Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Die inszenierte Geschichte

Die vergangenen Jahrzehnte brachten uns TV-Events, Public Viewing und Web-Ticker. Medienereignisse gibt es aber schon mindestens seit dem 16. Jahrhundert, sagen einige Forscher. Eine Reise durch die Geschichte zeigt: Spektakuläre Ereignisse haben dafür gesorgt, dass die Medien immer schneller und professioneller geworden sind.

Am 7. Juni 2007 saßen die mächtigsten Menschen der Welt zusammen in einem riesigen Strandkorb. Einige Meter entfernt standen dutzende Fotografen und Kameramänner. Die Bilder vom G8-Gipfel in Heiligendamm wurden in allen Abendnachrichten gezeigt, hunderte Zeitungen auf der ganzen Welt druckten sie auf der Titelseite. Und alle Betrachter wussten: Hierbei handelte es sich um eine Inszenierung, um ein künstlich geschaffenes Ereignis, ausgeklügelt von gut bezahlten PR-Managern.

Am 31. Oktober 1517 stand ein Mann mit Glatze vor der Schlosskirche in Wittenberg. Martin Luther schlug, so ist es überliefert, seine 95 Thesen an die Kirchentür. Der Beginn der Reformation.

Martin Luthers 95 Thesen - hier auf Lateinisch gedruckt.

Fast 500 Jahre liegen zwischen diesen Ereignissen – und doch lässt sich eine Gemeinsamkeit finden. "Schon die Reformation war ein Medienereignis", sagt Frank Bösch, Professor am Historischen Institut der Uni Gießen. Nach seiner Auffassung, die von vielen Forschern wie der US-Amerikanerin Elizabeth Eisenstein geteilt wird, hat die Erfindung des Drucks die Reformationsbewegung erst entfacht. Gleichzeitig hat die Kirchenrevolution die Medienlandschaft selbst umgewälzt. "Die Medien expandierten und wurden volkssprachlicher", so Bösch.

Eine Auswahl von Medienereignissen - mit Links zu weiterführenden Seiten, Zeitungstitelseiten und Videos (für eine vergrößerte Ansicht: Klick auf "View in Dipity"):

Das galt für viele einschneidende historische Ereignisse: Sie sorgten für Umbrüche in der Medienlandschaft. Der Dreißigjährige Krieg? Führte zur Expansion der Zeitungen in Westeuropa. Die Revolutionen in Frankreich und anderen europäischen Ländern? Politisierten die europäische Presse und sorgten bei den schnellsten Zeitungen für eine Auflagenexplosion. Die Liste lässt sich fortsetzen – bis hin zum 11. September 2001, den einige Wissenschaftler als bedeutend für den Durchbruch des Internets zum Informationsmedium ansehen.

Der unterbrochene Alltag

Aufmacher der New York Times zum Titanic-Untergang.

Medienereignisse wie die Mondlandung 1969 sind nach dieser Lesart also keine neuen Phänomene. Schon andere Ereignisse fesselten große Teile der europäischen oder globalen Öffentlichkeit. Die Trauer oder der Spott über den Untergang der Titanic 1912 ist ein früheres "Medienereignis der kommunikativ angeschlossenen Welt", wie Frank Bösch sagt.

Die Titanic-Katastrophe ist gleichzeitig ein anschauliches Beispiel, das die Frage beantwortet: Warum nehmen wir bestimmte Vorgänge als (Medien)-Ereignisse wahr?

  • Wichtige Ereignisse dominieren unser Geschichtsbild. Es gibt eine Zeit vor dem Ereignis und eine Zeit nach dem Ereignis. Vor dem Untergang der Titanic war die Technikbegeisterung vieler Menschen riesig – nach dem Untergang wurde technischer Fortschritt eine Zeit lang skeptischer wahrgenommen.
  • Medienereignisse "unterbrechen die alltägliche Kommunikation", wie die Wissenschaftler Daniel Dayan und Elihu Katz sagen. Als Europäer und US-Amerikaner war es beinahe unmöglich, sich 1912 der Titanic-Katastrophe zu entziehen. Noch Tage danach berichteten Zeitungen auf ihren Titelseiten darüber.
Spiegel-Titel nach den Olympia-Anschlägen 1972.

Oft in der Geschichte wurden mediale Ereignisse vorbereitet, die Berichterstatter schürten gezielt die Erwartungshaltung – so bei der Mondlandung. Trotzdem: Niemand kann voraussagen, welches Spektakel zum geschichtsträchtigen Ereignis wird und welches nicht. Die Olympischen Spiele 1936 (Berlin) oder 1972 (München) werden auf der Welt noch heute als Medienereignisse mit Zäsurcharakter wahrgenommen, die Spiele von 1976 im kanadischen Montreal beispielsweise dagegen nicht. Obwohl oder gerade weil sie viel mehr im Geiste des olympischen Gedankens verliefen.

Historiker Frank Bösch erklärt, warum nicht jedes Ereignis ein Medienereignis ist (1.07 Min.):

Die Varus-Schlacht als Medienereignis?

Die Kommunikationswissenschaft befasst sich erst seit den 1970er Jahren mit dem Begriff des Medienereignisses. Eine allgemein akzeptierte Definition gibt es nicht. Der Dortmunder Journalistik-Professor Horst Pöttker (siehe auch hier im Video-Interview) unterscheidet zwei Kategorien von Medienereignissen:

  • Ereignisse, die ohne Medien nicht stattgefunden hätten – also die Live-Aid-Konzerte oder wohl auch die Anschläge vom 11. September, die von Terroristen bewusst genutzt wurden, um in die Öffentlichkeit zu dringen.
  • Ereignisse, deren Bedeutung für uns von den Medien konstruiert wurde. "Dazu kann man dann auch schon die Varus-Schlacht zählen", sagt Pöttker.

Egal welche Definition man anwendet: Politischen Akteuren ist die Bedeutung der Medien bewusst, die durch ihre Berichterstattung unser Geschichtsbild prägen. Beeinflussen können sie die mediale Geschichtsschreibung aber nur bedingt. Der G8-Gipfel von Heiligendamm wird in 100 Jahren vielleicht noch als Medien-Event des frühen 21. Jahrhunderts betrachtet werden – aber mangels greifbarer politischer Konsequenzen wohl eher nicht als herausragendes historisches Ereignis. Trotz schöner Bilder.

Text und Audio: Andreas Block
Zeitstrahl/dipity.com: Andreas Block
Fotos: Melchior Lotter / New York Times / SPIEGEL-Verlag, Nr. 38, 1972
Teaserfoto (Ausschnitt): New York Times

Veröffentlicht: 07.07.2009
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