Die rosa TV-Revolution
Die USA, Kanada und Frankreich haben es bereits: Fernsehen für Homosexuelle. Der schwul-lesbische Fernsehmarkt ist im Aufwind. Und auch Deutschland zieht bald nach.
Dortmund. Der erste deutsche TV-Sender für Schwule soll Ende des Jahres starten. Fernsehen für Homosexuelle hat Konjunktur. Dahinter steht der Wunsch einer Minderheit nach medialer Repräsentation. Ein Blick auf den deutschen Fernsehmarkt zeigt, dass diese noch unzureichend ist. Doch Fernsehen für Schwule ist schwerer als gedacht – vor allem unter privatwirtschaftlichen Bedingungen.
Der Journalist Felix Rexhausen schrieb in seinem Roman "Lavendelschwert" (1966) über eine fiktive homosexuelle Revolution folgendes Szenario über das Fernsehen: "Und mir selbst wurde an dem Abend ja unwohl als ich mitkriegte, was unsere Schwestern im Fernsehen machten, und zwar auf allen Kanälen. Die idiotischen Kerle hatten das Programm umgestoßen ... und jede Sendung, die sie zeigten, war noch tuckiger als die vorherige. Natürlich wimmelte es von Ballett, aber immer bloß Stücke mit Männern."
Schwule und Lesben sind im Fernsehen nur selten repräsentiert. Oft dominiert dabei die Sichtweise eines heterosexuellen Publikums. So kommt kaum eine Seifenoper ohne den klischeehaften Quotenschwulen aus und explizit homosexuelle Serien wie "The L-World" (Pro7) werden nur dann gezeigt, wenn sie auch für Heterosexuelle attraktiv genug sind. Ähnlich sieht es im non-fiktionalen Bereich aus. Hier tauchen Schwule und Lesben nur dann auf, wenn sie sich zum Christopher Street Day (CSD) den heterosexuellen Straßenzuschauern zeigen, es Straftaten gibt oder die neuesten AIDS-Statistiken herauskommen. Die Bilder sind dann – wie im Fall Moshammers und des Kannibalen von Rothenburg – mit Klischees überlagert und geben ein verzerrtes Bild wieder. Kein Wunder also, dass viele heterosexuelle Zuschauer bei Homosexualität zunächst an nackte Tatsachen und hemmungslosen Sex, Drogenkonsum, Gewalt und effeminiertes Verhalten denken.
Die Wirklichkeit aber sieht anders aus. Doch sie ist nicht im Fernsehen zu sehen – aus Angst vor mehr solch schrecklicher Bilder, aus Unwissenheit gegenüber dem Fremden und mangelnder Einsicht in das Bedürfnis von Schwulen und Lesben nach medialer Berücksichtigung.
Martin Rosenberg, Vorstand des Bundes Lesbischer und Schwuler JournalistInnen über mangelnde Präsenz homosexueller Themen in den Medien. (0:58 Min.)
Mehr Homothemen auf die Mattscheibe
Die gegenwärtige Repräsentation von Homosexuellen hält der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) für falsch und unzureichend. Er fordert deshalb die Aufnahme von schwul-lesbischen Interessensvertretern in die Rundfunkräte. "So lange Minderheiten ausgegrenzt werden, ist es notwendig, dass sie in zentralen Bereichen der Medien Mitsprache bekommen", so LSVD-Sprecherin Renate Rampf. Dahinter steht der Gedanke, als gesellschaftlich relevante Gruppe, wie es in den Rundfunkgesetzen heißt, wahrgenommen und schließlich sichtbar zu werden. Bisher sei das noch nicht der Fall, obwohl der Anteil von Schwulen und Lesben nicht unerheblich ist. Immerhin 7 bis 12 Prozent der Bevölkerung sind homosexuell. Die Zahl von Schwulen und Lesben ist damit etwa gleichauf mit der von Migranten (8,4 %). Sie sind als Minderheit in den Rundfunkräten vertreten.
Identitätsstiftung durch Bilder
Die Aufgabe des BLSJ ist einerseits der Einsatz für ein vorurteils- und diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld von Journalisten. Andererseits tritt er für eine realitätstreue und klischeefreie Berichterstattung über Schwule und Lesben ein. Dazu beobachtet er die Medien und legt in Einzelfällen Beschwerde beim Presserat ein. Außerdem würdigt der BLSJ die herausragende Berichterstattung über Lesben und Schwule jährlich mit dem Felix-Rexhausen-Preis.
