Kölner Sportcast, eine hundertprozentige Tochter der DFL, das Recht zu TV-Aufnahmen. Sie produziert das so genannte Basissignal der Spiele und leitet es an die Medien mit einer Lizenz zur Übertragung weiter.
Für die Vergabe dieser Lizenz kassiert die DFL (Deutsche Fußball Liga) - und damit die Vereine - in den kommenden vier Jahren 1,65 Milliarden Euro; dafür dürfen Premiere und T-Online die Spiele exklusiv live übertragen.
Exklusiv allerdings nur im Inland - denn die DFL vermarktet die Bundesliga zusätzlich im Ausland. Das spülte 2008 weitere 18 Mio. Euro in die Kassen (Quelle: Ernst & Young). Mit 4 Mio. Euro kassiert Bayern München davon den Löwenanteil, es folgt Werder Bremen mit 3 Mio. Euro - ein halber Diego.
Klar ist: Der Ball ist rund und der Fall ist bunt. Zwischen legal und illegal entscheiden oft Details — und die Qualität des Anwalts. Zur Zeit ist aber laut Strömer (noch) kein Fall bekannt, in dem in Deutschland ein Nutzer des kostenlosen Live Streams rechtlich belangt worden ist. Bahn frei also für die Sparer unter den Sport-Fans! Und wie reagieren darauf Premiere und T-Online?
Premiere schweigt zum Thema
Letzterer demonstriert gegenüber dem Medien Monitor Gelassenheit. Man vertraue auf die Qualität des eigenen Produkts, versichert Pressesprecher René Bresgen, während er von einer steigenden Abo-Zahl spricht. Schließlich fordert Bresgen dann aber doch eine Verfolgung des Konkurrenzangebots (0:11 Min.):
Und der Rechteinhaber - das ist die DFL. Premiere schweigt derweil zu dem Thema. Beide Pay-TV-Sender können im Grunde nur mit angezogener Handbremse agieren: Schließlich wollen sie die attraktive Lizenz zur Übertragung der Bundesliga nicht aufs Spiel setzen, stehen die Interessenten daran doch Schlange. Und die DFL?
Auch die hält offenbar lieber den Mund: Anrufe werden mit der Begründung abgeblockt, die gewünschte Info liege zur Zeit nicht vor. Man bittet um eine E-Mail, doch auch die bleibt wochenlang unbeantwortet. Wem die DFL im Ausland zu welchen Konditionen die Übertragung erlaubt — dazu möchte sie nichts sagen. Großes Interesse an einer Eindämmung des kostenlosen Angebotes aus dem Ausland dürfte sie ohnehin nicht haben. Denn der Export der schönsten Nebensache der Welt wird für die Vereine zur schönsten "Nebenasche".
Doppelsieg für den Zuschauer
Ein weiterer Gewinner steht ebenfalls fest: der Zuschauer. Der profitiert von den DFL-Deals mit dem Ausland gleich doppelt. Zum einen bringen sie Welt-Stars wie Diego oder Ribery in deutsche Stadien. Zum anderen kann er diese über das Internet auch noch kostenlos verfolgen. Das Bild ruckelt zwar hier und da, doch das könnte dank der technischen Entwicklung schon bald Vergangenheit sein. Und den ausländischen Kommentar sehen viele deutsche Nutzer sogar als willkommene Alternative zu Marcel Reif und Co. So hält der Boom des Gratis-Angebots weiter an — gerade zu Zeiten, zu denen in den Taschen der Menschen von einem Boom nichts zu spüren ist.
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Text und Audios: Florian Riesewieck
Teaserbild: Tobias Wietschorke
Bilder: www.stroemer.de, Kai Tiegelkamp
Screenshot: www.mysoccerplace.net



