Die gefährliche Welt des WWW
Nach der Schule zum Chatten ins Internet, danach vor den Fernseher und nebenbei mit dem Handy die neusten Klingeltöne herunterladen – die Medien beherrschen die Welt der Jugendlichen und müssen oft als Sündenbock für schlechte Noten, Gewalt und fehlendes Sozialverhalten herhalten. Viele Eltern wollen ihre Kinder vor der neuen großen Welt der Medien bewahren – obwohl sie Blog und Studi-VZ eigentlich von früher kennen müssten.
Dortmund. Egal wo sich ihre Kinder aufhalten, überall laufen Fernseher und an jeder zweiten Ecke können sie in Internetsuchmaschinen fast jeden Suchbegriff eingeben. Meistens haben die Eltern keine Ahnung, was ihre Kinder wann und wo zu sehen oder zu hören bekommen. Ihre Kontrolle ist nur begrenzt und häufig kennen sich die Kinder sogar weit besser mit den neuen Medien aus als Mama und Papa. Die Verunsicherung auf Seiten der Eltern ist groß, so groß, dass manche Eltern ihren Kindern das Internet am liebsten ganz verbieten würden. Darum stellen Kommunikations- und Medienwissenschaftler sich die Frage, wie eine gute Medienerziehung heute aussehen muss, damit die Gefahren vermieden und die Chancen der Medien genutzt werden können. Wie wird man dem neuen Medienkonsum der Heranwachsenden gerecht? Wie lange sollte ein Kind fernsehen dürfen? Welche Internet-Seiten sind geeignet? Wie kann und soll man Kinder und Jugendliche bei der Internet-Nutzung unterstützen?
Um diese und ähnliche Fragen zu beantworten, muss das Nutzungsverhalten genau analysiert werden. Doch das ist nicht ganz einfach. Denn wie Kinder und Jugendliche überhaupt Medien konsumieren, was sie sich anschauen und wie sie das Internet nutzen, ändert sich ständig. "Bei der Frage nach der Unentbehrlichkeit verschiedener Medien entschied sich 2007 mit 47% fast die Hälfte der 12- bis 19-Jährigen für Computer und/oder Internet, 18% votierten für den MP3-Player und 15% für das Fernsehen", schreiben Sabine Feierabend und Walter Klingler in ihrer Studie "Was Kinder sehen". Das Internet ist also klar auf dem Vormarsch und es ist an der Zeit sich diesen Nutzungsgewohnheiten auch in den pädagogischen Maßnahmen anzupassen.
Internet: Gefahr oder Chance?
Das Internet spielt in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen inzwischen eine entscheidende Rolle, sagt Franz Josef Röll, Professor für neue Medien und Medienpädagogik an der Fachhochschule Darmstadt, auf einer Medienfachtagung von Mekonet (0:31 Min.):
Ihm sind natürlich auch die Gefahren hinlänglich bekannt. Jugendliche und Kinder können über die verschlungenen und endlosen Wege des World Wide Web schnell auf Seiten mit Sex, Gewalt und faschistischem Inhalt gelangen.
Die Digitalisierung ihrer Lebenswelt kann Jugendliche (und Erwachsene) aber auch noch in andere Schwierigkeiten bringen – zum Beispiel tappen viele in die Kostenfalle beim Handy-Download. Viele junge Menschen verschulden sich, um die neusten Videos und Klingeltöne auf ihr Handy zu laden. Andere kapseln sich fast komplett von der Realität ab, weil sie sich vollkommen in ihren Onlinespielen oder digitalen Welten verlieren.
Aber es ist nicht nur das. Alle, eben auch Jugendliche, hinterlassen auf ihrer Reise durchs Internet Spuren. Surfgewohnheiten und kundenbezogene Daten bleiben im Netz. Der User wird immer durchsichtiger und die Sammlung der personenbezogenen Daten immer größer. Für Röll bergen die Medien jedoch auch großes Potential und Chancen, die man nicht vernachlässigen darf (0:47 Min.):
Es sei wichtig, dass Kinder und Jugendliche lernten die Medien aktiv zu nutzen und sie sich anzueignen. Die Medien bieten Identifikationsfiguren und Gefährten, von denen Kinder lernen können. Sie gingen so genannte schwache Beziehungen ein, sagt Röll, und lernten so für das wirkliche Leben (1:03 Min.):
Das Internet wird zur Plattform der Selbstvergewisserung, -entfaltung und -reflexion. Der Kreativität und Identitätsfindung sind hier kaum Grenzen gesetzt. Für Röll ist der Blog "das neue Tagebuch", die Jugendplattform Habbo "der neue Spielplatz", das Schüler- / Studi-VZ oder myspace "das neue Poesiealbum", die Knuddels-Community "der neue Dorfplatz", youtube "der neue Videorekorder" und icq "das neue Telefon".
"Da sind manchmal echt krasse Sachen dabei"
Alexander Schmitz ist 14. Er ist der typische jugendliche Mediennutzer. Er spricht tatsächlich über Icq mit seinen Freunden und lernt in verschiedenen Communities neue Leute kennen. "Jeden Nachmittag nach der Schule treffe ich hier nochmal alle meine Freunde", sagt er. Für ihn ist das Internet an erste Stelle gerückt. "Ich habe zwar einen Fernseher, der oft läuft, aber hauptsächlich chatte ich im Internet oder zocke." Für Jugendliche wie Alexander gehört es zu ihrem täglichen Leben im Internet Freunde zu treffen, und wer nicht mitmacht, ist schnell Außenseiter.
"Meine Leute haben alle ihren eigenen Computer und am Nachmittag schreibt man sich dann halt einfach mal an", erzählt Alexander. Auch Professor Röll meint, dass Jugendliche selbstständig und durch Freunde lernen, die digitale Welt zu gestalten und zu nutzen (1:10 Min.):
Natürlich ist Alexander im Netz und durch das Handy auch schon mit den Gefahren, die Röll beschreibt, in Kontakt gekommen. "Klar werden in der Schule Videos getauscht. Da sind dann manchmal echt krasse Sachen dabei." Was das genau ist, bekommen Eltern und Lehrer oft gar nicht mit. Die Jugendlichen davor bewahren? – Fast unmöglich!
Weil sich die Medien verändern und die Nutzung durch die Jugendlichen erst recht, ist die Vermittlung von Medienkompetenzen und die Erziehung in Sachen Medien in Schule und Elternhaus entscheidend. Damit diese Maßnahmen auch richtig greifen und die Richtigen treffen, hat Dorothee Meister, Professorin an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn, in ihrer Forschung versucht, die verschiedenen Mediennutzungstypen unter Jugendlichen zu definieren.
Bei der Medienerziehung müsste auf jeden Typen richtig eingegangen werden, meint Meister. Ihr Fazit für Eltern und Erzieher (0:44 Min.):
Auch Detlef Ruffert, Experte vom hessischen Institut für Medienpädagogik und Kommunikation, ist der Meinung, dass Medienerziehung bei den Eltern anfängt (1:13 Min.):
Artikel: Agnes Heitmann und Kathrin Strehle
Fotos: pixelio/Stefanie Hofschlaeger; Agnes Heitmann und Kathrin Strehle