Von der reinen Statistik abgesehen gibt es aber noch einen anderen Grund für eine stärkere Repräsentation von Schwulen und Lesben: die soziale und psychologische Funktion von Bildern und Themen. Tauchen Schwule und Lesben häufiger auf den Bildschirmen auf, so enttabuisiert und normalisiert das den Umgang mit Homosexualität – sowohl für ein heterosexuelles Publikum als vor allem auch für Schwule und Lesben selbst. Besonders können davon auch homosexuelle Jugendliche profitieren. "Es ist wichtig, dass sie mit ihrem Wissen über ihre eigene Sexualität, mit dem sie erstmal allein sind, erfahren, dass es noch andere Schwule und Lesben gibt. Das wirkt identitätsstiftend", sagt Patrick Kremers, Chefredakteur des schwulen Jugendmagazins "dbna".
Axel Bach, Vorstand des Bundes Lesbischer und Schwuler JournalistInnen über die Vorbildfunktion lesbisch-schwuler Journalisten. (0:19 Min.)
Die medialen Bilder helfen, sich seiner Sexualität und damit seiner Persönlichkeit zu vergewissern – ein Bedürfnis, dass jeder Mensch hat und das eine gebührende Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben notwendig macht.
"Als jemand leben zu müssen, über den es keine Bilder gibt, stelle ich mir schrecklich vor", sagt Eva Hohenberger überspitzt. Die Medienwissenschaftlerin lehrt an der Ruhr-Universität Bochum u.a. die Geschichte des schwul-lesbischen Kinos. Es ist eine Geschichte der visuellen und thematischen Selbstermächtigung von Homosexuellen.
Selbstermächtigung auf dem Fernsehmarkt
Ein ähnlicher Prozess der Selbstermächtigung, wie er in der Filmbranche stattfand, lässt sich seit der Jahrtausendwende auch auf dem Fernsehmarkt feststellen. In verschiedenen westlichen Ländern gab und gibt es Anstrengungen, TV-Sender nur für Schwule und Lesben zu gründen. Aktuell senden OUTtv (seit 2001, Kanada), PinkTv (seit 2004, Frankreich) und logo (seit 2005, USA) ein explizit schwul-lesbisches Programm. Besonders auffällig ist, das sowohl in den USA als auch in Frankreich die Sender durch offen schwule Personen vorangetrieben wurden: Pascal Houzelot ist Gründer und Haupteigner von PinkTv, Brian Graden ist der Kopf hinter logo und mittlerweile Unterhaltungschef von MTV. Es ist, als schaffe eine Minderheit sich ihre eigenen Bilder, da diese nicht ausreichend vorhanden sind.
Ähnlich gestaltet sich die Entwicklung derzeit auch in Deutschland. Der für Ende des Jahres angekündigte deutsche Fernsehsender für Schwule TIMM wird maßgeblich von Frank Lukas Horsthemke forciert. Als offen schwuler Fernsehproduzent und Moderator des einstigen schwul-lesbischen Magazins "andersTrend" (RTL) ist er bereits für schwul-lesbische Medieninhalte bekannt. Mit TIMM nimmt Horsthemke nun ein Programm ausschließlich für Schwule in Angriff.
Finanzierung problematisch
"Wir wollen schwul nicht mehr erklären", sagte Frank Lukas Horsthemke, Senderchef, gegenüber dem Medienmagazin dwdl über den Ansatz des Programms. Es ginge darum, die Vielfalt der Lebensentwürfe zu zeigen. Bewusst will TIMM dabei auf Klischees und Stereotype verzichten.
Der Sender ist das Produkt der eigens gegründeten Deutschen Fernsehwerke, hinter denen private und institutionelle Investoren stehen, die vorerst unbenannt bleiben.
TIMM sollte ursprünglich im vergangenen Herbst mit der Ausstrahlung beginnen. Der Senderstart wurde bereits zweimal verschoben und soll nun Ende des Jahres erfolgen. Die Verbreitung ist digital und in den Ballungsräumen auch analog vorgesehen.
Mit der Konzentration auf Schwule unterscheidet sich TIMM allerdings von allen bisherigen schwul-lesbischen Sendern. Sie alle haben auf eine Verknüpfung von schwulen und lesbischen Themen gesetzt. Der Hauptgrund dafür dürfte ökonomischer Natur sein: Die Ansprache von Schwulen und Lesben deckt zwei Minderheiten ab und verdoppelt die Zielgruppe. Warum die Macher von TIMM sich dagegen entschieden haben, bleibt ungewiss. TIMM stand für ein Interview nicht zur Verfügung. Ein denkbarer Grund könnte jedoch sein, dass Schwule und Lesben weniger gemeinsam haben als angenommen.
