Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Die neue Drei-Klassen-Gesellschaft

Prof. Bernhard Pörksen

Tübingen. Die wirtschaftliche Situation in Deutschland ist schwierig. Die Medienbranche bleibt davon nicht unberührt. Medien Monitor sprach mit Journalistik-Professor Bernhard Pörksen über die Zukunft des Journalismus, die Mentalität des Journalistennachwuchses und die verschiedenen Journalistenkasten.

Die Wirtschaft befindet sich in einer Krise. Der Journalismus auch?

Pörksen: Der Journalismus ist in einer dreifachen Krise: Es gibt eine Konjunkturkrise, die mit einer großen Unmittelbarkeit auf den Printjournalismus durchschlägt. Daneben steckt der Journalismus in einer Strukturkrise. Es geht um die Frage, wie man der Abwanderung von Anzeigen ins Internet, die eine wesentliche Finanzquelle für Qualitätszeitungen waren, begegnen kann. Diese Frage scheint mir ungelöst. Schließlich gibt es - dies wäre meine dritte Krisendiagnose - eine Kreativitätskrise. Man ist verängstigt, verunsichert von einer wachsenden Zahl von Untergangspropheten, die den Niedergang der Printmedien prognostizieren. Das ist kein gutes Klima, um Ideen zu entwickeln.

Der Qualitätsjournalismus droht in den wirtschaftlichen und strukturellen Turbulenzen verloren zu gehen, titelte die FAZ vor kurzem. Die klassischen Medien befänden sich in der größten Sinnkrise ihrer Geschichte, berichtete die Süddeutsche Zeitung. Wie steht es tatsächlich um die Zukunft des Journalismus?

Zur Person:
Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Der 40-Jährige studierte an der Universität Hamburg und der Pennsylvania State University Germanistik, Journalistik und Biologie, volontierte beim Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt und arbeitet seit über zehn Jahren als Journalist und Buchautor. Im Rahmen von Lehrforschungsprojekten sind verschiedene Bücher mit Studierenden entstanden (zuletzt: "Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung", Herbert von Halem Verlag, Köln 2009). 2008 wurde Bernhard Pörksen zum "Professor des Jahres" gewählt. Zu seinem Forschungsschwerpunkt gehören der Medienwandel und die Veränderung von Berufsfeldern und Kompetenzprofilen.

Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Wissenschaft arbeitet mit dem Rücken zur Zukunft. Er meinte damit, dass ein seriöser Wissenschaftler eigentlich keine Zukunftsprognosen abgibt. Was man jedoch in der Gegenwart sehen kann ist, dass der Qualitätsjournalismus tatsächlich bedroht ist. Die Eine-Million-Euro-Frage lautet: Wie lässt sich Qualität refinanzieren? Gleichwohl: Ich möchte mich nicht an den düsteren, oft apokalyptischen Prognosen beteiligen, die man im Moment überall hören kann. Nach dem Motto: Am 5. Januar 2040 wird die letzte Zeitung erscheinen; das halte ich für reinen Unsinn.

In welchen Bereichen sind Arbeitsplätze aufgrund der Wirtschaftskrise besonders stark gefährdet?

Ganz klar, im Printjournalismus. Sinkende Anzeigenpreise, steigende Papierkosten, der allgemeine Leserschwund, die Abwanderung von Anzeigen - die Printmedien sind sicher ein besonders bedrohtes Segment.

Gibt es Medien, die Hoffnung machen und Vorbild für erfolgreichen Journalismus im Printbereich sein können?

Wird sich die wirtschaftliche Situation für Journalisten wieder verbessern oder ist die Krise nur Katalysator einer grundsätzlichen Entwicklung hin zu einer Gesellschaft mit weniger professionellen Journalisten?

Sie kennen ja meine Zurückhaltung, was Prognosen angeht, ich argumentiere daher lieber mir der Vergangenheit: Nach dem Platzen der New-Economy-Blase gab es auch eine Krise, von der sich der Journalismus jedoch dann glücklicherweise wieder erholt hat. Und mit einem Mal wurden wieder interessante Projekte begonnen. Insofern kann man sagen: Wenn die Wirtschaft wieder anzieht, werden sich auch die nun bedrängten Formen des Journalismus wieder erholen. Natürlich werden im Netz weniger professionelle Formen des Journalismus ausprobiert, aber das ist auch eine Lernchance für die Traditionalisten der Profession, die mit ganz anderen Darstellungsformen konfrontiert werden.

Die wenigen Stellen, die zurzeit offen ausgeschrieben werden, sind hart umkämpft. Festanstellungen werden immer seltener. Wird sich die Situation in Zukunft entspannen?

Die Zeiten der Festanstellung und der beruflichen Automatismen - man besucht eine Journalistenschule oder ein renommiertes Institut und hat danach eine Festanstellung - sind in der Tat vorbei.

Welche Bedeutung spielen Netzwerke unter Journalisten? Entscheiden im Medienbereich vor allem persönliche Beziehungen über Erfolg und Misserfolg?

Networking und Beziehungspflege sind ungeheuer wichtig, weil sie den Eintritt ermöglichen. Allerdings gibt es im Journalismus eine Art Beziehungsmythos, der besagt: Man muss nur den Richtigen kennen, um an eine Festanstellung zu kommen. Das stimmt nicht. Vielmehr gilt: Man muss jemanden kennen, um sich überhaupt präsentieren zu können, aber wenn man den Aufgaben nicht gewachsen ist, ist man ganz schnell wieder weg. Networking öffnet Türen, verschafft aber noch keine gesicherte Positionen.

Welche Qualifikationen braucht ein Journalist, damit er trotz der genannten Schwierigkeiten kompetent für die Zukunft aufgestellt ist?

Die Formel, die mir einleuchtet, ist die des spezialisierungsfähigen Generalisten, er managt die Widersprüche zwischen gegenläufigen Anforderungen. Als Generalist hat der Journalist die Befähigung, sich sehr schnell auf unterschiedliche Themen und Anforderungen einzustellen. Wenn er jedoch sieht, dass bestimmte Themen im Kommen sind, muss er seine Intelligenz daran setzen, sich auf ein Spezialgebiet zu fokussieren und sich kompetent einzuarbeiten.

Der Journalismus hat aufgrund der Entwicklung des Web 2.0 seine Gatekeeper-Funktion verloren. Die wirtschaftliche Lage im Mediensektor ist unsicher. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Journalisten von heute. Sie müssen immer schneller Informationen liefern, crossmedial publizieren und flexibel sein. Können Sie angesichts dieser Situation jungen Menschen überhaupt noch empfehlen, Journalist zu werden?

Externe Links

"Was würde uns fehlen ohne Journalismus?" - Blogger Stefan Niggemeier spricht in der FAZ darüber, wie die Branche zukunftsfähig wird.

"In Zukunft werden Journalisten Alleskönner sein" - Studie der Universität Leipzig

Text/Audios: Paulina Henkel

Foto: privat

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 28.09.2009
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