Doch egal was letztlich diese Entscheidung herbeigeführt hat, Fakt ist: TIMM soll frei empfangbar sein. Und so muss der Sender sich durch Werbung finanzieren. Aber die Zielgruppe ist bereits im Vorfeld beschnitten. Und auch die Annahme, dass die Werbeindustrie Schwule als besonders attraktiv erachtet, kann dies nicht ausgleichen. Das beweisen die vielen schwulen Monatszeitschriften, die in den letzten Jahren immer wieder an der Finanzierung scheiterten. Den Grund dafür benennt Volker Nickel, Sprecher des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft: "Die Vorstellung, Schwule seien vermögend und early adapters, mag punktuell richtig, aber nicht generalisierbar sein."
Axel Bach, Vorstand des Bundes lesbisch-schwuler Journalisten über die Wirtschaftlichkeit eines Spartensenders. (01:12 Min.)
Keine Klischees, sondern echte Themen
Doch was verbirgt sich hinter einem solchen Programmschema? Der Blick zu logo in den USA zeigt, dass hauptsächlich fiktionale und Reality-Formate die Sendezeit füllen. Das ist kein Wunder, immerhin ist logo ein Sender des MTV Networks, das wiederum zum Medienkonzern Viacom gehört. Viele Sendungen und Serien sind deshalb kostengünstig zu haben – sind sie doch ohnehin schon produziert oder lassen sich gut in der eigenen Sendergruppe oder dem kanadischen OUTtv weiterverwerten.
In Deutschland könnte es allerdings ein wenig anders laufen. Zwar hat TIMM bereits mit seinem Reality-Format "Homecheck" ein Pendant zum US-amerikanischen "Room-Raiders" (MTV) geschaffen. Weitere Adaptionen sind aber bisher noch nicht bekannt. Und für Fernsehserien aus dem Ausland gilt ohnehin: Sie müssen extra eingekauft und synchronisiert werden, was für einen kleinen Sender sehr teuer ist. Hochwertige Eigenproduktionen dürften ebenso am Budget scheitern. Ein klischeehafter Homosender, der nur seichte Unterhaltungsformate in schwulen Varianten zeigt, ist somit eher unwahrscheinlich.
Das zeigen auch die ernsthaften Bestrebungen nach einer tagesaktuellen Berichterstattung. Ein Netzwerk aus Videojournalisten soll aus den Großstädten München, Hamburg und Köln berichten. In der Berliner Sendezentrale laufen alle Fäden zusammen. Das erhoffte Ergebnis: Eine halbstündige Magazinsendung täglich. An Bord geholt hat TIMM sich dazu den Chefredakteur des schwulen Hauptstadtmagazin Siegessäule. Er soll das Ressort "News und Politik" leiten. Im Blog des Senders schreibt er zu seinem Ziel: "Klischees kann man am besten entgegen wirken, indem man echte Bilder von etwas verbreitet. Und vieles, was schwule Männer interessiert, kommt auf anderen Sendern eben nicht vor. Unsere News werden schon allein deswegen einzigartig sein."
Ghettoisierung versus Integration
Mit dem Ziel, täglich neue schwule Themen zu zeigen, trifft TIMM genau das Bedürfnis vieler schwuler Männer. Laut der Studie von Felicitas Morhart vereint alle schwulen Typen der Wunsch nach einer stärkeren Sichtbarkeit in den Medien. Lediglich bei der Art und Weise scheiden sich die Geister. "Die Paradiesvögel wollen ein eigenes TV-Angebot", sagt Morhart. Hingegen bevorzugen alle anderen Typen die Repräsentation eher "integrierend als ghettosisierend".
Vielleicht ist aber auch beides möglich: Ein eigener Sender für Schwule und mehr Sichtbarkeit von Homosexuellen im Mainstream-Programm. Ersterer könnte sogar beeinflussend wirken. Durch einen explizit schwulen Sender würde über Themen berichtet werden, die sonst vollkommen untergingen: ein TV-Sender als Agenda Setter für schwule Medieninhalte. Und vielleicht schaffen diese dadurch den Sprung in das Mainstream-Programm oder in andere Medien. Schön wäre es – nicht nur im Sinn der publizistischen Vielfalt.
Homepage Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen
LSVD Berlin-Brandenburg - Fünfjahresplan zur Lesben- und Schwulenpolitik in Berlin
TIMM - Erster schwuler TV-Sender in Deutschland
Die drei bisherigen schwul-lesbischen TV-Sender:
logo
OUTtv
PinkTV
Text und Audios: Falk Steinborn
Teaserfoto: Fotomontage Falk Steinborn
Fotos: stock.xchng - Maciej Pawlik, Piotr Bizior
Pressefoto Axel Bach und Martin Rosenberg, Frank Lukas Horsthemke, screenshot timmtv.com





